Wie Patienten den Doktor wählen
Ob jemand zum Schulmediziner geht oder die Alternativmedizin bevorzugt, ist von den unterschiedlichen Erwartungen der jeweiligen Patienten abhängig – und auch vom Geschlecht.
In der Schweiz lassen sich vor allem Frauen und jüngere Menschen lieber komplemen-tär- als schulmedizinisch behandeln. Wäh-rend rund 60 Prozent aller schulmedizinisch Behandelten weiblich sind, macht der Anteil Frauen bei den alternativmedizinisch aus-gerichteten Patienten rund 70 Prozent aus. Die Mehrheit dieser Patientengruppe ent-scheidet sich für die Komplementärmedizin, weil sie konkrete Vorstellungen bezüglich der Behandlungsmethoden hat, sowie eine ganzheitlichere und nebenwirkungsärmere Behandlung wünscht.
Dies fanden Victoria Wapf und André Busato von der Universität Bern in ihrer Untersuchung über die verschiedenen Profile von schul- beziehungsweise alter-nativmedizinisch behandelten Patienten heraus. Die kürzlich im Fachmagazin Complementary and Alternative Medicine veröffentlichte Studie war Bestandteil des Programms Evaluation Komplementärmedizin, mit dem die Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der alternativen Medizin geprüft wurde und das Bundesrat Couchepin vor zwei Jahren als Entscheidungsgrundlage für die Streichung gewisser Behandlungsmethoden aus dem Leistungskatalog der Grund-versicherung gedient hatte.
Für 19 Prozent der alternativmedizinisch orientierten Klientel gehören gemäss der Studie die Kompetenz des Arztes und das Vertrauen in diesen zu den Haupt-gründen für ihre Wahl. Bei mehr als 34 Prozent der schulmedizinisch Behandel-ten hat vor allem der Familienarzt als Anlaufstelle Priorität. Daneben sind aber die ärztliche Kompetenz und das Vertrauen rund einem Viertel dieser Gruppe ebenfalls sehr wichtig. Für über 13 Prozent der alternativmedizinisch orientierten Patienten ist zudem der Wunsch nach einer ganz bestimmten Methode für ihren Entscheid mitausschlaggebend. Bei den schulmedizinisch ausgerichteten sind dies hingegen weniger als 1 Prozent. 13 Prozent der ersten Patientengruppe entschei-den sich überdies unter anderem auch aufgrund von Empfehlungen für eine alternative Behandlung.
Wie die Wissenschaftler zudem herausfanden, tauchen in den komplementär-medizinischen Praxen hierzulande im Vergleich zu den schulmedizinischen bedeutend mehr Patienten auf, die an ernsthaften gesundheitlichen Problemen leiden. Auch der Anteil der chronisch Kranken ist wesentlich höher. Bei spezi-fischen Erkrankungen wie etwa Dermatitis oder ADHS versprechen sie sich von der Alternativmedizin ebenfalls eine erfolgreichere Behandlung.
Laut den Forschern gibt es drei Hauptgründe, weshalb sich Patienten für die Alternativmedizin entscheiden: Erstens seien viele aufgrund mangelnder Heil-erfolge oder negativer Erfahrungen unzufrieden mit der konventionellen Medi-zin. Zweitens verlangten sie mehr Mitbestimmung bei Entscheidungen, die ihre Gesundheit beträfen, und mehr Verantwortung im persönlichen Genesungspro-zess. Drittens seien die Behandlungskonzepte der Alternativmedizin und deren Ansichten über die Bedeutung von Gesundheit und Krankheit oft besser mit den philosophischspirituellen Ansichten der Patienten vereinbar.
Links
• Fachartikel von Viktoria Wapf und André Busato, erschienen im BMC Complementary and Alternative Medicine (englisch)
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