Wann ist Mann ein Mann?

Walter Hollstein | Ausgabe 08 - 2010

Männer werden immer noch als das «starke Geschlecht» wahrgenommen. Doch die traditionelle Männerrolle stimmt nicht mehr mit dem überein, was die Gesellschaft heute vom Mann als Partner und Vater erwartet.

Die Dinge scheinen klar: Männer besetzen noch immer die wichtigsten Positionen in Wirtschaft, Politik, Kirche und Kultur; Männer verdienen im gesellschaftlichen Durchschnitt nach wie vor mehr als Frauen. Also müssen sie das mächtige Geschlecht sein.

Männer werden öffentlich noch immer als das «starke Geschlecht» wahrgenommen. Gerät Männlichkeit in die Diskussion, so entzündet sich die Kritik – in traditioneller feministischer Optik – an männlicher Macht und männlichen Privilegien. Dabei steht dann immer das ganze männliche Geschlecht zur Disposition.

In Wirklichkeit sind Machtpositionen und Vorzüge auf einen sehr kleinen Kreis von Männern beschränkt, die ihre privilegierte Stellung nicht nur auf Kosten von Frauen ausleben, sondern auch zum Schaden der grossen Population ihrer eigenen Geschlechtsgenossen. Brady Dougan, Daniel Vasella und Co. sind Einzelfälle. Der Schweizer Durchschnittsmann ist lohnabhängig, Befehlsempfänger und alles andere als privilegiert. Ebenfalls fällt in dieser öffentlichen Diskussion aus dem Blickwinkel, dass der gesellschaftliche «Bodensatz» von Obdachlosen, chronisch Kranken, Randständigen, Wanderarbeitern usw. fast ausschliesslich männlich ist.

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Die Zukunft ist weiblich

Männer sind aufgrund ihrer Rollenerwartung gezwungen, grössere Risiken einzugehen als Frauen. Von ihnen wird erwartet, stark, mutig, heldenhaft und aufopferungsvoll zu sein. Wenn ein Schiff untergeht, heisst es: Frauen und Kinder zuerst. Wenn ein Krieg ausbricht, müssen die Männer an die Front. Auch ihre Berufe setzen sie im Regelfall grösseren körperlichen Gefahren aus. Männer sind Stahlkocher, Gleisbauer, Camionfahrer, Fassadenreiniger oder Holzfäller. Männer arbeiten in der Schwerindustrie, im Hoch- und Tiefbau, im Steinbruch, auf Bohrinseln, in der Konstruktion von Tunnels und Brücken, im Schwertransportwesen, bei der Entsorgung von Gefahrengütern oder in Sicherheitsdiensten. Von mehr als 95 Prozent aller schweren Arbeitsunfälle sind Männer betroffen. Männer verunfallen in allen Lebensbereichen mehr als Frauen; das gilt sogar für Heim und Haus.

Ein kardinales Problem der Männer ist die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Männlichkeit wird nach wie vor über Arbeitsfähigkeit und Arbeitsleistung definiert. Buben wachsen auch heute noch im Bewusstsein auf, später einmal die Ernährer ihrer Familien zu sein. Auch hier fehlt die Vermittlungspraxis staatlicher Stellen und pädagogischer Institutionen, die Jungen auf eine veränderte Faktenlage überhaupt erst einmal aufmerksam macht. Mahnende Appelle, die auf die grundsätzliche Vernachlässigung der Knaben im Bildungssystem hinweisen, sind bisher verhallt. Auch die hohen gesellschaftlichen Kosten, die nicht integrierte Jungen in Form von Sozialmassnahmen, Resozialisierung, Therapie oder Arbeitslosenunterstützung generieren, haben bisher die politischen Instanzen nicht zum Handeln bewegt.

Hilfe und Orientierung wären auch insofern angebracht, weil der traditionelle männliche Arbeitsmarkt (Schwerindustrie) in den vergangenen vier Jahrzehnten fast gänzlich zusammengebrochen ist. Hunderttausende von Männern in der Schweiz sind in den letzten Jahren in den mühsamen Kreislauf von Arbeitplatzverlust, Umschulung, neuer Arbeitssuche und neuem Arbeitsplatz geraten und Millionen müssen sich dieser Erfahrung in ihrem Leben gleich mehrmals aussetzen.

Die grundsätzliche Entwicklung der Wirtschaft tendiert seit geraumer Zeit in Richtung des «weiblichen» Dienstleistungsgewerbes. Dementsprechend steigt die weibliche Erwerbstätigkeit an, während die männliche ebenso kontinuierlich abnimmt. Seit einigen Jahren ist die männliche Arbeitslosenquote höher als die weibliche. Grundsätzlich sind junge Männer bis 24 häufiger arbeitslos als junge Frauen. Das alimentiert nicht gerade die Zukunftsperspektive der nachwachsenden männlichen Generation. Christian Lutz, ex-Direktor des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, notiert schlicht: «Die Zukunft der Arbeit ist weiblich.» Vor allem jüngere Frauen weisen inzwischen die bessere Schulbildung auf.

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Mann hilft sich selbst

Auch die soziale Diagnose für Männer entwickelt sich in den letzten Jahren immer desaströser. Folgt man den spezifischen Beratungsstellen, so scheitern Männer zunehmend in Beziehungen. Zirka 80 Prozent der Trennungen und Scheidungen gehen heute von den Frauen aus. Viele Männer sind aber aufgrund ihrer Verunsicherung schon gar nicht mehr in der Lage, überhaupt einen Kontakt zu Frauen herzustellen. Sie leben als Folge gewissermassen geschlechtsneutral. Die Zahl asexueller Männer steigt gewaltig an.

Männer verfügen auch nur eingeschränkt über soziale Netze, die fast ausschliesslich über ihr Berufsleben funktionieren. Bei Arbeitslosigkeit oder beim Eintritt ins Rentenalter brechen diese Kontakte mehrheitlich zusammen. Nur ein verschwindend kleiner Teil hat wirkliche Freunde. Von daher wird es für Männer immer schwieriger, Versagungen im Beruf privat und in der Freizeit auszugleichen.

Die gesellschaftlichen Erwartungen an Männer zwingen diese in eine schizophrene Situation und sind inzwischen sogar in sich selber schizophren. So stimmt die traditionelle Männerrolle von Härte, Durchsetzungswille, Kampf, Ellbogenfreiheit oder Einzelkämpfertum nicht mehr mit dem überein, was die Gesellschaft vom Mann als Partner und Vater erwartet. In der Familie werden Flexibilität, Liebe, Verantwortung und Kooperation verlangt. Ein anderes Beispiel für die gegenwärtige Schizophrenie von Männlichkeit ist die Verpflichtung, sich für die Familie und deren Zukunft gesund zu halten, aber gleichzeitig beruflich in Strukturen eingespannt zu sein, die krankmachend sind. Dazu gehören eine überhöhte Arbeitsbelastung, Stress, Konkurrenzdruck, Angst um den Arbeitsplatz, Überforderung oder Isolation.

Männer sind Terroristen

Armut, Krankheit, Süchte, Gewalttätigkeit, Vandalismus, zum Beispiel in den Fussballstadien, sozialer Abstieg und gesellschaftliche Perspektivlosigkeit nehmen bei Buben und Männern dramatisch zu. Beschränken wir uns auch hier auf ein exemplarisches Beispiel: 95 Prozent der Insassen in den Schweizer Haftanstalten sind männlich. Delikt-, Unfall- und Kriminalstatistiken ergeben dementsprechend eine eindeutig männliche Dominanz. Zum Beispiel sind alle Raser männlich und fast alle Verursacher von schweren Verkehrsunfällen. Augenscheinlich werden diese geschlechtsspezifischen Tatbestände bisher praktisch nicht zur Kenntnis genommen.

Zum Zeitgeist gehört inzwischen, Männlichkeit nur noch mit den negativen Assoziationen von Gewalt, Krieg, Naturzerstörung, sexueller Belästigung und Missbrauch zu verbinden.

Auch einstmals positive Qualitäten von Mannsein werden mittlerweile gesellschaftlich umgedeutet. Mut wird als Aggressivität denunziert, aus Leistungsmotivation wird Karrierismus, aus Durchsetzungsvermögen männliche Herrschsucht, und das, was einst als männliche Autonomie durchaus hochgelobt war, wird nun als Unfähigkeit zur Nähe interpretiert.

Angesichts des profeministischen Mainstreams in Politik, Wissenschaft und Medien werden solche Auswirkungen in der Schweiz auch nicht zur Diskussion gestellt. Unbedacht bleiben so zum Beispiel die verheerenden Folgen für die männliche Identitätsbildung von Buben und jungen Männern.

Foto: ffr


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