Warum wir gesund werden

Text Martin Koradi | Ausgabe 03 - 2010

Wir gehen meist selbstverständlich davon aus, dass es die Therapie ist, die uns von einer Erkrankung genesen lässt. Doch es gibt noch andere Erklärungen.

Es scheint so selbstverständlich: Wer krank ist, braucht das richtige Heilmittel oder die passende Therapiemethode und wird wieder gesund. Doch Gesundheit und Krankheit sind keine absoluten Grössen, daher nur begrenzt objektivierbar und immer auch Ausdruck von Befindlichkeit und sozialer Bewertung. Heilung hat mit Gesundheit zu tun und mit Krankheit, aber mindestens ebenso auch mit unseren Vorstellungen von diesen. Und diese sind von vielen verschiedenen Faktoren abhängig.

Mit der Frage, warum wir eigentlich wieder genesen, befasst sich auch der deutsche Psychiater Asmus Finzen. Er gibt in seinem leider vergriffenen Buch «Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?» darauf sechs teils provokative Antworten, über die nachzudenken sich lohnt. Warum also werden wir laut Finzen wieder gesund?

1. Wir werden gesund wegen der Therapie, die wir anwenden.

Dies ist für die meisten Therapeutinnen und Therapeuten jeder Couleur diejenige Antwort, die ihrer Arbeit Sinn gibt. Kein Wunder glauben sie das gerne. Und Kranke, die für eine Behandlung möglicherweise viel Geld und Zeit aufwenden, sind oft sehr schnell von dieser Vorstellung überzeugt. Trotz ihrer Beliebtheit trifft diese Antwort aber wohl seltener zu, als wir uns das vormachen. Der Grund dafür liegt möglicherweise in Finzens zweiter These.

2. Wir werden von alleine wieder gesund.

Viele Beschwerden und Krankheiten heilen von selbst. Genauer gesagt sind es unsere Selbstheilungskräfte, die uns gesund machen. Heilung ist dann ein Ausdruck der Kompetenz unseres Organismus. Wer also jede Heilung sogleich und fraglos einem verordneten Medikament oder einem Naturheilmittel zuschreibt, diskriminiert eigentlich die Selbstheilungskräfte seines Körpers. Doch die vermeintliche Gesundung könnte auch eine Täuschung sein.

3. Wir werden gar nicht wieder gesund.

Es sieht also nur so aus, als wenn wir gesund würden. Viele chronische Krankheiten haben typischerweise einen schwankenden Verlauf. Gute Phasen mit leichten Beschwerden wechseln mit Rückfällen ab. Therapeutische Hilfe suchen wir oft an einem Tiefpunkt. Vom natürlichen Krankheitsverlauf her steht dann ein Aufschwung unmittelbar vor der Türe. Diese Besserung interpretieren wir womöglich als Heilung und führen sie auf die angewendete Therapie zurück. Doch der enttäuschende Rückfall folgt auf dem Fuss.

Die schwankenden Verläufe chronischer Krankheiten sind eine grosse Herausforderung für die Betroffenen und für die behandelnden Fachleute. Weder überzogene Hoffnungen noch Resignation sind hilfreich. Es gibt Krankheiten, die nicht heilbar sind. Das gehört zur menschlichen Existenz. In solchen Fällen führen überzogene Hoffnungen zur endlosen, teuren, kraft- und zeitraubenden Suche. Und sie lenken davon ab, dass es auch darum gehen könnte, die Krankheit als Teil des eigenen Lebens zu akzeptieren, und zu lernen, trotz der Krankheit möglichst viel Lebensqualität zu erreichen.

Für Behandelnde sind chronische Verläufe eine Herausforderung. Hier ist nicht die attraktive Heilerrolle gefragt, sondern die langjährige Begleitung durch Hochs und Tiefs, bei der man immer auch mit den Grenzen der eigenen Behandlungsmethoden konfrontiert wird. Diese Art therapeutischer Begleitung ist eine anspruchsvolle Aufgabe, nicht zuletzt auf der Beziehungsebene. Dabei können gerade auch Berufsleute aus Naturheilkunde beziehungsweise Komplementärmedizin eine wichtige Rolle spielen, wenn sie fähig sind, sich den eigenen Grenzen zu stellen.

4. Wir werden trotz der Therapie wieder gesund.

Glücklicherweise überstehen die meisten Menschen auch unnötige und belastende Behandlungen. Waren es früher Aderlässe, Einläufe, Abführ- und Brechkuren, welche die Kranken überleben mussten, so sind es heute beispielsweise überflüssige Operationen oder Untersuchungen. Vor allem Privatversicherte scheinen einem erhöhten Risiko für überflüssige Behandlungen ausgesetzt zu sein. Für fundierte Entscheidungen lohnt sich deshalb oft das Einholen einer Zweitmeinung vor einer Operation.

5. Wir werden aufgrund der Therapie gesund – aber nicht wegen deren Wirkfaktoren.

Jede Therapie hat neben den beabsichtigten Effekten auch unspezifische Wirkungen, die oft schwer fassbar, aber  darum nicht weniger bedeutend sind. Diese vielschichtigen Einflüsse werden häufig unter dem Begriff Placebo-Effekt zusammengefasst. Dazu gehört die Erwartungshaltung des kranken Menschen, die Hoffnungen, die er mit einer spezifischen Behandlung verbindet.

Eine grosse Rolle spielt die Beziehung zwischen der behandelnden und der kranken Person. Steigern lässt sich die Placebo-Wirkung erwiesenermassen durch ehrliche Anteilnahme sowie vertrauensbildende Signale und Rituale, aber auch durch eine gewisse Zelebrierung der diagnostischen oder therapeutischen Massnahmen. Am besten wirkt eine Behandlung, wenn nicht nur die Patientin, sondern auch die Therapeutin von der Wirksamkeit überzeugt ist. Der Placebo-Effekt hat aber besonders bei schweren Krankheiten seine klaren Grenzen.

6. Wir waren gar nicht krank.

Ein grosses Problem stellt in diesem Zusammenhang die zunehmende Medikalisierung dar. Darunter versteht man die Behandlung von eigentlich gesunden Menschen, die als krank und daher therapiebedürftig erklärt werden. Im medizinischen Bereich erfolgt die Medikalisierung in der Regel über die Aufstellung von Normen. Als krank und behandlungsbedürftig gilt dann, wer diesen Normen nicht entspricht. Wird irgendein Grenzwert gesenkt, brauchen plötzlich unzählige Menschen eine Therapie, obwohl sie sich möglicherweise völlig gesund fühlen.

Auf die Therapie fixiert

Aus den sechs Antworten des Asmus ­Finzen lassen sich viele Schlussfolgerungen ziehen. Wichtig wäre, dass wir alle diese sechs Möglichkeiten für eine Gesundung in Betracht ziehen und nicht vorschnell annehmen, dass es immer die Therapie ist, die uns heilt. Es ist bei vielen Menschen eine gewisse Therapiefixiertheit zu erkennen, die selber nicht mehr gesund ist. Womit ich aber keineswegs die Berechtigung angemessener Therapien infrage stellen möchte – das wäre auch wieder ziemlich einseitig.

Der Autor
Martin Koradi ist diplomierter Drogist und seit 1983 Dozent für Phytotherapie mit eigener Schule. Er leitet Heilpflanzen-Exkursionen und engagiert sich durch Ausbildung von Pflegefachleuten für die Integration von Heilpflanzen-Anwendungen in Pflegeheimen, Spitex und Kliniken. Er absolviert seit 1999 ein philosophisches Privatstudium, um Naturheilkunde mit Erkenntnissen der Philosophie zu verbinden.

Fotos: fotolia.com

Tags (Stichworte): ErklärungenErkrankungGesundheitTherapie

Kommentare

  1. Von Stettler am Mittwoch, 03.03.2010 Martin Koradi tut gut. Endlich einer, der nicht einfach nur die Naturheilkunde lobt, sondern auch kritische Töne reinbringt. Eine meiner Freundinnen ist seit Jahren bei einem Naturheilpraktiker. Zusammen finden sie ständig neue Krankheiten, gegen die sie Mittel einnimmt, die er ihr verkauft. Am Schlimmsten daran ist, dass sie die Rezepte ihres Heilers allen auch noch andrehen will.
  2. Von rodek am Donnerstag, 04.03.2010 Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber dies liesst sich wie ein Comix. Alles scheint auf den ersten Blick überdreht und fast schon ein wenig lustig. Geht man dem ganzen mal aber nach, wirds doch ein wenig ernster und man fängt an, darüber nachzudenken. Wie ist dies eigentlich bei mir? Wie erging es mir bei meiner letzten Therapie? Hat diese überhaupt was geholfen? War sie denn nötig? Genau, dieser Artikel hat mich nachdenklich gemacht - es wäre schön, wenn er dies auch bei andern tun würde.

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