Weisse Mythen
Rund um die Ibergeregg, nur wenige Meter von den Skipisten entfernt, liegt ein Paradies für Schneeschuhwanderer.
Das Matterhorn, möchte man meinen, steht im Wallis in der Nähe von Zermatt. Aber das stimmt nicht. «Das Original steht in Graubünden»: So werben zumindest die Bündner Touristiker und meinen das Zervreilahorn im Valsertal. Aber auch das ist falsch. Das Original steht weder im Wallis noch in Graubünden, sondern in der Zentralschweiz. Wer das nicht glaubt, soll bei der Schindleneggen zwischen dem Furggelenstock und dem Brünnelistock vorbeischauen.
Abseits ausgetretener Pfade
Da ist er, der Hörnligrat, wie er sich kühn aufschwingt, verjüngt und oben mit dem Furgggrat vereint zur Gipfelkante, in seinem Schoss die brüchige, bodenlose Ostwand, und oben, ganz oben auf dem Gipfel – nein, das ist nicht der Matterhornkiosk von der legendären Sendung «Verstehen Sie Spass» mit Kurt Felix, sondern nur das Bergrestaurant auf dem Grossen Mythen. Sicher: Der Vergleich zwischen dem Grossen Mythen und dem Matterhorn ist ein wenig vermessen, denn den Mythen fehlen doch einige Höhenmeter, um es mit den Walliser Eisriesen aufzunehmen. Trotzdem: Mächtig sind sie allemal, die beiden Mythen und der Haggenspitz, und Verwandlungskünstler dazu. Spannende Begleiter also auf einer Haute Route für Schneeschuhläufer, die wohl deshalb so unbekannt ist, weil man sie dort nicht erwartet – mitten in den Skigebieten von Hochybrig und Ibergeregg.
Startpunkt unserer Tour ist die Sonnenterrasse von Illgau hoch über dem Muotatal und von Schwyz per Bus und Seilbahn erreichbar. Eine Gondelbahn bringt einen auf 1150 Meter über Meer. Von dort stapft man in abwechslungsreich gestuftem Gelände an Höfen und Ställen vorbei und zuletzt zwischen schneegeschwängerten Tannen hindurch zur Sternenegg. An einer Stelle passiert man nur wenige Meter neben der Fahrstrasse zur Ibergeregg, ohne aber davon etwas zu merken. Kein Mensch scheint sich für die unberührten Ebenen gleich neben der Strasse zu interessieren, für die Einsamkeit inmitten unberührter Natur, und nur wenige Spuren führen hinauf zur Sternenegg.
Das Gelände ist ideal, um einmal das Gefühl des Schneeschuhwanderns abseits ausgetretener Pfade zu erleben. Denn Lawinengefahr gibt es hier nicht und das Gelände ist so übersichtlich, dass die Orientierung keine Schwierigkeiten bereiten sollte. Immer mächtiger erscheint links der Grosse Mythen, dieser einsame, wie von Zyklopenhand hingeworfene und liegen gelassene Klotz. Tatsächlich: Die Mythen gelten auch geologisch als Klippen, das heisst als Überbleibsel einer alten Gesteinsdecke, die ansonsten längst von den Kräften der Erosion abgetragen und in die Nordsee abtransportiert worden ist.

Auf sicheren Spuren
Bei der Sternenegg ist vorerst Schluss mit der Einsamkeit. Eine Alpwirtschaft sorgt für Erfrischung und Skiwanderer sowie Schneeschuhläuferinnen promenieren auf dem aussichtsreichen Gratrücken der Sternenegg mit Sicht auf den Stoos und in die Urner Alpen. Die Promenade gehört zum Schwyzer Höhenweg, der vom Skigebiet Hochybrig herkommend weiterführt bis zur Ibergeregg. Von dort führt der Winterwanderweg weiter über die Müsliegg zur Holzegg, von wo ein rassiger Abstieg über Hasli und den Huserenberg nach Schwyz möglich ist.
Wer aber das «Matterhorn» sehen will und nicht nur die immer grösser und mächtiger werdenden Mythen, der nimmt von der Ibergeregg den kurzen Aufstieg entlang der Skipisten hinauf auf den Brünnelistock auf sich. Von nun an weisen rote Global-Trail-Tafeln den Weg. Diese Besucherlenkung ist in diesem Gebiet nicht nur wegen der Orientierung sinnvoll, sondern auch aus Gründen des Wildschutzes. Denn das Gebiet abseits der markierten Schneeschuhroute ist Lebensraum der selten gewordenen Raufusshühner und sollte deshalb nicht begangen werden.
Die rote Farbe der Tafeln deutet an, dass es sich nun um eine Schneeschuhroute mittleren Schwierigkeitsgrades handelt. Auf der Website von Global Trail (www.globaltrail.ch) ist dabei die Rede von «mässig steilem Gelände mit gelegentlich auch steileren oder exponierten Passagen», die «eine gute körperliche Verfassung und Trittsicherheit» voraussetzen. Besonders hilfreich: Lawinengefährdete Trails werden am Ausgangspunkt gesperrt. Die etwas steileren Passagen befinden sich auf unserer Route am Furggelenstock, der vom Brünnelistock auf einem kürzeren, bewaldeten Gratrücken erreicht wird. Nur einmal wird der Blick frei auf die Mythen, eben dort, wo die Mythen als Matterhorn erscheinen.
Bewegungsmeditation
Furggeln nannte man früher die dreizackigen Heugabeln. Als Flurnamen bezeichnen sie seither Übergänge oder Wegscheiden. Auf dem Furggelenstock scheiden sich aber nicht die Wege, sondern die Aussichten. Nicht umsonst sind dort zwei Bänke angebracht, Rücken an Rücken: eine für die Ostaussicht mit Druesberg, Tödi und Glärnisch, eine für die Westaussicht mit Mythen, Rigi und Pilatus. Dann taucht der Weg ab bis zu einem kleinen Boden. Dort steht die Furggelenhütte, die der Sektion Einsiedeln des Schweizer Alpenclubs gehört. Leider ist sie im Winter geschlossen. Oder auch zum Glück – denn wiederum regiert nördlich des Furggelenstockes die Einsamkeit und das Schneeschuhlaufen gewinnt die Qualität einer Bewegungsmeditation hinzu: Das Knirschen der Schuhe im Schnee geht rhythmisch einher mit dem Atem, die Gespräche verstummen und die innere Ruhe breitet sich von den Fussspitzen bis in die Hirnrinde aus.
Derweil wandelt man auf einem Gratkamm sanft hinunter über Leimgütsch nach Heiken, um dann nach Oberiberg abzutauchen. Ausser, der Schnee steht knietief und der Spuren sind noch keine. Dann kann jeder Meter doppelt zählen und aus einer lockeren Wanderung wird eine fordernde Tour. Deshalb sind auch die Zeitangaben in den Führern mit Vorsicht zu geniessen – nicht aber die Wintermärchenlandschaft im Herzen der Schweiz.
Auf einsamen Pfaden auf den Furggelenstock
Route:
Von der Seilbahnstation Illgau-Oberberg zur Alp Oberberg, dann parallel zur Ibergeregg-Fahrstrasse zum Eseltritt. Nun östlich auf überschneitem Weg hinüber zur Sternenegg. Von dort auf dem Winterwanderweg zur Ibergeregg (Restaurant). Aufstieg zum Brünnelistock (Liftanlagen), dann auf einem Gratkamm mit kleiner Senke und über einen Aufschwung zum Furggelenstock. Abstieg zur Furggelenhütte, dann weiter zum Verbindungsgrat zwischen Gschwändstock und Furggelenstock. Diesem Kamm folgend über Leim-gütsch zum Geländerücken von Heiken. Über Wiesland hinunter nach Oberiberg/Tschalun.
Karten: Landeskarte 1:25000, 1152, Ibergeregg, 1172 Muotathal
Landeskarte 1:50000, 236 S Lachen
Bilder: © FOTOLIA, David Coulin
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