Wunder passieren

David Coulin | Ausgabe 09 - 2010

Beim Passwandern geht es nicht um Kilometer und Höhenmeter, sondern darum, mit jedem Einblick in ein neues Tal eine neue Welt zu entdecken – etwa auf dem Alpenpässe-Weg über den Saflischpass zum Simplon.

Das Pässewandern ist eine eigene Disziplin mit einem eigenen Publikum. Es sind nicht die Berggänger, die den distanzierten Rundumblick vom Gipfelpunkt aus suchen oder die Bestätigung, diesen und jenen Berg «gemacht» zu haben – es sind Wanderer, die sich von Neugierde getrieben die Pässe Furggeln oder Bocchette hinaufwinden. Es geht nicht darum, Kilometer abzuspulen und Höhenmeter abzuhaken. Es geht darum, mit jedem Tal eine neue Welt zu entdecken – und eine andere hinter sich zu lassen.

Der Alpenpässe-Weg führt deshalb viele der schönsten und eindrucksvollsten Übergänge der Bündner und Walliser Alpen in einer einzigen, durchgängigen Route zusammen. Das Resultat ist eine fordernde, aber auch begeisternde Wandertour in den Alpen mit 34 Etappen. Höhepunkt reiht sich dabei an Höhepunkt, von der Greina-Hochebene bis zur Pässe- und Seenlandschaft am Fuss der Dents du Midi, vom Griespass bis zum Col de Sorebois.

Walliser Charakter

Bemerkenswert ist dabei, wie der Charakter der Etappen zwischen dem Bündnerland und dem Wallis wechselt. Zwischen Chur und dem Nufenenpass durchwandert man ein Ensemble ineinander verschachtelter Talschaften, in denen drei verschiedene Sprachen – Deutsch, Rätoromanisch und Italienisch – gesprochen werden. Aber nicht nur die Sprache, sondern auch die Kulturlandschaft präsentiert sich ganz anders, ob man den Rhein entlang vom aufstrebenden Chur nach Tamins schlendert, ob man oberhalb von Dörfern mit so klingenden Namen wie Vigogn oder Lumbrein ins Lugnez hineinwandert oder ob man auf dem Weg Richtung Lukmanier auf der Alp Dötra an einem Grotto vorbeizieht, aus dem der Geruch frischen Risottos ai funghi dringt.

Im Wallis hingegen sind die geografischen Strukturen klar: Vom Rhonetal zweigen die Seitentäler südlich ab, und die Route schlängelt sich in einem steten Auf und Ab von Tal zu Tal. Überall trifft man auf die aufgebockten Walliser Stafel, und der Blick kann sich nie ganz von den Eisriesen lösen, die immer wieder auftauchen. Selbstredend, dass sich die schwierigsten Etappen im Walliser Teil befinden. Bei einigen mag es sich sogar lohnen, aus einem zwei Marschtage zu machen und, wo möglich, eine Zusatzübernachtung einzuschalten. Ein grosser Vorteil der Pässewanderungen liegt ja gerade darin, dass man in jedem Tal zwischen zwei Pässen wieder ein- und aussteigen kann.

Leicht und doch alpin

Naturgemäss verlaufen die Wanderungen im Wallis entlang der Talflanken, dort, wo auch das traditionelle Bewässerungssystem, die Suonen, die wertvolle Gletschermilch zu den kleinen fruchtbaren Hochterrassen führt. Oder die Wanderwege winden sich steil aufwärts, bis ein felsiger Pass eine Lücke bietet, durch die man vom einen Tal ins andere hinüberwechseln kann.

Magischer Anziehungspunkt sind im Wallis zweifellos die Viertausenderketten. Immer wieder wird man den Blick ins Tal schweifen lassen, um vielleicht doch einen Blick auf einen der berühmten Eisriesen zu erhaschen. Oder man sieht sie in ihrer ganzen Mächtigkeit vor sich, kann Aufstiegsrouten erahnen oder sogar Alpinisten entdecken.

Wer in alpines Gelände vordringen will, muss dies meist mit anspruchsvollen Wegen und stotzigen Anstiegen erkaufen. Nicht so beim Saflischpass. Nur ganz zu Beginn von Ze Binne aus überwindet der Weg eine kleine Steilstufe. Dann erreicht man eine Alpstrasse, die vom Kraftwerkstandort Heiligkreuz (neuerdings fährt ein Rufbus von Binn nach Heiligkreuz – Anmeldung obligatorisch) bis weit ins Saflischtal hineinführt. Man durchschreitet liebliches Wiesenland in einem sanften Hochtal. Kaum merklich steigt man über eine weitere Geländebarriere hinweg, und rascher, als man denkt, eröffnet sich vom Saflischpass aus der erste Blick auf die Walliser Viertausenderwelt. Links grüsst das Fletschhorn, im Hintergrund erkennbar sind die Mischabelgruppe und das aus bestem Granit gebaute Weisshorn. In der Umgebung des Passes überwiegt der Kalk, und die für Kalkgebiete typischen Einsackungen, sogenannte Dolinen, bieten willkommenen Schutz vor dem Passwind.

Überaus sanft ist auch der Abstieg hinunter zur Saflischmatte, von wo sich der Blick zusätzlich ins Rhonetal hinunter weitet. Rechts ist unter dem Aletschhorn sogar eine kleine Ecke des Aletschgletschers erkennbar, und unverkennbar ragt der gigantische Zapfen des Bietschhorns in die Höhe. Der auf einer sonnigen Terrasse angelegte Zielort Rosswald ist ebenso attraktiv wie die ganze Route.

Heidelbeeren überall

Die Etappe ab Rosswald sollte man sich definitiv erst im Herbst vornehmen, genauer im September. Wenn dann noch der Tag trocken und die Sicht gut ist, steht einem vollen Wandergenuss nichts mehr im Wege. Denn der Bergweg, der von Rosswald in die steilen Grasflanken des Steinutals führt, ist dann gut begehbar, und just im richtigen Moment wartet auf einem aussichtsreichen Adlerhorst die Bortelhütte mit einem dampfenden Zehn-Uhr-Kaffee. Den kann man sich in Ruhe schmecken lassen, denn die Etappe ist von der Wanderzeit her gut dimensioniert und bietet auch Abkürzungsmöglichkeiten.

Eine solche Abkürzung muss allenfalls in Anspruch nehmen, wer im Gebiet Wintrigmatte/Rothwald von prall behangenen Heidelbeerstauden ausgebremst wird. An schönen Wandertagen sieht man hier gar manchen Rucksack verwaist im Buschgras liegen, während der Eigentümer desselben weitab in den Stauden kauert und die wertvollen Beeren in irgendein verfügbares Gefäss kullern lässt. Die Heidelbeeren sind dafür geeignet, denn sie überstehen
auch lange Transportwege, ohne zu vermatschen.

Ganz vergessen sollte man darüber trotzdem nicht, die Etappe wandernderweise zu Ende zu bringen. Denn es wartet ein wunderschöner Panoramaweg durch gelb leuchtende Lärchenhaine hindurch, bis man von Schallbett aus auf der Galerie der Passstrasse zum Simplon-Hospiz gelangt.

Der Wanderführer «Wanderland Schweiz – Alpenpässe-Weg» ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Von Pass zu Pass
Erste Etappe: Saflischpass
• Distanz
17,5 Kilometer
• Wanderzeit
7 Stunden 15 Minuten
• Höhenunterschiede
Aufstieg 1445 Meter, Abstieg 975 Meter
• Schwierigkeitsgrad
Schwer
• Karten
1:50 000 Valle Antigorio 275 T, Visp 274 T
• Übernachtung und Informationen
www.rosswald.ch
Zweite Etappe: Simplonpass
• Distanz
18,8 Kilometer
• Wanderzeit
7 Stunden 50 Minuten
• Höhenunterschiede
Aufstieg 1440 Meter, Abstieg 1315 Meter
• Schwierigkeitsgrad
Schwer
Karten
1:50 000 Visp 274 T
• Übernachtung und Informationen
Das von Chorherren geführte Hospiz auf dem Simplonpass bietet Übernachtungsmöglichkeiten, www.gsbernard.ch/30/340.html und www.simplon.ch
An- und Rückreise
Von Brig fahren regelmässig Züge nach Fiesch. Von dort bringt einem der Regionalbus nach Binn. Zwischen Rosswald und Ried-Brig verkehrt eine Luftseilbahn und zwischen Ried-Brig und Brig ein Bus. Vom Simplonpass fährt ein Bus nach Brig.

Fotos: zvg, fotolia.com

Tags (Stichworte): AlpenpassBocchetteFurggelnGraubuendenHoehenmeterPasswandernWallisWandertour

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