Wetterfrösche

Heini Hofmann | Ausgabe 07 - 2010

Pflanzen und Tiere reagieren auf Veränderungen des Wetters. Obwohl sie sich zur Vorhersage nur sehr bedingt eignen, kann, wer die Zeichen richtig zu deuten versteht, aus dem Buch der Natur einiges herauslesen.

Die gehäuften Unwetter und Naturkatastrophen machten es deutlich: Der Mensch, seine Ernten und damit sein Überleben sind vom Wetter abhängig. Deshalb die Vorhersagen, heute computergestützt, früher basierend auf Pflanzen- und Tierbeobachtungen. Doch wie weit können Letztere immer noch hilfreich sein und wie weit beruhen sie auf Irrglauben?

Es ist schwierig, die Zukunft vorherzusagen, vor allem deshalb, weil sie erst noch bevorsteht. Diese Binsenwahrheit bestätigt sich selbst bei modernsten, ausgeklügelten Computerprogrammen und Modellrechnungen, mit denen meteorologische Vorschauen getätigt werden. Doch die gleiche Vorsicht ist geboten bei der Interpretation pflanzlicher und tierischer Signale.

Wetterfühlige Pflanzen

Unter den Wetterprophezeiungen im Volksmund und in den meteorologischen Bauernregeln gibt es solche, die absolut verlässlich sind. Andere dagegen darf man nicht ernst nehmen, da sie auf einem Beobachtungsirrtum oder einer Fehlinterpretation beruhen. Wie aber funktionieren die biologischen Meteosignale tatsächlich?

Pflanzen und Tiere verändern ihr Verhalten aufgrund von Witterungseinflüssen. Pflanzen reagieren – als Fotometer oder als Hygrometer – hauptsächlich auf Veränderungen von Licht und Luftfeuchtigkeit. Tiere tun desgleichen, nur dass sie zusätzlich noch auf Temperatur und atmosphärischen Druck ansprechen wie Barometer oder Thermometer.

Fotometrische Pflanzen antworten auf Richtung und Stärke des Lichteinfalls, und viele, etwa der Echte Mehlbeerbaum, richten ihre Blätter nach der Lichtstrahlung aus, um so die Fotosynthese zu steigern. Enziane und Seerosen reagieren selbst auf kurzfristige Veränderungen der Helligkeit und schliessen ihre Blüten, wenn eine Wolke im Vorbeiziehen die Sonne verdeckt.

Anders die hygrometrischen Pflanzen: Bei ihnen verändert sich je nach Luftfeuchtigkeit der Wassergehalt bestimmter Zellen, was wie beim Strandhafer bei Trockenheit ein vorübergehendes Einrollen der Blätter hervorruft. Analoges zeigen Tannzapfen: Sie öffnen sich bei Trockenheit und schliessen sich, wenn es feucht wird. Allerdings reagieren pflanzliche Hygrometer oft gegenläufig. Während sich die Blüten beispielsweise von Sauerklee, Gänseblümchen und Löwenzahn bei aufziehendem Regen schliessen, machen es Blauer Lattich, Grosser Wiesenknopf und Fünffingerkraut gerade umgekehrt.

Bei den Tieren wiederum reagieren vor allem diejenigen auf höhere Luftfeuchtigkeit, die sich bei Trockenheit verkriechen und Regenperioden für die Ernährung und Fortpflanzung nutzen, also Schnecken, Regenwürmer und Asseln. Deshalb: Asseln an den Wänden, schlechtes Wetter nicht zu ändern – ausser es handle sich um Innenwände; dann könnte es sein, dass die Wohnung feucht ist.

Der Laubfrosch: ein Flop

Sind Fliegen und Bremsen anhänglich (sprich lästig), wird das Wetter schlecht, sagt die Bauernregel und hat recht, denn die schwüle Atmosphäre vor einem Gewitter bringt Menschen und Tiere zum Schwitzen und der aufkommende Wind verbreitet den Schweissgeruch, der wie ein Lockmittel wirkt. Erklärbar ist auch die folgende Volksweisheit: Ist das Spinnennetz gut befestigt, wird das Wetter heftig. Tatsächlich: Wenn die Spinnenseide Wasser aufsaugt, zieht sie sich zusammen und wird kürzer und dicker.

Dass Amphibien auf Luftdruckveränderungen reagieren sollen, liess sich in Versuchen allerdings nicht bestätigen. Deshalb hat sich das lebende Barometer, der Laubfrosch auf dem Leiterchen im Einmachglas, nicht bewährt – zum Glück für diesen. Aber es gibt tatsächlich Barometertiere, nämlich parasitäre Wespen, die ihre Eier in andere Insekten legen. Bei Druckabfall vor schlechtem Wetter beschleunigen sie die Eiablage in hektischer Weise. Auch Reisebrieftauben arbeiten mit Druckunterschieden und registrieren diese auf innerhalb von nur zehn Metern Höhendifferenz. Sie haben also sozusagen einen biologischen Höhenmesser eingebaut.

Oft sind jedoch vermeintliche Wetterpropheten unter den Tieren nur indirekt solche, denn meistens sind es vielmehr ihre Beutetiere, die je nach Witterung ihr Verhalten ändern. So sind Maulwürfe vor einem Gewitter nur deshalb so eifrig, weil es auch – nomen est omen – die Regenwürmer sind, die auf ihrem Speisezettel stehen. Und der Spruch, dass wenn die Schwalben niedrig fliegen, man wird Regenwetter kriegen, bezieht sich nicht auf die Vögel, sondern auf die von ihnen gejagten Insekten, die bei fallendem Luftdruck bodennah herumschwirren. Allerdings hat besagte Bauernregel mittlerweile grundsätzlich an Glaubwürdigkeit verloren, seit Wissenschaftler herausgefunden haben, dass die Schwalben bei schlechtem Wetter in grösserer Höhe fliegen als bei gutem («natürlich leben» 11-2009).

Pflanzen und Tiere dienen dem Menschen aber nicht nur als Wetterpropheten, er nutzt sie auch für die Deutung der Zukunft – und begibt sich dabei gerne auf Glatteis. Seltene Erscheinungen werden mit Vorliebe als Glücksbringer gedeutet, wie etwa die fünflappige Fliederblüte oder das vierblättrige Kleeblatt. Letzteres entsteht allerdings wenig glücklich, durch eine Verletzung einer Blattknospe in der Entwicklungsphase durch Mensch, Tier oder Fahrzeug.

Zu den Glücksbringern zählt auch der liebenswerte Marienkäfer. Die Anzahl Punkte auf seinem Rücken soll die bevorstehenden Glücksmonate symbolisieren. Verzwickt daran ist allerdings, dass verschiedene Arten unterschiedlich viele Punkte tragen, nämlich 2, 7, 13, 22 oder sogar 24. Weniger Glück unter den Tieren haben jene, die der Volksmund zu Todesboten machte, denn darunter leidet auch ihr Image: der Holzwurm mit seinem tickenden Grabgeräusch, der Totenuhr, oder die Schleiereule mit ihrem unmelodisch-schauerlichen «Todesschrei», aber auch Raben und Ratten.

Wann beginnt der Frühling?

Immens ist das Feld ungeklärter Indizien. Daher wird momentan intensiv geforscht an der Fähigkeit gewisser Tiere, feine Erschütterungen und schwache elektromagnetische Wellen zu registrieren, die einem Erdbeben vorausgehen. So rettete die aussergewöhnliche Unruhe von Hunden in der chinesischen Stadt Haicheng beim Erdbeben von 1975 dank frühzeitiger Evakuierung 90 000 Menschen das Leben. Und bei der Tsunami-Katastrophe im Dezember 2004 überraschte der Umstand, dass praktisch keine Wildtiere ertranken. Es gibt also noch Rätsel zu entschlüsseln. Ob dagegen die Schwalben, Störche, Kuckucke und Pirole tatsächlich den Frühling machen? Hier hat die Forschung gezeigt, dass Zugvögel einem inneren Jahresrhythmus folgen. Der Zeitpunkt des Reiseantritts ist also angeboren, nicht wetterabhängig. Zudem erstreckt sich das Eintreffen der genannten Arten über mehr als einen Monat. Wann also beginnt der Frühling?

Man nimmt es fast ein bisschen enttäuscht zur Kenntnis, dass Volksweisheiten des Öftern einer Überprüfung nicht standhalten. «Treibt die Esche vor der Eiche, hält der Sommer grosse Bleiche.» Oder: «Treibt die Eiche vor der Esche, hält der Sommer grosse Wäsche.» Beobachtungen im Mai 2003 ergaben, dass die Blätter der Eiche früher sprossen als jene der Esche – gefolgt von einem Jahrhundertsommer. So ist denn die Treffsicherheit naturgestützter Zukunftsprognosen und Wetterregeln mehrheitlich vorsichtig zu beurteilen ganz nach dem Prinzip: Das Wetter ist schön – ausser es regnet.

Foto: fotolia.com, TV-yesterday, lewing / flickr / cc

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