Wasser vom Lieben Gott

Text Remo Vetter | Ausgabe 03 - 2010

Richtig gärtnern heisst auch mit Wind und Regen zu arbeiten – nicht gegen diese. Das lehrt einen das Gärtnerleben.

Im März ist bei mir die Ungeduld jeweils gross und das Wetter beeinflusst mich jetzt am meisten. Es gibt vor, was heute zu tun ist. Ich beobachte die heranziehenden Wolken. Wird das Wetter halten? Für den biologischen Gärtner ist das ein zentraler Faktor. Meist zieht es mich nach den langen Wintermonaten hinaus, doch schon oft musste ich dafür Tribut zollen.

Das Wetter ist ausschlaggebend für meinen Erfolg und damit für das Gelingen meiner Vorsätze. Früher nahm ich mir immer zu viel vor und war dann enttäuscht, wenn ich meine Vorgaben nicht erreichte. Weil der Regen kam, oder sonst etwas Unvorhergesehenes. Heute bin ich gelassener. Ein Trick hilft mir dabei. Abends reflektiere ich den Tag: Was war gut? Was hätte ich besser tun können? Ich versuche, mit mir und meiner Umwelt ins Reine zu kommen. Dann setze ich mir Ziele für den nächsten Tag. Ich tue das bewusst am Vorabend, damit ich am Morgen nach dem Frühstück gleich loslegen kann. Es fällt mir leichter, den Tag so zu beginnen, als mir frühmorgens den Kopf zu zerbrechen, was ich alles tun könnte.

Weniger ist mehr. Wichtiges ist von Dringendem zu unterscheiden. Fünf Dinge, die ich unbedingt erledigen will, und fünf, die weniger dringend sind, stehen deshalb jeweils auf meiner Gartenliste. Ich habe gelernt, die fünf wichtigen Ziele nicht zu hoch zu stecken und doch so, dass sie ausserhalb meiner Komfortzone liegen. Schliesslich soll es ja eine Herausforderung sein, in gewissem Sinne ein Hinauswachsen über sich selbst.

Für jede schwierige Arbeit beschenke ich mich mit einer schönen Arbeit im Garten oder am Schreibpult. So macht die Arbeit Spass – und das Leben auch. Bei der Arbeit im Garten komme ich dem näher, was ich auch auf Reisen in ländlichen Gegenden immer wieder beobachtet habe: Wenn Menschen mehr Zeit haben, scheinen sie auch glücklicher zu sein.

Das Wetter ist unumstösslich. Es zwingt mich, im Augenblick zu leben. Wer es bekämpft, verschwendet nur seine Zeit. Früher kam es manchmal vor, dass ich trotz Regen oder Schnee im Frühjahr mit Schubkarren, Spaten oder sonstigem schwerem Werkzeug durch den Garten stapfte, dabei den Boden unnötig verdichtete und mir der Lehm wie Leim zentimeterdick an den Stiefeln klebte. Würde ich mich mit meinem heutigen Erfahrungsschatz von der trockenen Stube aus beobachten, ich käme nicht darum herum, über den Spinner da draussen laut zu lachen. Ich habe gelernt, Geduld zu haben, abzuwarten, bis das Wetter stimmt.

Die Erde atmen lassen

Nach dem Regen gehe ich in den Garten und kratze die Gartenbeete durch. Am Wasser liebsten erledige ich diese Arbeit am Morgen. Dann atmet die Erde ein, abends atmet sie aus. Also öffne ich am Morgen mit meiner Kupfer-Pendelhacke die «Kapillaren», lasse die Erde atmen und die Energie fliessen. Die langjährige proaktive Bodenbearbeitung mit der Pendelhacke hat dazu geführt, dass die Gartenerde extrem krümelig und der Boden gut durchlüftet ist. Natürlich beeinflusst die Kombination aus Niederschlag und Wärme das Pflanzengedeihen in unserem Garten. Doch bin ich überzeugt, dass es unsere Arbeitsweise ist – das Lüften der Erde mit Kupfergeräten –, die Ertrag und Pflanzengesundheit massgeblich verbessert haben.

Jeder Boden hat seine eigenen Gesetzmässigkeiten, die es zu erforschen gilt. Wenn es bei uns tagelang regnet, und das kommt im Frühjahr in unserem voralpinen Klima häufig vor, dann saugt der Boden die Feuchtigkeit wie ein Schwamm auf. Ich muss dann lange abwarten, bis ich die Beete bearbeiten kann, denn zu frühes Bearbeiten verdichtet die Erde. Dafür muss ich meinen Garten ausser bei Neusaaten nie bewässern. Mein Lehrmeister Alfred Vogel hat mich einmal gefragt, wo wohl die gesündesten Pflanzen wüchsen. Dabei zeigte er auf das nahe Alpsteingebirge: «Dort wachsen sie – und wer giesst sie? Niemand ausser der Liebe Gott.»

Vom Winde verweht

Der Wind übt meist einen grossen Einfluss auf unseren Garten aus. Ich muss hauptsächlich auf zwei Winde achten. Von Süden kommt der warme Föhnwind, ähnlich dem Mistral in Frankreich. Er bläst stark, trocknet den Boden aus und knickt manchmal Bäume und Sträucher wie Zündhölzer. Von Westen kommen im Frühling die meist lang anhaltenden Regenperioden, oft von Sturmwinden begleitet. Als Schutzmassnahmen pflanzte ich ansteigende Hecken. Sie leiten die Winde nach oben und über den Garten hinweg ab. Die natürliche Massnahme hat sich bewährt. Versuche mit Mauern bremsten zwar den Wind ab, schützten aber nur die im Windschatten liegende Fläche.

Der Wind ist aber nicht nur ein Ärgernis. Der warme Föhn trocknet die Beete nach anhaltenden Regenfällen schnell wieder ab, und der Westwind bläst mir den Garten und die Landschaft sauber. Das Alpsteinmassiv erscheint nach einem Regenguss zum Greifen nahe.

Der Autor
Remo Vetter wurde 1956 in Basel geboren. 1982 stellte ihn der Heilpflanzenpionier Alfred Vogel ein. Seither ist Vetter im Gesundheitszentrum in Teufen (AR) tätig, wo er mithilfe seiner Familie den Schaukräutergarten von A. Vogel hegt.

Fotos: fotolia.com, Dave Brühlmann/ffr

Tags (Stichworte): GartenRegenWasserWetterWind

Kommentare

  1. Von rodek am Mittwoch, 03.03.2010 Zugegeben, ich bin kein Gärtner. Auch keiner, der ab und zu mit grünen Stiefeln im Garten umherstreift. Aber den Artikel von Remo Vetter finde ich trotzdem interessant und lehrreich - darin finden sich nämlich nicht nur gärtnerspezifische Anregungen sondern mitunter auch solche, die ein Nichtgärtner, so wie ich einer nun mal bin, ganz schön zum Nachdenken zwingt.
  2. Von kellenberger am Mittwoch, 03.03.2010 Lieber Rodek

    So soll es auch sein! Gärtnern ist mehr als nur Mist unter den Kompost mischen. Gärtnern ist Leben. Mit den Händen in der Erde wühlen - und gleichzeitig mit den Gedanken den Himmel berühren.
  3. Von ial am Donnerstag, 04.03.2010 Ich finde den Artikel ebenfalls schön geschrieben. Ich bevorzuge einen Garten, bei dem ich wenig eingreifen muss. In meiner alten Heimat hatten wir einen wahrlichen Naturgarten. Wir haben der Natur freien Lauf gelassen und aufgepasst, dass es nicht zu wild wurde. Belohnt hat uns das mit einer reichen Zahl an Vögeln, die überall nisteten, wundervollen Schmetterlingen und auch sonst einer Fauna und Flora, die ich in Kulturgärten oder so manchen Schrebergärten vermisse. Ich habe es genossen, mich in diesen Garten, den andere als Wildnis beschimpften, zu setzen und die echte Natur zu geniessen und auch zu zeichnen. Ich geniesse es noch immer, wenn ich Urlaub in der Heimat mache.
    Mit der Natur gärtnern ist also ein wundervoller Ansatz und wirklich stressfrei.

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