Wir züchten das gute Leben
Im März ist Remo Vetter neidisch auf die Unterländer: Während dort die Gärtner ihre Arbeit bereits aufnehmen, liegt im Appenzell noch Schnee. Darum gräbt er seine Beete vorerst nur im Kopf um.
Die ungetrübte, ungekünstelte und unbefangene Freude der Kinder, die den meisten von uns mit dem Ende der Kindheit abhanden gekommen ist, kann man im Garten im Umgang mit den Pflanzen wieder finden. Diese unschuldige Freude ist ansteckend und lässt andere für Augenblicke am gärtnerischen Erlebnis teilhaben.
Frühling ist für mich die Zeit des freudigen Aufbruchs, der Erneuerung und des Neubeginns: Die Natur erwacht aus ihrem Winterschlaf. Wir bestaunen die ersten Schlüsselblümchen, Veilchen, Gänseblumen. Bärlauch, Brennnessel, Löwenzahn, Huflattich und Sauerampfer beglücken uns bereits in der Küche. Und den ersten Salat aus dem eigenen Garten zu pflücken, ist für mich stets von Neuem mit einem Glücksgefühl verbunden.
Wichtige Arbeiten im März
•Jetzt mit Aussaaten und Pflanzungen im Freien beginnen.
Kartoffeln, Zwiebeln, Schalotten und Topinambur dürfen in die Erde. Auch der Rhabarber kann jetzt mit einem Treibtopf oder einem grossen, umgestülpten Blumenkübel forciert werden. Wir füllen die Treibtöpfe mit Stroh und können meist schon im März 30 Zentimeter lange zarte Stängel ernten. Einige Saaten keimen bei niedrigen Temperaturen. Dennoch gilt es, die zarteren Pflänzchen vor allem nachts mit Folie abzudecken oder im Frühbeet vorzuziehen. Unkraut, das im Winter gewachsen ist, beseitigen wir und bringen Kompost und Dünger aus.
Eine Düngung vor der Aussaat oder der Pflanzung bekommt jedem Boden gut. Wir brauchen Algenkalk, Hühnermist und Steinmehl. Tierischen Dünger liefern uns die Milchschafe und hin und wieder gibt es etwas Kuhmist vom Nachbarn. Die Aussaaten in Frühbeet und Saatschalen laufen jetzt auf Hochtouren. Empfindliche Aussaaten, die konstante Temperaturen brauchen, wie zum Beispiel Auberginen, Peperoni, Tomaten, Chili und Kürbis, ziehen wir im Haus und warten bis es draussen wärmer wird. Wir säen in genügend grosse Töpfe, damit die Pflanzen möglichst gut bewurzeln und ungestört wachsen können, denn jedes Umpflanzen unterbricht den Wachstumsprozess.
• Verwerten und ernten
Die letzten robusten Grünkohl-Pflanzen, die bei uns auch den strengsten Winter überstehen, ernten wir jetzt und bereiten damit feine Eintöpfe zu. Der Lauch sieht etwas mitgenommen aus, denn er stand fast den ganzen Winter im Schnee auf dem Beet. Wir verbrauchen ihn jetzt frisch zu Suppen und Gratins. Den ersten Mangold, der im vorigen Sommer ausgesät wurde, ernten wir jetzt. Die letzten Pastinaken geniessen wir zusammen mit Karotten und Kartoffeln als stärkendes und wärmendes Gratin. Der im September gesäte Wintersalat, der im Frühbeet überwintert hat, ist erntereif und versorgt uns mit wertvollem Grün. Späte Rosenkohlsorten tragen noch Röschen. Die obersten zarten Blätter und Triebspitzen dünsten wir als Gemüse. Der Knollensellerie, den wir im Sand-Erde-Gemisch eingeschlagen haben, geht langsam zur Neige. Wir lieben Knollensellerie Bratlinge, ebenso den köstlichen Salat. Wir lassen übrigens meist einige Kartoffeln der letzten Saison im Boden, decken sie mit Stroh ab und haben so früh etwas auf dem Tisch. Böse Zungen behaupten, wir hätten die Kartoffeln beim Ernten übersehen.
• Obstbäume und -sträucher
Im März ist die letzte Gelegenheit, wurzelnackte Apfel- und Birnbäume und Beerensträucher zu pflanzen. Für spätere Pflanzungen nehmen wir Containerpflanzen, die einfach zu pflanzen und gerade für Anfänger bestens geeignet sind.
• Unkraut jäten
Wenn die Temperaturen steigen und der Boden sich erwärmt, keimt auch das Unkraut. Problematische Arten wie Ackerwinde und Quecke müssen unbedingt ausgegraben werden. Auf gar keinen Fall mit der Bodenhacke oder dem Kultivator bearbeiten, das vermehrt die Wurzelunkräuter und lässt sie zur Plage werden. Normale Unkräuter haben in unserem Garten gar keine Chance, da wir den Boden mehrmals wöchentlich mit der Pendelhacke proaktiv durchlüften und so den unerwünschten Pflanzen keine Wachstumsmöglichkeit geben. Wenn immer möglich Gründüngungen einsäen.
Der Garten wartet jetzt darauf, neu entdeckt zu werden. Vertrautes und Unbekanntes gibt es entlang der Beete, auf den Wegen und in den verwunschenen Ecken zu erforschen. Der Frühling ist die Zeit, um zu hegen und pflegen. Aber ich spüre auch schon das Versprechen des Sommers, wenn wir wieder im Schatten unter der Linde lesen, träumen oder gesellige Abende verbringen werden können. Allein der Gedanke daran erfüllt mich mit Freude und Elan.
Wieder in der lockeren Erde zu hacken, ist wunderbar. Aus der Erde fliesst Kraft, so oft wir sie mit der Hacke berühren, denn wir züchten in unseren gut gehackten und mit Liebe gepflegten Gärten ja nicht nur Rüben und Kartoffeln, Mais und Bohnen, sondern das gute Leben. Gärtnern macht einfach glücklich.
Das hat sich herumgesprochen: In der Schweiz werden die Städte immer grüner. Gemüsegärten auf Hausdächern und komplett bepflanzte Fassaden sind zwar noch selten, aber auch bei uns gibt es bald auf jedem Balkon ein kleines Kräutergärtchen oder zumindest ein Kräuterkistchen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Kochen in den letzten Jahren schick wurde. Wir haben wieder mehr Lust auf Frisches, Gesundes und Bodenständiges. Es gehört zum modernen Lebensstil, den eigenen Basilikum auf den Tomaten-Mozzarella-Salat zu streuen. Voller Stolz erzählt man seinen Gästen, dass man die Tomaten auf dem Balkon selbst gezogen hat.
Der Autor
Remo Vetter wurde 1956 in Basel geboren. 1982 stellte ihn der Heilpflanzenpionier Alfred Vogel ein. Seither ist Vetter im Gesundheitszentrum in Teufen (AR) tätig, wo er mithilfe seiner Familie den Schaukräutergarten von A. Vogel hegt.
Foto: F. Vetter
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