Zimetstärn hani gärn
Vielen Chemikern und Medizinern fehlt das Verständnis für die Kräfte der Natur – deshalb verteufeln sie immer wieder bewährte Heilpflanzen und Gewürze und setzen sie auf die Liste der gefährlichen Stoffe.
Vor Jahresfrist hat eine Kassensturz-Sendung des Schweizer Fernsehens das anlaufende Weihnachtsgeschäft mit Zimtgebäck praktisch zum Erliegen gebracht. Grund dafür: Cumarin, das als lebertoxischer Begleitstoff von Zimt dargestellt wurde. Zimtsterne wurden flugs aus den Verkaufsregalen verbannt, und eines der ältesten Gewürze der Menschheit in Verruf gebracht. Doch wie so oft erwies sich die Überreaktion der Laboranalytik als Strohfeuer: Dieses Jahr dürfen Zimtsterne wieder frohen Herzens genossen werden.
Seit mehr als einem Dutzend Jahren wird das Thema Cumarin nun diskutiert. Erstes Opfer der Laboranalytik war der Waldmeister, der wie Heu, Luzerne und Klee den typischen frischen Cumarinduft ausströmt. Und nun sind Zimt und auch Cassie an der Reihe, Gewürze, die für Millionen von Menschen – vor allem in Indien und Sri Lanka – mit uralten Traditionen verbunden sind.
Cumarin, ein natürlich in Pflanzen vorkommender Stoff, ist wegen seiner physiologischen Wirkungen für die pharmazeutische Industrie von höchstem Interesse. Als Phenprocoumon bildet es Grundlage für Arzneimittel, die als Gegenspieler zum Vitamin K die Gerinnungsfaktoren im Blut herabsetzen. Medikamente wie Marcoumar werden zur Vorbeugung von Thrombosen und Lungenembolien eingesetzt – vor allem in Langzeitbehandlungen und mit hohen Cumarindosierungen.
Zimt wird seit Jahrtausenden in kleinen Mengen als Gewürz verwendet, ohne dass Nebenwirkungen bekannt sind, so dass es bei gelegentlichem Verzehr als Gewürz keinerlei Einwände gibt. Allerdings sind seit einiger Zeit Zimtkapseln – meist auf Cassie-Basis – als Nahrungsergänzungsmittel oder als diätetisches Lebensmittel zur Blutzuckersenkung bei Diabetes Typ II auf dem Markt. Diese sollten nicht als Nahrungsergänzungsmittel, sondern müssen als Arzneimittel eingestuft werden, damit mögliche Nebenwirkungen erfasst werden.
Die Naturheilkunde weiss mehr
Zimt und Cassie sind also verwandt, jedoch im Geschmack recht unterschiedlich. Die Cassierinde ist im Gegensatz zu den Zimtstangen gröber, dunkler und hat eher das Aussehen einer Baumrinde. Sie ist Bestandteil vieler Gewürz-, Curry- und Teemischungen, wirkt blähungshemmend und verdauungsfördernd. Die getrockneten Knospen des Kassienbaums werden in Südostasien gern als eingelegte Pickles gebraucht. Ihr Geschmack ist moschusartig süss mit der typischen leicht pfeffrigen Note. Cassie wird in der ayurvedischen Medizin als Tonikum verwendet sowie zur Vorbeugung und Behandlung von Brechreiz, Blähungen und Durchfall eingesetzt. Das Kauen von etwas Zimtpfeffer-Rinde hilft wie Ingwer gut bei Reisekrankheiten und Übelkeit.
Cassie hat sich vor allem in den USA durchgesetzt. Bekannt geworden ist es als geschmackgebender Teil der Trident-Kaugummis. Der Zimtpfeffer, wie Cassie auch noch genannt wird, ist rassiger und gibt Currymischungen neben seinen wohltuenden Wirkungen für Stoffwechsel und Verdauung eine besondere Note.
Ein Erbe der Kelten
In der Natur nehmen wir vieles zuerst mit der Nase wahr – ein Sinneseindruck, der tief geht: Duftendes Heu und duftender Waldmeister, Lavendel auf dem Feld oder im Kleiderschrank, der süsse Geruch von Labkraut und Steinklee – überall ist die Wirkung der Cumarine präsent. Im Steinklee, der früher zwischen die Wäsche gelegt wurde, um Motten zu vertreiben, wirken Cumarinverbindungen. Die Pflanze schenkt uns also ein sanftes Mittel, um lästige Insekten zu vertreiben.
Der Waldmeister mit seinen Cumarinverbindungen spielte an den kultischen Festen der Kelten zu Ehren des Belenos, dem Roodmasfest, später Walpurgisnacht, eine Rolle. Am Maifest, der Hochzeit des Belenos, im Jahreskreis Halloween/Allerheiligen gegenüberliegend, flogen die Töchter Holles aus, um Fruchtbarkeitszauber zu treiben. Mit Waldmeister wurde ein berauschendes Getränk hergestellt, mit dem der Beginn der hellen Jahreszeit festlich und vielleicht auch ein wenig orgiastisch eingeleitet wurde.
Auf welchen Aktivismus der Laboranalytik müssen wir in Zukunft gefasst sein? Die Natur hält nämlich noch weitere Gefahren bereit: Apiol, der Hauptwirkstoff der Petersilie, ist überdosiert giftig. In Sellerie ist ein Stoff enthalten, der Psoralen heisst und der in bestimmten Tierversuchsanordnungen die DNA angreift. Und Salbei enthält wie Wermut (Absinth) Thujon, einen Stoff, der anregend wirkt und die Kreativität fördert, in höheren Dosen jedoch nervenschädigend ist. Es gibt noch viel zu tun.
Autor
Heinz Knieriemen ist Spezialist für Gesundheits- und Ernährungsthemen. Erschreibt seit über 20 Jahren für «Natürlich» und hat im AT Verlag mehrere Bücher herausgegeben.
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