Woher der Wind weht

Markus Kellenberger | Ausgabe 01 - 2010

Für Bernhard Gutknecht von der Suisse Eole, der Vereinigung zur Förderung der Windenergie, steht fest: In Zukunft brauchen wir keinen Atomstrom mehr. Doch allein mit Wind- und Solarkraftwerken ist dieses Ziel nicht zu erreichen.

Bernhard Gutknecht, viele Menschen hoffen, Wind- und Solarenergie könnte bis in 40 Jahren unsere Atomkraftwerke ersetzen, die heute über einen Drittel der gesamten Stromproduktion liefern. Wie sehen Sie das ?

Die technischen Mittel zu einer erneuerbaren Stromversorgung stehen uns grösstenteils schon heute zur Verfügung. Und die rasante Entwicklung der erneuerbaren Energien, des weiträumigen Stromtransports und intelligent gesteuerter Stromnetze geht weiter. Wenn man die Effizienzsteigerung der Windenergie im letzten Jahrzehnt vor Augen hat, kann man mit gutem Grund davon ausgehen, dass auch in den kommenden Jahren weitere Technologiesprünge zu erwarten sind. Natürlich wird sich auch die Bereitschaft zu einer massiven Erhöhung der Energieeffizienz durchsetzen müssen. Die Realisierung einer nachhaltigen Energieversorgung wird somit zur reinen Frage des gesellschaftspolitischen Willens.

Konkret: Wie viel Strom am Gesamtverbrauch können Windkraftwerke künftig beitragen?

Bis 2030 können 2,5 Prozent des heutigen schweizerischen Stromverbrauchs gedeckt werden, bis 2050 werden es je nach Verbrauchsentwicklung 6 bis 9 Prozent sein.

Das ersetzt kein einziges der bestehenden Atomkraftwerke. Wer liefert den restlichen Strom?

Das Potenzial auch der anderen erneuerbaren Energien sowie der Effizienz- und Sparmassnahmen ist gross. Zudem muss man sehen, dass die Schweiz keine Strominsel ist: 37 Prozent des hier verbrauchten Stroms stammt aus dem Ausland, während die gleiche Menge exportiert wird. Wenn man Strom aus fossilen und atomaren Quellen aus dem Ausland einführen kann, warum in Zukunft nicht auch sauberen Windstrom? Die hiesigen Stromkonzerne investieren heute schon in ganz Europa – auch in Windparks. Und mit den Speicherkraftwerken hat die Schweiz im Stromhandel gute Trümpfe in der Hand.

Windenergie ist windabhängig. Wer ersetzt den Windstrom bei Windstille?

Mit den einheimischen Speicherkraftwerken kann die Schweiz hervorragend auf Schwankungen bei Angebot und Nachfrage reagieren. Bei Windspitzen wird entsprechend weniger Wasser turbiniert, bei Flauten mehr. Neue Regelkapazitäten braucht es auch bei der Nutzung des ganzen einheimischen Windenergiepotenzials nicht. Der Beitrag der Windenergie zur gesamten Stromversorgung kann deshalb voll angerechnet werden. Windenergie ist zudem Winterenergie: 60 Prozent des Windstroms werden in der kalten und dunklen Jahreszeit produziert. Im Verbund mit anderen erneuerbaren Energien und durch den laufenden europäischen Netzausbau, können lokale Flauten leicht ausgeglichen werden.

Windenergie und Landschaftsschutz harmonieren in vielen Fällen nicht miteinander.

Landschaftsschutz heisst nicht, den Statusquo einzufrieren, sondern eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Zu diesem Landschaftskonzept passt Windenergie: Die Auswirkungen unseres Stromkonsums sind hier und jetzt sichtbar. Weder hinterlassen Windturbinen unseren Nachkommen Abfälle für ein paar hunderttausend Jahre, noch zerstören sie anderswo Landschaften. Und werden dereinst noch bessere Stromgewinnungstechniken marktreif, sind Windenergieanlagen spurlos rückbaubar. Die Präsenz von Windenergieanlagen fördert das Energiebewusstsein und ist Sinnbild einer zukunftsgerichteten Region. Aus diesen Überlegungen hat sich beispielsweise die Unesco-Biosphäre Entlebuch entschieden, mit einer Windturbine ein Zeichen für die einheimische und nachhaltige Energiegewinnung zu setzen. Generell zeigen Studien aus Schleswig- Holstein, dass Windenergieanlagen in der Bevölkerung auch dann begrüsst werden, wenn die Anlagendichte sehr hoch ist. Die Akzeptanz ist zunächst eine Frage des Standorts, aber auch der Gewöhnung.

Weiterführender Artikel
«In der Wachstumsfalle»: Hanspeter Guggenbühl erzählt in seinem Artikel über die Möglichkeit einer Loslösung vom Erdöl und einem Ausstieg aus der Atomenergie.

In der Praxis werden Alternativenergien bis in 40 Jahren weder den steigenden Strombedarf decken noch AKWs ersetzen können. Das heisst: Wollen wir keine AKWs mehr, müssen wir Strom sparen. Halten Sie das angesichts unseres Konsumverhaltens für realistisch?

Energieeffizienz und erneuerbare Energien müssen die fossilen und nuklearen Energieträger ersetzen. Es gibt gar keine andere Möglichkeit, die Energieversorgung langfristig sicherzustellen. Wenn die Schweiz den Ausbau der erneuerbaren Energien so entschieden vorantreibt wie andere europäische Länder, wird in 40 Jahren ein sehr bedeutender Teil der Schweizer Energieversorgung sauber und nachhaltig gedeckt werden und unser Land zudem von zahlreichen neuen Arbeitsplätzen profitieren.

Foto: quinn.anya / flickr / cc

Tags (Stichworte): GutknechtSolarkraftwerkSuisse_EcoleWindenergieWindwerk

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