Wildes Weib

Angela Müller Meinherz | Ausgabe 06 - 2010

Gisula Tscharner lebt und wirkt als Pflanzensammlerin, freischaffende Theologin und Betreiberin der «WildundWeiberbar» in den Bündner Bergen. Zeremonien zu Hochzeiten, Taufen oder Todesfällen hält sie am liebsten in der Natur ab und steuert gerne Kulinarisches aus ihrer Wildpflanzenküche bei.

Die Seelsorgerin und Wildpflanzenspezialistin Gisula Tscharner kauft nichts auf Märkten. Als Sammelweib, wie sie sich selbst nennt, ist sie zwischen Frühling und spätem Herbst beinahe täglich auf ihren Streifzügen durch Wälder und Wiesen unterwegs. «In dieser Zeit werde ich zum Wildtier und bin der Natur und ihren Geheimnissen sehr nahe.»

In ihrem aktuellen Buch, «Wald und Wiese auf dem Teller» (siehe Leserangebot der AZ), hat Tscharner den Blüten und Blumen ein ganzes Kapitel gewidmet. «Ich möchte diesen Trend noch weiter fördern», sagt die 63-Jährige mit den fröhlichen Augen und dem etwas Wilden in ihren Gesichtszügen. Und sie hat ihre Gründe. Dahinter stecken eine Philosophie und Lebenshaltung: «Blüten und Blumen sind die Krönung der Natur. Wer sie isst, verleibt sich deren Schönheit ein», ist sie überzeugt. Ihr gehe es darum, dass man die Erde, die Natur, spüre und damit auch sich selbst. «Die Leute sollen sehen, wie stark und gesund die Erde ist. Wir sind nur nicht wissende Gäste – die Natur wird uns alle überleben.»

Theologischer Freigeist

Gisula Tscharner ist in Küsnacht am Zürichsee als jüngstes von fünf Kindern in einem Pfarrhaus aufgewachsen. «Es war eine sehr glückliche Kindheit in einer grossen Bande.» Ihr Erzählen erinnert an einen wilden Bach, ihre Stimme ist kräftig und sie zeichnet mit ihren Händen Bilder in die Luft. Ihr Vater sei Pfarrer gewesen und auch sie habe Theologie studiert, erzählt sie. «Ich fand den Beruf meines Vaters vielseitig und spannend.» Der Vater, ein welt- und religionsoffener Mann, hat sich zu jener Zeit gegen den Widerstand der offiziellen Kirche für die Ökumene engagiert.

Heute gehört sie zu den bekanntesten freiberuflichen Theologinnen in der Schweiz. Ihre Rituale und Zeremonien bei Hochzeiten, Taufen oder Todesfällen hält sie am liebsten draussen in der Natur ab. Oftmals sind die Zeremonien begleitet von dem, was Tscharner berühmt gemacht hat: ihren Rezepten beziehungsweise Produkten aus der «wilden Weiberküche». Sei es eine Baum-Blüten-Bowle bei einer Hochzeit oder ein Vogelbeerenbrot bei einer Taufe: «Mir ist es wichtig, dass Wildpflanzen nicht nur als Behälter chemischer Substanzen herhalten müssen. In ihnen liegt eine Grösse und Fröhlichkeit, die Wunderbares in uns wecken können.»

Gisula Tscharners Junipflanze
Wilder Majoran
Der Monat Juni läutet die Gewürzzeit ein. Der Wilde Majoran, auch Echter Dost genannt, wächst an sonnigen Hecken- und Waldrändern und ist bei uns kaum bekannt. Die einheimische Gewürzpflanze entfaltet ihren vollen Duft nach der Sommersonnenwende. «Je grösser die Hitze, desto
intensiver ihr Duft», sagt Gisula Tscharner. In Öl eingelegt, lässt sich der Wilde Majoran jahrelang halten und eignet sich vor allem für Pasta, Gratins, Suppen und Brote. Tscharners Tipp: «Wenn man die ersten paar Wochen, die in Öl eingelegten Wildkräuter von Zeit zu Zeit umrührt, schimmeln sie kaum.»

Keine Feministin

Naturweib, Mutter, Seelsorgerin, Berufsfrau, Buchautorin und Politikerin – es gibt wenig, was Tscharner nicht ist. Bei der Frage nach der Feministin winkt sie allerdings ab: «Mein Leben stand nie im Widerspruch zu einer feministischen Grundhaltung, aber ich habe nie Frauen gehabt, die mir Vorbild waren. Jede Frau geht ihren eigenen Weg.» Ausserdem sei es ihr immer klar gewesen, dass es nicht gegen den Mann gehe. Während sie sich zu Hause um die Kinder kümmerte, steuerte ihr Mann, Postautohalter, das kleine Postauto. Sommers wie winters fuhr er die steile serpentinenreiche Strecke zwischen Tomils und Feldis hoch und runter.

Heute ist sie es, die aus dem Haus geht. Insbesondere während der Sommerzeit ist sie als Seelsorgerin und Sammelweib eine viel beschäftigte Frau. «In dieser Zeit übernehmen die beiden Männer den Haushalt fast vollständig.» Neben zahlreichen Ritualen und Zeremonien hält sie monatlich mehrere Vorträge und gibt Seminare. Auf ihrem Programm stehen wilde Spaziergänge, Erlebnistage und Leermondwanderungen. Alles dreht sich dabei um Wildfrüchte wie Roter Holunder, Schlehen oder Berberitzen und Wildpflanzen wie Schafgarbe, Mädesüss oder Guter Heinrich.

Wilde Weiberküche

Tscharner gilt als fundierte Kennerin der alpinen Pflanzenwelt. Wildpflanzen und Wildfrüchte, deren Verwendung schlicht in Vergessenheit geraten war, hat sie wieder zurück in die Küche geholt. Darunter solche, die als giftig galten wie die Vogelbeere und oder vergessene, wie die Schlehe oder die Mehlbeere. Die «wilde Weiberküche» hat sie zum Begriff gemacht. «Das Wort Weib gefällt mir besser als Frau, es hat etwas Ungezähmtes, Urtümliches», sagt Tscharner.

Begonnen hat ihr Erfolg mit ihrer «WildundWeiberbar». Als ihre Kinder grösser wurden, wollte sie wieder in den Beruf einsteigen. Doch die Nachfrage nach einer denkbar unkonformen, freiberuflichen und mittlerweile konfessionslosen Seelsorgerin war gering. Doch sie liess sich nicht entmutigen. «Ein halbes Leben lang schon hatte ich mich mit Wildpflanzen beschäftigt, die Idee einer speziellen Bar mit Catering war eigentlich naheliegend.» Das Konzept fand schnell grossen Anklang. Zusammen mit dem 2001 erschienenen Buch «Hexentrank und Wiesenschmaus» und dem Internet brachte es ihr den Durchbruch. «Die Zeit mit der Bar und dem Catering war allerdings sehr stressig – deshalb habe ich diesen Teil meiner Arbeit stark reduziert.»

Fotos: zvg, elbfoto / flickr / cc


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