Weisses Glück
Zwischen Amden und Appenzell liegt ein Eldorado für mehrtägige Schneeschuhwanderungen – und eine kulinarische Schlemmerlandschaft dazu.

Wer will und genügend Zeit hat, startet seine mehrtägige Schneeschuhwanderung in Amden hoch über dem Walensee. Ein idealer Ausgangspunkt, um sich einzulaufen, denn die Strecke zur Vorder Höhi ist nicht allzu steil und in der Regel als Winterwanderweg gespurt. An schönen Tagen trifft man dort viele andere Schneeschuhläuferinnen und -läufer. Das ist dann eine Art Schaulaufen, wo nicht nur die neusten Schneeschuhmodelle zu sehen sind, sondern wo man sich auch über die leichtesten Stöcke, Schuhmodelle, die leicht und trotzdem stabil und knöchelschonend sind, austauschen kann.
Angekommen auf der Vorder Höhi, hat man die ersten Höhenmeter in den Knochen und merkt, wie es um die Kondition steht. Schneeschuhlaufen kann anstrengend sein – vor allem bei tiefem Schnee. Schneeschuhlaufen ist aber auch entspannend und meditativ: Wenn das Knirschen der Schuhe im Schnee rhythmisch einhergeht mit dem Atem, die Gespräche verstummt sind und sich die innere Ruhe von den Fussspitzen bis in die Hirnrinde ausgebreitet hat, kann ein Gefühl des Glücks aufkommen, das immer mehr Menschen suchen. Dieses erlebt, wer nach einem Älplerkafi oder einer währschaften Wurst auf der Vorder Höhi nach Stein im Obertoggenburg absteigt. Denn jetzt ist Schluss mit dem Publikum, und man stapft allein bergab und geniesst die Aussicht. Sie leitet gedanklich hinüber zu den nächsten Etappen im Herz der Ostschweiz, Routen nach Appenzell, Urnäsch und bis fast nach St. Gallen.
Früh los zum Risipass
Aber erst mal landet man sanft in Stein im Toggenburg, dem nächsten Ausgangspunkt. Genügend Schlaf und frühzeitiges Aufstehen machen sich bezahlt, denn der Aufstieg am nächsten Tag zum Risipass oder gar zum Stockberg ist ein gutes Stück Arbeit. Vielleicht lassen sich die ersten Höhenmeter mit einem Taxidienst erkaufen, doch dann geht es zur Sache. Durch offene überschneite Weidelandschaften und weite Fluren führt der Weg stetig hinauf, wobei hier ein Ausscheren nach links oder rechts erlaubt ist. Wer sich die umfassende Rundsicht vom Stockberg nicht nehmen lassen will, wird gemeinsam mit den aufgerückten Skitouristen den steilen Schlusshang in Angriff nehmen und dabei die Erfahrung machen, dass die Skiaufstiegsspuren für Schneeschuhgänger nur bedingt geeignet sind. Die Spuranlage mit Schneeschuhen ist in der Regel steiler; man wird also seine eigenen Windungen finden. Das hat auch den Vorteil, dass man den Skitourengängern die Aufstiegsspur nicht kaputt macht und sich dann auf dem Gipfel keine entsprechenden Kommentare anhören muss. Dort überblickt man das ganze Schneeschuheldorado rund um die Schwägalp von der Gössigenhöchi über die Hochalp bis zum Kronberg. Und natürlich sieht man den Säntis, dessen Angesicht einem treu bleibt während des wiederum einsamen und meditativen Abstiegs nach Lutertannen, wo der nächste Gasthof wartet. Es sei denn, man zieht seine Spur auf eigene Faust weiter bis zur Schwägalp.
Der nebelfreie Klassiker
Dort, auf der Schwägalp, hat man die Qual der Wahl. Bei guten Verhältnissen wagen sich erfahrene Schneeschuhtourengänger via Chräzerenpass zur Aussichtskanzel bei Spicher, um dann ausserhalb markierter Trails entlang einer steilen, lawinengefährdeten Flanke hinüberzuwechseln zur viel besuchten Hochalp. Von dort steigt man ab nach Urnäsch oder nach Hemberg. Etwas weniger ambitionierte Geniesserinnen und Geniesser folgen vom Chrüzerenpass einem andern Schneeschuhtrail in Richtung Hinterfallenchopf. Sie werden erkennen, dass markierte Schneeschuhtrails nicht nur gut sind für all jene, die ohne grosse Gebiets- und Kartenkenntnisse im winterlichen Gelände unterwegs sind. Sie sind auch wichtig für den Wildschutz. In solchen Waldrandzonen trifft man immer wieder auf Spuren von Rehen, Hirschen und Schneehasen. Sie leben hier im Winter. Wenn sie durch Schneeschuhwanderer und Skitourenfahrer immer wieder in ihrer Ruhe gestört werden und aufgeschreckt davon rennen, verlieren sie viel Energie – den Winter werden sie dann nicht überleben.
Will man gefahrlos auf ausgetretenen Pfaden ins Appenzellische stapfen, drängt sich die Route über den Kronberg und Chlosterspitz nach Appenzell auf. Der Aufstieg auf den Kronberg ist ein Klassiker für Winterwanderer und Schneeschuhläufer. Das hat seine guten Gründe: Die Landschaft mit dem Säntis im Hintergrund ist abwechslungsreich und meist nebelfrei. Auch die Aussicht vom Kronberg lässt keine Wünsche offen – ausser denen, die sie neu schafft. Denn jetzt tut sich der Blick auf zu den vielen weiteren Etappenzielen, die hinter dem Kantonshauptort warten. Zum Beispiel die Tour vorbei am gemütlichen Berggasthaus Höch Hirschberg zum typischen Appenzellerdorf Gais. Das Gasthaus wird von einer Appenzeller Bäckerfamilie betrieben, und das riecht man schon beim Eintreten. Feiner Schlorzifladen, das ist ein flacher Kuchen mit pürierten Dörrbirnen und einem Rahmguss, oder ein echter Chäsböllefl ade (Zwiebelkuchen) gibt es dort. Wenn es auf der ausladenden Terrasse mit direkter Sicht am Fänerenspitz vorbei zum Kronberg zu kalt wird, zieht man sich zurück in eines der ältesten Stübli weit und breit. Romantisch ist dann auch der Aufstieg von Gais entlang der Schlittelpiste, vorbei am Bauernhof «Stärnebeizli» der Familie Bodenmann – unbedingt den Tannenschösslilikör probieren – zum Bergrestaurant Gäbris. Dort noch ein letztes Mal die Aussicht auf Säntis und Kronberg geniessen und Abschied nehmen von «Südwooscht, Chääsmageroone ond Epfelmues». Dann steigt man auf dem letzten Schnee ab und zurück in den Arbeitsalltag – das Herz voller Appenzeller Frohmut.
Das Buch «Ostschweiz – Schneeschuhtouren» ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.
Stein–Risipass–Stockberg–Lutertannen
• Schwierigkeitsgrad 2 (Gelände flach oder wenig steil, Lawinengefahr, keine Abrutschgefahr) mit Variante Stockberg
• Schwierigkeitsgrad 3 (wenig bis mässig steil, kurze steile Passagen, Lawinengefahr, geringe Abrutschgefahr)
• Distanz 10 Kilometer, Höhendifferenz 950 Meter aufwärts, 760 Meter abwärts
• Zeitbedarf 5 bis 6 Stunden (inkl. Stockberg)
• Übernachten Hotel Seeben in Lutertannen/Ennetbühl, Telefon 071 994 13 63
Von Stein (St. Gallen) via Ahorn auf bezeichneter Route zum Risipass. Von dort direkt und teilweise recht steil zum Gipfel. Vom Gipfel zurück zum Risipass. Auf der andern Seite wiederum markiert über die Lütisalp hinunter nach Luttertannen/Bernhalden.
Kronberg–Chlosterspitz–Appenzell
• Schwierigkeitsgrad 1 (Gelände flach oder wenig steil, keine Lawinen- und Abrutschgefahr)
• Distanz 8,7 Kilometer
• Höhendifferenz 100 Meter aufwärts, 950 Meter abwärts
• Zeitbedarf 3 bis 4 Stunden
• Übernachten Berggasthaus Kronberg, Telefon 071 794 11 30, www.kronberg.ch, Bergrestaurant Scheidegg, www.scheidegg-ai.ch, Telefon 071 794 14 14 (Auskünfte, Öffnungszeiten und Wetter)
Mit der Seilbahn auf den Kronberg oder von der Schwägalp auf breiter Wanderpiste über den Südrücken zur Bergstation Kronberg. Von dort zuerst am Rand der Skipiste, dann an verschiedenen Alphütten vorbei via Scheidegg (Restaurant) bis Wasserschaffen, einem kleinen Passübergang. Auf dem Grat bleibend zur Neuenalp, Abstecher auf den Chlosterspitz. Von Neuenalp nördlich hinunter über Ober Sollegg nach Appenzell.
Weitere Adressen
• Gasthaus Gäbris Telelefon 071 793 16 01, Mittwoch Ruhetag
• Berggasthaus Hoher Hirschberg Doppelzimmer und Matratzenlager, historisches Stübli. www.hoherhirschberg.ch, Telefon 071 787 14 67, Mittwoch Ruhetag
• Berggasthaus Schwägalp www.schwaegalp.ch
• Unterkünfte in Stein www.stein-ar.ch
• Unterkünfte in Amden www.amden.ch
Fotos: swss-image.ch, Kecko / flickr / cc
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