Wer sät, der erntet

Remo Vetter | Ausgabe 10 - 2009

Die Natur meint es gut mit uns. Das zeigt die reiche Ernte, die sich im Herbst nach viel Gartenarbeit einbringen lässt. Grund genug, es auch mit der Natur gut zu meinen.

Die Farben und Düfte berühren uns auf das Innerste. Es hat etwas Faszinierendes, die Bienen zu beobachten. Die meisten Menschen wissen nur wenig über die Rolle der Honigbiene als wichtigste Bestäuberin in der Natur. Die Mehrheit der Blütenpflanzen braucht Tiere zur Bestäubung, und die Honigbiene ist perfekt dafür gebaut, diese Aufgabe zu übernehmen. Fast ein Drittel der Nahrungsmittel, die ein Mensch normalerweise zu sich nimmt, ist auf die Bestäubung durch Bienen zurückzuführen: Nüsse, Sojabohnen, Zwiebeln, Karotten, Brokkoli und Sonnenblumen ebenso wie Äpfel, Orangen, Blaubeeren, Preiselbeeren, Erdbeeren, Melonen, Avocados, Pfirsiche, Aprikosen und viele mehr.

Bienen haben ein ausgefeiltes Navigationssystem, das sich auf die Sonne und Orientierungspunkte im Gelände stützt. Es erlaubt ihnen, sich bis zu fünf Kilometer von ihrem Stock zu entfernen und wieder zurückzufinden. Auch können sie durch eine bemerkenswerte Kommunikationsform, die als Schwänzeltanz bezeichnet wird, andere Bienen zu Nahrungsquellen führen. Dank den Bienen können wir auch dieses Jahr eine reiche Ernte einbringen.

Wenn die Bienen fort sind

Den Bauern im Süden der chinesischen Provinz Sichuan geht es anders als uns. Die Berghänge sind mit Birnbäumen bedeckt und bieten jedes Frühjahr einen merkwürdigen Anblick. Dann klettern Tausende von Menschen mit Bambusstöcken, an deren Ende Hühnerfedern befestigt sind, zwischen den blühenden Zweigen herum. Kinder, Eltern, Grosseltern, Tanten und Onkel sind damit beschäftigt, die Bäume von Hand zu bestäuben. Dieses Ritual findet seit zwanzig Jahren statt, seit die Honigbienen der Region wegen Pestiziden verendet sind.

Herbstzeit ist Obstzeit

Die Bauern sammeln zuerst Blütenstaub, indem sie ihn von den Staubbeuteln, den männlichen Teilen der Blüte, bürsten. Dann wird der Pollen zwei Tage lang getrocknet, und schliesslich zieht die ganze Familie mit den selbstgemachten Bestäubungsstäben los. Sie werden in den Blütenstaub getaucht und dann auf die Stempel, die weiblichen Teile der Blüten, gedrückt. Es ist ein mühsames und arbeitsintensives Verfahren, das viel länger dauert als bei einem Bienenvolk, das an einem einzigen Tag drei Millionen Blüten bestäuben kann. Werden wir vielleicht alle zum Staubwedel greifen müssen, wenn die Honigbienen von der Erde verschwinden? 

Wichtige Arbeiten im Oktober, zum Beispiel
• Letzte Gründüngungseinsaaten
• Boden mit winterharten Kulturen wie Federkohl, Lauch, Rosenkohl und Pastinaken – bepflanzt
• Keller säubern und Gemüse einlagern
• Hecken pflanzen
• Neue Beete anlegen
Nützlinge ansiedeln
• An verschiedenen Orten im Garten Laub und Asthaufen platzieren, damit Nützlinge wie Igel, Blindschleichen und Kröten Überwinterungsplätze vorfinden. 

Im Reich der Sorten

Zeit ist Geld, und darum hat ein Bauer heute keine Zeit mehr, zwanzig Mal zuzugreifen, um ein Kilo Äpfel zu ernten. Auch ich fällte vor vielen Jahren einen alten Apfelbaum. Die Äpfel waren zwar gut im Geschmack, aber sehr klein. Es brauchte also viel Zeit, bis man eine gewisse Menge Äpfel gepflückt hatte. Damals hatte unser Supermarkt nur drei Sorten Äpfel im Angebot. Zwei davon stammten aus Südafrika. Das brachte mich auf die Apfelspur, und ich stellte fest, dass es über dreitausend Sorten Äpfel gibt.

Ich setzte mich mit der Organisation Pro Spezie Rara in Verbindung und pflanzte in den Folgejahren viele alte Apfelsorten mit wohlklingenden Namen wie Graf von Berlepsch, James Grieve, Berner Rosen oder Ananas Reinette. Diese Äpfel sind nicht nur viel besser im Geschmack, sie lassen sich auch viel länger lagern. Das Gleiche gilt für die Wahl der Kräuter und Gemüsesamen. Auch hier wählen wir ausnahmslos alte und erprobte Sorten. Sie sind viel genügsamer und passen sich viel besser an verschiedene Standorte an als hochgezüchtete Pflanzen. Inzwischen wachsen in unserem Garten gegen 120 verschiedene Kräuter, Beeren und Obstsorten.

Quitten sehen aus wie Äpfel oder Birnen. Die Pracht der zartrosa Blüten und ihr betörender Duft faszinieren uns jedes Frühjahr aufs Neue. Nicht umsonst pflegt man bei einem guten Wein zu sagen: Er schmecke nach Quitte. Wir verarbeiten die Früchte fast ausschliesslich zu Gelee, das wir «rotes Gold» nennen, denn die Ausbeute ist jeweils sehr gering. Wir verwenden es in der Weihnachtszeit zum Verfeinern von Saucen und zur Füllung von Truthahn und Hähnchen.
Heidelbeeren wachsen wild im Wald und brauchen eine saure Unterlage. Deshalb setzen wir unsere eigenen, amerikanischen Heidelbeeren in eine Mischung aus Erde, Holzhäcksel und Tannennadeln.
Himbeeren sind unsere absoluten Favoriten unter den Beeren. Wir ziehen die Sorten Autumn Bliss und Mekker, die sich in unserer Höhenlage gut bewährt haben. Mekker reifen im Sommer und Autumn Bliss können wir bis in den Oktober hinein ernten.
Schwarze Johannisbeeren schätzen die Höhenlage. Sie tragen am einjährigen Holz, weshalb wir den Schnitt gleich nach der Ernte im Herbst durchführen. Manchmal schneiden wir tragende Fruchtruten und ernten zu Hause am Küchentisch.
Rote Johannisbeeren produzieren Jahr für Jahr und sind dabei äusserst pflegeleicht. Frances macht daraus einen fantastischen, leicht säuerlichen Johannisbeer-Merengue und natürlich Gelee, das wir gerne zu Wildspezialitäten servieren.
Stachelbeeren munden aufgrund ihrer dicken Schale meist nicht auf Anhieb, doch beim zweiten Anlauf schmecken die leicht säuerlichen, honigsüssen Beeren einfach herrlich. Wir verarbeiten sie zu Kuchen, Kompott und Marmelade.

Der Autor
Remo Vetter wurde 1956 in Basel geboren. 1982 stellte ihn der Heilpflanzenpionier Alfred Vogel ein. Seither ist Vetter im Gesundheitszentrum in Teufen AR tätig, wo er mit Hilfe seiner Familie den Schau-Kräutergarten von A. Vogel hegt.
Vetter ist Autor des Buches «The Lazy Gardener – Wie man sein Glück im Garten findet».
Dieses Buch direkt beim AT Verlag hier bestellen.

Fotos: © Dave Brüllman, /fotolia.com, HerrVorragend Christian/flickr/cc, Selma90/flickr/cc


Kommentare

  1. Keine Einträge

Kommentar schreiben (Lesen Sie bitte unsere Regeln)

Sie haben noch kein Username und Passwort? Hier können Sie sich kostenlos bei «Natürlich» registrieren.

Natürlich im Juni 2012


Inhalt

Vorschau
Archiv

Schnupper Abo
4 Ausgaben für 20 Franken
Jetzt profitieren!

Aboservice

Werbung

Archiv

eBook-Edition

Die 20 besten Heilkräuter
Gegen fast jedes Übel ist ein Kraut gewachsen – Unsere Experten haben in diesem eBook die besten und wirkungsvollsten Heilkräuter ausgewählt und für Sie zusammengestellt. 

Will ich sehen!


Wettbewerb

Mit welcher Torte ist die Fideriser Torte verwandt?

Mitmachen bis zum 31. Mai 2012.

Gewinnen Sie:

zum Wettbewerb


Werbung

Natürlich Essen

Rezept der Woche: 27. April 2012

Spargeln im Strudelteig


Die Natürlich Bilder Galerie

Natürlich HomeMagazinArtikelArtikel: Wer sät, der erntet