Wenn Tiere einen Vogel haben

Andreas Krebs | Ausgabe 04 - 2010

Aggressive Hunde, eifersüchtige Katzen, neurotische Pferde – Tierpsychologen versprechen Hilfe. Doch viele Angebote sind unseriös.

Caroline Lengweiler ist Mitglied der Schweizerischen Tierärztlichen Vereinigung für Verhaltensmedizin. Die allgemeine Skepsis sei berechtigt, sagt sie. «Tierpsychologe kann sich jeder nennen.» Lengweiler warnt vor Schwätzern. «Je schneller einer weiss, was los ist, umso misstrauischer muss man sein. Kurzschlussdiagnosen können nicht gut kommen», sagt die Tierärztin. Sie rät, mehr auf das Bauchgefühl zu achten. «Bei einer tierpsychologischen Beratung muss es einem nämlich wohl sein.»

Zudem solle man sich über den Anbieter, seine Ausbildung und Erfahrung informieren. Seriöse Berater haben einen Abschluss oder ein Diplom einer anerkannten Ausbildungsstätte, die sowohl Theorie als auch Praxis lehrt, sind Mitglied eines Berufsverbandes und bilden sich ständig weiter aus. Eine Beratung kostet 80 bis 180 Franken pro Stunde.

Surftipps
Hier finden Sie weitere Informationen und Tipps zum Thema
Dennis C. Turner, Verhaltensforscher und Katzenexperte
IEMT – Institut für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung
Berufsverband der diplomierten tierpsychologischen BeraterInnen I.E.T.
Akademie für Tiernaturheilkunde ATN AG
Lorenz Tierschule – Vierbeiner zu Besuch im Klassenzimmer
Verband der Tierpsychologen und Tiertrainer e.V.
Anerkannte Ausbildende von Hundetrainern

Laut Lengweiler ist das Problem vieler Ausbildungsstätten, dass die Kursteilnehmer sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. «Unter diesen Umständen ist es schwierig, einen Kurs zu geben.» Die Tierärztin wertet die Praxis höher als die Theorie. «Einer, der nicht selber schon mehrere Hunde hatte, kann bei Problemhunden nicht helfen», sagt sie. Bei vielen Schwierigkeiten wüssten erfahrene Hundetrainer anstelle von Tierpsychologen ebenso gut weiter.

Bei sich anfangen

Immer häufiger werden Tierpsychologen zu Hilfe gerufen. Etwa die Oberstufenlehrerin Mariann Weber aus Aarau, die beim renommierten Verhaltensforscher und Katzenexperten Dennis Turner die Ausbildung zur tierpsychologischen Beraterin absolviert hat. «Die Tiere brauchen für sich eigentlich keinen Psychologen», sagt sie. «Im Zusammenleben mit Menschen, die andere Bedürfnisse und Ansprüche haben, ergeben sich aber oft Probleme und Missverständnisse.» Gestört ist also in erster Linie nicht das Tier, sondern die Beziehung zwischen diesem und seinem Halter. «Der Mensch hat heute sehr hohe Ansprüche an sein Tier», sagt Weber.

Durch strukturiertes Befragen des Halters (Anamnese) und genaues Beobachten des Tieres sammelt die Tierpsychologin Informationen, um das Problem und seine Ursachen zu bestimmen. So kann sie in vielen Fällen aufzeigen, durch welche Änderungen im Umgang mit den Tieren dessen Verhaltensauffälligkeiten korrigiert werden können. Um ein über längere Zeit eingeschliffenes Verhalten wieder abzugewöhnen, braucht es laut Weber viel Geduld und eine konsequente, liebevolle Haltung. Im Grunde gehe es darum, erwünschtes Verhalten im richtigen Moment zu belohnen und unerwünschtes zu ignorieren, sagt sie. Der Hund soll beispielsweise nicht durch Betteln oder Bellen zu Zuwendung oder Futter kommen.

Weiterführender Artikel
 «Der Halter ist das Problem»: Interview mit dem Verhaltensforscher und Katzenexperte Dennis C. Turner über Tierpsychologen und Verhaltensprobleme.

«Störendes Verhalten soll ein Tier nicht zum Ziel bringen», so Weber. «Ganz entscheidend sind der Zeitpunkt der Belohnung und das konsequente Verhalten des Besitzers.» Menschen vergässen gerne, dass Tiere immer lernten, nicht nur dann, wenn wir dies für sie gerade vorgesehen hätten, sagt die Fachfrau. Und oft müssten wir selber lieb gewonnene Gewohnheiten ablegen, was besonders schwer falle. «Aber wenn wir das Verhalten unseres Tieres verändern wollen, müssen wir bei uns anfangen.»

Literatur
• Jean Donaldson, Verne Foster: «Verhaltensfragen», Kynos-Verlag 2009, Fr. 34.50
• Jonathan Balcombe: «Tierisch vergnügt. Ein Verhaltensforscher entdeckt den Spass im Tierreich», Kosmos-Verlag 2007, Fr. 31.90

Fotos: juniors-tierbild.de

Tags (Stichworte): HilfeHundeKatzenTierpsychologe

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