Wenn einer nicht genügt

Suleika Baumgartner | Ausgabe 04 - 2011

Manchen ist eine Liebe zu wenig: Menschen, die in sogenannten Mehrfachbeziehungen leben, lösen bei ihrer Umwelt rasch Unverständnis aus. Für Regula Heinzelmann ist Polyamory seit 30 Jahren die richtige Lebensform.

Esther liebt Fabio, mit dem sie seit elf Jahren zusammenlebt, aber seit sechs Monaten keinen Sex mehr hat. Esther liebt auch Thomas, den sie vor zwei Jahren kennengelernt hat. Und Thomas liebt Lilly. Mit der er aber nicht zusammenlebt. Monika ist mit Hans verheiratet. Zweimal pro Jahr fliegt sie nach Dänemark zu Jens. Jens wohnt mit Kristina und liebt Kristina, Yvette, Suzanne und Monika.

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polyamory

Was kompliziert tönt, ist eigentlich einfach: Monika, Jens, Esther und Co. haben beschlossen, nicht mehr monogam zu leben. Sie finden, dass es in ihrem Leben für mehr als eine Liebe Platz hat. Polyamory oder eingedeutscht Polyamorie nennt sich das. Die Idee von Polyamory: gleichzeitig mehrere Menschen lieben zu können, wobei sämtliche Beteiligten über alles informiert und mit allem einverstanden und zufrieden sind – idealerweise.

Eine, die wissen muss, ob das geht, ist die Juristin und Buchautorin Regula Heinzelmann. 1994 veröffentlichte sie das Buch «Die neuen Paare – Anleitung zur Polygamie». Das Wort Polygamie im Untertitel sei reine Provokation gewesen. Denn: In Westeuropa ist die Vielehe verboten. Entsprechend fielen die Reaktionen heftig aus. «Ich sei schamlos, war noch die geringste Beschimpfung», sagt sie. Das Privatfernsehen riss sich um sie. Das grösste Missverständnis, dem sie in Interviews und Talkshows begegnet sei, war, so Heinzelmann, dass es ihr in erster Linie um Sex gehe. Sie stellt klar: «Es geht nicht um Promiskuität, darum, wahllos mit jedem Sex zu haben.» Doch wenn der geistige Kontakt mit einem Menschen eine starke Intensität erreiche, könne Erotik dazu kommen. «Es geht darum, die Trennung zwischen Geist und Körper aufzuheben.» Dieser Sichtweise ist Heinzelmann treu geblieben und auch 17 Jahre nach Erscheinen des Buches führt die mittlerweile 55-Jährige mehrere Beziehungen nebeneinander.

Mono als Norm – weshalb eigentlich?
Wie man aus der Ethnologie weiss, sind Verwandtschaftsbeziehungen und damit die Ehe nicht natürlich gegeben, sondern kulturell geformt. In bestimmten Gesellschaften gelten beispielsweise Polygynie (ein Mann, mehrere Frauen) oder Polyandrie (eine Frau, mehrere Männer) als normal oder sogar als ideal. Beispiele für Polygynie finden sich in vielen Teilen Afrikas, in islamisch geprägten Ländern, bei verschiedenen indigenen Völkern in Nord- und Südamerika und in der Volksrepublik China, früher auch im Judentum und in Skandinavien. Beispiele für Polyandrie gibt es im Himalaja, in Indien, im Kongo und im nördlichen Nigeria. Zum Teil sind diese nicht monogamen Lebensformen unter dem Einfluss des Christentums und im Zuge der Globalisierung auf dem Rückzug. In gewissen Ländern ist die Vielehe legal, in anderen wird sie trotz Verbot praktiziert. Ebenso wie Verwandtschaftsbeziehungen immer kulturell geformt sind, sind die Vorstellungen zur Liebe, zur Sexualität und den Geschlechterrollen kulturell geprägt und historisch verschieden. So ist die bürgerlich-romantische Ehe mit dem Ideal, dass ein Mann und eine Frau eine langfristige Beziehung auf der Basis von leidenschaftlicher Liebe eingehen, ein geschichtlich junges Phänomen. Es datiert auf den Beginn des 19. Jahrhunderts zurück. Idee und Praxis von Polyamory sind noch weit jüngeren Datums: Sie gehen auf die späten 1960er-Jahre zurück und nahmen ihren Ursprung in den USA. Der Begriff selbst etablierte sich allerdings erst in den 1990er-Jahren.

Ein Modell mit vielen Varianten

Was für eine konventionelle Zweierbeziehung gelte, treffe auf die Mehrfachbeziehung erst recht zu, bestätigt auch Regula Heinzelmann. Ohne Kommunikation geht nichts. «Wer zudem bei der kleinsten Eifersuchtsregung ausrastet, für den ist das sicher nichts.» Wichtig sei, gleich zu Beginn einer Beziehung klarzustellen, dass man mehrere Sexualpartner habe.

Es handle sich um ein Modell mit vielen Varianten, meint Heinzelmann, und es biete den Beteiligten Entwicklungsmöglichkeiten. Denkbar sei, dass sich die verschiedenen Partner kennen würden und schätzten. «Schwierig wurde es in der Vergangenheit, als ich mich in einen Mann verliebte, der mit einer anderen Frau zusammen war und unsere Beziehung vor ihr verheimlichte. Mir ging das gegen den Strich, aber jeder muss selber entscheiden, wie offen er anderen Partnern gegenüber sein will.» Dies sei der klassische Konflikt von Polyamory: Treffe ein Monogamer auf einen Menschen, der polyamor leben will, dann gehe das fast nie gut. «Eigentlich müsste man in einer solchen Situation sagen: ‹Dann lass ich mich nicht auf dich ein.› Aber eben, die Liebe fällt dorthin, wo sie will.»

Was uns heute als natürlich erscheint – eine mono-amore langfristige Zweierbeziehung – ist erst nach und nach entstanden. Heinzelmann hält die Einehe für kein menschengerechtes Modell. Den wenigsten würde dies im Innersten entsprechen. «Weshalb sonst enden die meisten doch beim Seitensprung?», fragt sie. So sei die Norm mittlerweile wohl eher die serielle Monogamie: Eine Partnerschaft folgt auf die nächste.

Literatur
• Cornelia Jönsson & Simone Maresch: «111 Gründe, offen zu lieben – Ein Loblied auf offene Beziehungen, Polyamorie und die Freundschaft», Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2010, Fr. 16.90
• Thomas Schroedter, Christina Vetter: «Polyamory – eine Erinnerung», Schmetterling Verlag, 2010, Fr. 16.90
• Regula Heinzelmann: «Die neuen Paare – Anleitung zur Polygamie», Nymphenburger, 1994. Vergriffen. Als PDF bei der Autorin erhältlich (rhz@bluewin.ch) www.heinzelmann-texte.ch

Tolerante Männer zu finden, sei nie ein Problem gewesen, sagt Regula Heinzelmann. Die Frau mit Brille und einer Vorliebe für kräftige Farben wirkt sachlich und diszipliniert, sagt aber von sich: «Ich bin leidenschaftlich.» Sie habe den Eindruck, dass es für Männer schwieriger sei, eine Partnerin zu ä nden, die Polyamory akzeptiere. Gerne würde sie diese Lebensform ihren Geschlechtsgenossinnen ans Herz legen, beispielsweise jenen mit einem älteren Partner. «Im Alter könnten sie froh sein, wenn Menschen da sind, die sich gegenseitig unterstützen.» Und obwohl selber kinderlos, ist Heinzelmann überzeugt, dass Polyamory dazu beitragen könnte, Familienstrukturen zu bewahren: «Ich bin dafür zu erhalten, was zu erhalten wert ist. So gesehen bin ich konservativ.»

Zur Person
Regula Heinzelmann studierte an der Universität Zürich Recht und lebt in Zürich und Berlin. Seit 1984 arbeitet die 55-Jährige als freie Journalistin und Buchautorin mit Schwerpunkt auf wirtschaftlichen und juristischen Themen. 1994 veröffentlichte sie das Buch «Die neuen Paare – Anleitung zu Polygamie».

Fotos: caseydavid / flickr / cc, allaboutgeorge / flickr / cc, romana klee / flickr / cc


Kommentare

  1. Von Viktor-Leberecht am Mittwoch, 30.03.2011 Ragt aus der Masse der Artikel zum Thema heraus, habe ihn deshalb in meiner Artikelserie "Lesenswert" auf meiner deutschen und englischen Webseite empfohlen.
    Artikel auf deutsch
    http://viktor-leberecht.de/archives/794
    auf englisch
    http://viktor-leberecht.com/archives/705
    Falls Ihnen das zu sehr als Eigenwerbung erscheint, müssen Sie es ja nicht veröffentlichen, Gruß, Viktor Leberecht

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