Von Torkel zu Torkel
Die Bündner Herrschaft ist das grösste zusammenhängende Weingebiet in der deutschen Schweiz. Eine gemütliche Wanderung von Fläsch nach Malans bietet malerische Ausblicke – und manch feinen Tropfen.
Warum gerade hier wandern? «Die kleine Gegend der grossen Weine» ist schweizweit berühmt und stolz auf so klingende Namen wie Gantenbein, Grünenfelder, Fromm, Hermann, Donatsch oder Boner. Das Klima im Schutz des Falknismassivs gefällt Wein und Wanderern gleichermassen: kaum Nebel, dafür warmer Föhn, der als «Traubenkocher» gilt und den Zuckergehalt der Trauben nachhaltig hinauftreibt. Die Bündner Herrschaft bietet viel Herrschaftliches: stattliche Patrizierhäuser, stolze Schlösser, alte Torkel (Weinkeller). Maienfeld und seine Umgebung gelten als die Heimat von Heidi, weil Johanna Spyri dessen Geschichte hier geschrieben hat.
Von Fläsch bis Maienfeld
Schön ist es, mit dem Postauto in Fläsch anzukommen. Der gelbe Wagen kurvt gekonnt durch die engen Gassen und beschert den Besuchern auf bequeme Art einen ersten Eindruck vom Dorf. Bei der Post steigen wir aus und beginnen die Wanderung, die zuerst durchs Dorf führt. Wir kommen am imposanten Gasthaus Adler und dem Lebensmittelladen der «Landi» vorbei, studieren mit Interesse den Pfahl mit den vielen roten Wegweisern zu den Winzern von Fläsch. Darunter sind Namen von Weltrang wie etwa Daniel und Martha Gantenbein, die mit kompromissloser Qualität entscheidend mitgeholfen haben, Fläsch vom unbekannten Weindorf zu einer Perle der Bündner Herrschaft zu machen.
Wegweiser für Wanderer allerdings sucht man in diesem Dorf vergeblich. Also gehen wir die Dorfstrasse weiter hinauf, in Richtung Kirche. Ihr Turm weist uns nicht nur den Weg, sondern er ist auch Heimat für bis zu 1100 Seelen – einer Fledermauskolonie, den Mausohren, die sich in der Fläscher Kirche offenbar ausserordentlich wohlfühlen.
Hier bei der Kirche biegen wir nach links ab und gehen zwischen Bach und Waldrand hoch, bis ein Strässchen nach rechts zum Rebberg abzweigt. Wir wählen den Feldweg, der oberhalb des Rebbergs entlangführt, und schreiten mit Blick auf die Reben und das imposante Pizolmassiv auf der Naturstrasse voran. Unter uns liegt Bad Ragaz mit der Taminaschlucht, neben uns eine währschafte Alp mit Kühen hinter Steinmäuerchen und mit Lärchen, Nussbäumen, Holunder und Robinien am Waldrand. Und vor uns ein Meer von Reben: Die Bündner Herrschaft wurde vom Dichter Rainer Maria Rilke nicht zu Unrecht «der Garten Bündens» genannt.
Wir halten uns an den Wein und bleiben geradeaus am Rebberg, bis der gekieste Weg nach einer Kurve auf eine asphaltierte Strasse trifft. Wir folgen dem rot beschilderten Radweg, halten dann an einer Waldecke nach links und finden wiederum einen schönen Feldweg durch die Reben. Bewundernd bleiben wir vor einem über und über mit Blumen geschmückten Häuschen stehen: Mit viel Liebe hat da jemand Sinnsprüche gesammelt, sie auf Holzbretter geschrieben oder gebrannt und diese ringsherum aufgehängt, aufgestellt, an die Wände genagelt.
Man liest und schmunzelt. Und denkt des Öfteren: «Den Spruch muss ich mir merken.» Etwa: «Nimmt der Wein den Kopf dir ein, sind auch die Füsse nicht mehr dein.» Unsere Füsse gehorchen uns noch, vom Anblick weiter Rebhänge ist noch niemand betrunken geworden. Wir wandern also weiter, in Richtung Maienfeld, bis wir oberhalb des Schlosses Salenegg schliesslich wieder auf Asphalt einbiegen müssen.
Köstliche Degustationshalte
Von Weitem ist es uns schon aufgefallen, das Schloss mit dem hohen Turm: Schloss Salenegg ist eines der schönsten und vornehmsten Herrenhäuser im Bündnerland. Gegründet wurde es 950 vom Kloster Pfäfers, seit dem 17. Jahrhundert gehört es der Familie von Gugelberg, die es auch heute noch bewohnt und bewirtschaftet. Das Schloss ist Privatbesitz und kann nicht besichtigt werden, aber der Weinkeller ist tagsüber für Degustation und Verkauf geöffnet. Kellermeister Bernhard Wyler macht hier einen fruchtigen, kräftigen Maienfelder Blauburgunder, von dem er neuerdings auch einen Teil ins Barrique-Fässchen legt.
Am Eingang zum Städtchen Maienfeld lohnt sich ein weiterer Degustationshalt, und zwar bei der Familie Kunz-Keller und ihren preisgekrönten Weinen und Destillaten. Sie gewinnen regelmässig Auszeichnungen für ihre Frucht-, Trester- und Beerenbrände. Und die Gemüse- und Kräuterbrände aus Rüebli, Randen, Bergheu, Bärlauch oder Häpiara (Kartoffeln) sowie der Röteli-Likör sind etwas vom Speziellsten, was man diesbezüglich in der Schweiz bekommen kann.
Wir schlendern nun beschwingt durch Maienfeld. Gegenüber der Post halten wir leicht links, marschieren am mächtigen Brunnen vorbei in Richtung katholische Kapelle durch die Pardellgasse und zur Falknisstrasse. Weiter geht es immer geradeaus auf Naturstrassen, einer langen Mauer entlang.
Auf einem Steg überqueren wir ein trockenes Bachbett und wählen beim grossen Nussbaum den leicht nach links weisenden Weg dem Rebberg entlang. Er ist nach alter Tradition von Rosenstöcken gesäumt, wir selbst sind eingerahmt von Reben und von den Bergen ringsherum, die hier einen weiten, schützenden Kessel bilden. Tafeln mahnen ans Traubenpflückverbot – wir sind inzwischen auf Jeninser Boden, die Trauben sind auch hier kostbar und geben teure Weine.
Beim Weingut Eichholz, wo Irene Grünenfelder einen der besten Pinots noirs der Schweiz macht, empfängt uns wieder ein asphaltierter Weg. Wir folgen ihm, um etwa auf der Höhe der Kirche von Jenins, die wir über den Reben sehen, nach links abzubiegen und auf einem ansteigenden Kiesweg durch den Rebberg hinauf dem Dorf zuzustreben. Oben auf der Autostrasse angekommen, gönnen wir uns eine Pause. Denn es wäre schlichtweg unverzeihlich, die Weinstube zum Alten Torkel zu verpassen. Sie ist urgemütlich, liegt mitten in den Reben und bietet
neben kalten Platten und warmen Bündner Spezialitäten die grösste Auswahl der besten Herrschäftler Weine, darunter auch Raritäten.
Von Söldnern und Reben
Irgendwann machen wir uns wieder auf den Weg und wandern weiter, dem nächsten Dorf entgegen. Der Weg führt uns durch Jenins, vorbei am Gasthof zur Bündte und an einem grossen Standbild des Duc de Rohan (1579–1638), von dem man sagt, er habe mit seinen Söldnern die Burgunderrebe in die Bündner Herrschaft gebracht. Auf dem Hauptplatz folgen wir dem Wegweiser nach Malans, kommen an der «Traube» und dem «Truuba-Torkel» vorbei, lassen uns vom anmächeligen Angebot des Hofladens zum Kauf verleiten und überqueren
dann das Bachbett des Selfibachs. Das Wanderschild weist den Weg nach Malans (1⁄2 Stunde) und nach Landquart (1 Stunde). Wir bummeln gemütlich, aber teilweise auf Asphalt, vorbei an alten Reben und neuen Obstplantagen, geniessen den Blick ins weite Tal und auf das Schloss von Malans.
Die zuerst noch vereinzelten Häuschen und Villen verdichten sich, dann erreichen wir das Dorf mit seinen stattlichen Patrizierhäusern. Und verkürzen uns die Wartezeit auf den nächsten Zug im Gasthaus zum Ochsen bei einem Glas aus dem berühmten Keller der Familie Donatsch, die hier mit grossem Können wirtet und keltert.
Zwischen Reben und Schlössern von Fläsch nach Malans
Wanderzeiten und Varianten: Die Wanderung von Fläsch nach Malans ist rund elf Kilometer lang und dauert knapp drei Stunden. Sie ist für Velofahrer und dank der vielen schönen Schlösser und Wege auch für Familien geeignet. Wer die Sennhütte von Heidi und Alpöhi besuchen will, baut ab Maienfeld den Kleinen oder den Grossen Heidiweg ein.
Informationen:
• Älplibahn, Malans, Telefon 081 322 47 64, www.aelplibahn.chhttp://www.buendnerherrschaft.ch
• Schloss Salenegg, www.schloss-salenegg.ch
• Freizeit Graubünden, Telefon 081 300 06 90, www.buendnerweine.ch
Bilder: www.malanserweine.ch, Elsbeth Hobmeier
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