Wandern vertikal
Wer beim Wandern etwas Nervenkitzel mag, dem bieten sich in den Schweizer Bergen verschiedene Klettersteige an. Eine leichte Einsteigertour führt auf den Niderbauen.
Was beim Kauf eines Grundstücks besonders wichtig ist, die Lage, gilt meist auch für Berggipfel. Der Niderbauen mag mit seinen 1923 Metern über Meer zwar nicht ganz so hoch sein wie der Oberbauen (2117 m ü. M.), der sich weiter südlich über dem Grosstal erhebt, dafür kann er die bessere Lage für sich reklamieren. Direkt über dem markanten Knie des Vierwaldstättersees ragt er wie ein Schiffsbug anderthalb Kilometer hoch in den Himmel. Das bedeutet Aussicht, garniert mit einmalig schönen Tiefblicken auf das berühmteste Innerschweizer Gewässer und seine Ufer.
Doch vom Niderbauen kann man nicht nur hinaus- und hinabschauen, sondern auch zurück, ein paar Jahrhunderte weit. So liefert der Gipfel Anlass zu einer kleinen Geschichtslektion. «Da drüben», doziert Papa vor seiner Familie und weist auf den felsigen Uferstreifen südlich von Sisikon, «ist der Tell aus dem Boot gesprungen, nachdem ihn der Gessler verhaften liess, wegen der Sache mit dem zweiten Pfeil.»
Leichter Durchstieg
In Altdorf wird die Sage vom Schweizer Widerstandskämpfer alle drei Jahre mit Laienschauspielern aufgeführt, und der böse Gessler findet stets sein verdientes Ende. Dem Weimarer Friedrich Schiller, der das Epos in Verse setzte, hat die Eidgenossenschaft unten am See ein Denkmal gesetzt, den Schillerstein, ganz in der Nähe des Platzes, auf dem am 1. August 1291 der «Bund der freyen Bauern» begründet wurde. Ob es sich bei Geburtsort und -datum um historische Fakten oder um einen vaterländischen Mythos handelt, ist bei Historikern umstritten. Der Mythen (1899 m ü. M.), der sich unmittelbar über dem Städtchen mit dem Kreuz im Wappen erhebt, müsste es eigentlich wissen, schaut er doch seit ein paar Jahrmillionen direkt hinüber auf die Rütliwiese.
Wir sehen nach oben, von Seelisberg hinauf in die schroffen Abstürze des Niderbauen-Chulm. Seine senkrechte Nase würde sich bestens für einen Spitzenklettersteig eignen, viel Luft unter den Schuhsohlen garantiert. Da nimmt sich das bestehende gesicherte Steiglein recht bescheiden aus, es sucht und findet einen vergleichsweise leichten, aber sehr originellen Durchstieg zur Gipfelalp. Überhaupt bietet der Aufstieg, der so schöne Terrassenplätze wie die Weid tangiert, viel Abwechslung. Oberhalb der Alp Lauweli leiten die weiss-blauen Markierungen in eine felsumschlossene, schmale Rinne, wo der «Clou» der Route wartet. Dem Steilgelände entronnen, spaziert man zuletzt über den Wiesenrücken zum Gipfel. Der verzeichnet an Schönwettertagen jeweils regen Besuch, was mit der Seilbahn zusammenhängt, die von Emmetten bis zum Rand des ausgedehnten Alpreviers von Niderbauen führt, auf einem markierten Wanderweg keine anderthalb Stunden vom Gipfel.
In der Steilwand
• Gebiet: Zentralschweizer Voralpen, Vierwaldstättersee
• Gipfel: Niderbauen-Chulm (1923 m ü. M.)
• Routencharakter: Weiss-blau markierter Steig durch die Ostschlucht des Niderbauen; insgesamt recht lange Tour, die sich aber bei Benützung der beiden Seilbahnen erheblich verkürzen lässt.
• Schwierigkeit: K 1. Leichte, auf einem kurzen Abschnitt gesicherte Gipfeltour; die felsumschlossene Steilrinne sollte allerdings schneefrei sein.
• Gehzeit: Aufstieg 4 Stunden, Abstieg bis zur Gondelbahn Niderbauen 1 Stunde, bis Emmetten 3 Stunden; gesamt 5 bzw. 7 Stunden.
• Höhendifferenz: Aufstieg 1100 m, Abstieg 1160 m
• Aufstieg: Er beginnt flach und auf Asphalt, führt von Seelisberg-Oberdorf (839 m ü. M.) südlich zur Talstation der kleinen Weid-Seilbahn. Dann erst geht es bergan, immer wieder mit freier Sicht auf den Urnersee und seine schroffe Bergkulisse, über Wipflis Wichel zum Hof Weid (1288 m ü. M.) in prächtiger Terrassenlage. Dahinter weiter bergan und links haltend über den licht bewaldeten Hang zur Alp Lauweli (1524 m ü. M.). Den weiss-blauen Markierungen folgend aufwärts gegen die Felsen und links in die von Felsmauern umrahmte Rinne. Steil bergan, dann mit Drahtseilsicherung in einen steilen Schacht, den man auf einer langen Leiter durchsteigt. Er mündet auf einen schroffigen Hang; das Weglein leitet im Zickzack zum Ausstieg auf den Wiesenrücken des Niderbauen. Rechts zum Chulm mit einmaligen Tiefblicken. Es ist nicht empfehlenswert, die Tour in umgekehrter Richtung zu machen.
• Abstieg: Auf dem Aufstiegsweg hinunter bis zum Ausstieg der Steilrinne, dann rechts haltend auf weiss-rot markiertem Weg hinab ins weite Alpgelände von Niderbauen. Nun entweder auf breitem Fahrweg zur Gondelbahn oder über Hohberg (1359 m ü. M.) bergab ins Choltal und auf der Strasse hinaus nach Emmetten (774 m ü. M.).
• Alternative: Auch auf dem Normalweg zum Chaiserstock (2515 m ü. M.), dem «Innerschweizer Matterhorn», gibt es ein paar Sicherungen. Markierter Aufstieg von Riemenstalden über die Lidernenhütte (1727 m ü. M.) auf den prächtigen Gipfel (4 Stunden, einige leichte ungesicherte Kletterstellen). Bei Bedarf Seilbahn bis 10 Gehminuten vor der Hütte; Informationen unter www.lidernenhuette.ch.
• Tipp: Mit etwas Glück kann man unterhalb der Anstiegsschlucht Steinböcke beobachten.
• Einkehr: Einkehrmöglichkeit bei der Bergstation der Niderbauen-Gondelbahn (1570 m ü. M.).
• Karte: Landeskarte 1:25 000, 1171 Beckenried; Landeskarte 1:50 000, 245 T Stans
• Information: Seelisberg Tourismus, Bahnhof, 6377 Seelisberg, Telefon 041 820 15 63, info@seelisberg.com, www.seelisberg.com
Bilder: Andres Jordi, René Berner
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