Vom Licht geleitet
Ein mystischer Hirsch soll einst Hildegard und Berta vom Uetliberg nach Zürich
geführt haben, dorthin, wo sie das Fraumünster errichten liessen. Eine Wanderung auf
den Spuren der beiden Königstöchter.
Die Königstöchter Hildegard und Berta pilgerten einst – so will es die Legende –, geführt von einem Hirsch mit leuchtendem Geweih, von der ehemaligen Burg Baldern oberhalb von Adliswil an jene Stelle beim Zurichsee, wo später auf ihren Wunsch das Fraumünster errichtet wurde. Diesen Weg zu erwandern, ihn im Geist nachzuvollziehen, ist das Ziel dieser Wanderung. Von der Bergstation der Seilbahn auf der Felsenegg gehen wir in Richtung Üetliberg Kulm und gelangen bald zu einem kleinen Plateau, auf dem früher die Burg Baldern stand. Abgeschieden vom Weltenlärm lebten hier einst die beiden Königstöchter
Hildegard und Berta. Eines Sonnabends überfiel sie ein grosses Verlangen, sich im Wald zu verlustieren. Als die Nacht hereinbrach, bemerkten sie einen wunderbaren Glanz zwischen den Bäumen. Ein weisser Hirsch erschien, auf dessen Geweih zwei Kerzen brannten. Langsam gingen die Schwestern auf ihn zu. Plötzlich war er jedoch verschwunden – und sie fanden sich unversehens daheim vor dem Burgtor wieder.

Vom Hirsch geleitet
Das sonderbare Tier begegnete den Königstöchtern auch am nächsten Tag und es war ihnen, als wollte der Hirsch, dass sie ihm folgten. In aller Frühe traten sie am kommenden Morgen mutig in den noch dunklen Wald hinaus, aus dem ihnen der weisse Hirsch auch schon entgegenkam und sie folgten ihm den Grat entlang durch den Wald, durch die erwachenden Auen bis mitten hinein in die Stadt Zürich. Wo die Limmat in den See mündet, blieb der Hirsch stehen. Es war die Stelle, an der die heilige Regula und ihr Bruder, der heilige Felix, begraben lagen. Die beiden Königstöchter verrichteten dort ihr Gebet und kehrten danach auf die Burg zurück. Noch zweimal führte der Hirsch sie an die gleiche Stelle. Da verspürten sie das Bedürfnis, an diesem Ort fürderhin leben zu wollen. Auf ihren Wunsch hin errichtete 853 ihr Vater, König Ludwig, das Kloster Fraumünster, dem Hildegard umsichtig als erste Äbtissin vorstand. Nach ihrem Ableben übernahm Berta das Amt und leitete die Geschicke des Klosters.
Auch wir folgen dem Weg der Königstöchter den Albisgrat entlang. Bald öffnet sich eine liebliche Aussicht über die Hügel bis hin zu den Bergen bei Zug und Luzern. Eine wunderschöne Linde auf einem Hügel zieht den Blick auf sich und lädt uns ein, unter ihren Zweigen ein wenig zu verweilen. Je näher wir dem Üetliberg Kulm kommen, desto belebter wird der Weg. Kein Wunder, dass die Zürcher gern auf diesen Berg wandern, um Kraft zu tanken. Schon in der Jungsteinzeit lebten hier Menschen in kleinen Gehöften. Kurz nach Mitte des 6. Jahrhunderts vor Christus entstand hier ein frühkeltischer Fürstensitz mit einerdurch einen grossen Graben gesicherten Burg auf dem Uto Kulm. Dieser Fürstensitz konnte sich bis in die Zeit um 400 vor Christus halten. Wir folgen dem Wegweiser bei der Endstation der Üetlibergbahn Richtung Ringlikon, überqueren nach wenigen Minuten das Bahntrassee, halten uns rechts bergwärts und biegen bald darauf links ab (Wegweiser Grabhügel). Auf der Anhöhe betreten wir einen kraftvollen Ort in markanter Lage. Am äussersten Rand eines natürlichen Felssporns, ein wenig hinter der Informationstafel versteckt, befindet sich ein Grabhügel.
Grab einer Fürstin?
In diesem als Fürstengrab bezeichneten Hügel wurde aber kein Mann, sondern eine Frau bestattet. Ob sie als Fürstin hier regierte oder – wie auf der Informationstafel vermutet wird – die Frau des regierenden Fürsten war oder ob sie hier als Priesterin lebte, wissen wir nicht. Die Lage des Grabhügels, sein Aufbau, die in ihm gefundenen und vermuteten Grabbeigaben bezeugen jedoch eindeutig, dass sie zu ihrem Volk eingenommen haben muss. Obwohl der Blick vom Grabhügel aus heute von Bäumen versperrt ist, kann man sich mit etwas Fantasie den erhabenen Weitblick vorstellen, der von diesem Ort aus zu geniessen war. Warum wurde das Grab genau hier errichtet? Felssporne und Plateaus über Steilabfällen sind von alters her beliebte Kultplätze. Von Historikern wird gern die strategische Bedeutung keltischer Fürstensitze betont. Vom Üetliberg aus wurde der Raum zwischen Limmat und Reuss beherrscht und die Zugänge zu den Mittelalpenpässen kontrolliert.
Pforte zur Anderswelt
Die hinter dem Grabhügel gelegene Lichtung erweist sich als einladender Ort für eine Rast. Von den Kelten wissen wir, dass sie die Sonnenwenden, die Tagundnachtgleichen und vier dazwischen liegende Feste gefeiert haben. Meistens taten sie dies dort, wo sie auch ihre Ahnen begraben hatten, damit sie sich so für die Dauer des Festes mit ihnen verbinden konnten. Befinden wir uns hier auf einer Wiese für rituelle Feste? Eine sichere Antwort darauf wird nicht zu finden sein, aber das in der Nähe liegende Ahninnengrab legt diesen Gedanken nahe. Auch die Tiere des Waldes mögen Lichtungen. Hirsche und Hirschkühe lieben es, im Mondschein zum Äsen aus dem Wald herauszutreten.
Wir wandern von der Lichtung aus zurück, gehen am Grabhügel vorbei, queren das Bahntrassee, folgen kurz danach links der Hohensteinstrasse und betreten ab hier das Quellgebiet des Üetlibergs. Die Quellen zu hüten und sie rein zu halten ist für Menschen, die auf einem Berg leben, überlebenswichtig. Wer immer über die Jahrtausende auf dem Üetliberg lebte, war auf das Quellwasser angewiesen, das auf dem Berg zutage tritt. Wenn das Wasser versiegte, war hier bald kein Überleben mehr möglich. In allen Kulturen und zu allen Zeiten haben Menschen um die lebenswichtige Bedeutung des Wassers gewusst und den Ort, wo es hervortrat, als heilig verehrt.
Das Quellgebiet des Üetlibergs ist ein wunderbarer Ort, der zum heiligen Bereich in der Nähe des Grabhügels gehörte.
Schon die scheinbare Kreuzung der drei Sickerquellen verweist auf einen besonderen Ort. Dahinter liegt ein ganz zauberhaftes Plätzchen: eine Teichquelle, die inmitten von Eschen, Buchen und Tannen aus dem Boden tritt. Am Rand wachsen Lilien und seltene Wasserpflanzen, verschiedenste Moose beleben abgestorbene Baumstämme. Wenn das Sonnenlicht auf die Wasseroberfläche trifft, verstehen wir mit einem Mal, warum die Kelten dachten, jede Quelle sei eine Pforte in die Anderswelt. Wie über der Wasserfläche, so spiegelt sich auch unter ihr eine ganze Welt. Wir achten sorgfältig darauf, das sensible Feuchtgebiet nicht zu betreten und halten uns an jene Stellen, die wir trockenen Fusses erreichen können.
Zum Glück nimmt der Weg über die Hohensteinstrasse den Berg hinunter eine gute halbe Stunde in Anspruch. Wären wir schneller am Stadtrand, wäre der Kontrast zwischen dem beschaulichen Nymphenbadeweiher und dem regen Stadtleben wohlallzu gross. Wir ersparen uns, das dicht bebaute Siedlungsgebiet zu durchwandern, und nehmen stattdessen von der Haltestelle Triemli die Üetlibergbahn bis zum Hauptbahnhof. Von dort gehen wir der Limmat entlang in Richtung See bis zum Fraumünster.
Äbtissinnen und Regentinnen
Durch das schmiedeeiserne Gittertor zwischen Fraumünster und Stadthaus betreten wir den Fraumünsterhof. Im Kreuzgang hat der Maler Paul Bodmer in den 20er-Jahren einen Freskenzyklus gestaltet. Rechter Hand sehen wir die Geschichte der Berufung der Königstöchter. Links davon und einige Stufen tiefer ihr gottgefälliges Leben auf Baldern. In der Bildersprache Bodmers sind es lichtdurchflutete Engel, die den heiligen Frauen bei ihrer Einkehr zur Seite stehen. Gegenüber finden wir die beiden Heiligen im Wald, wie sie einander Mut zusprechen, dem Hirsch zu folgen, und ihn dann als ihren strahlenden Führer anerkennen.
Nach unserer langen Wanderung geniessen wir die Stimmung des Kreuzganges. Sanft plätschert das Wasser im Brunnen. Dies ist ein wohltuender Ort, an dem wir Kraft tanken können, bevor wir uns – wie Hildegard und Berta – wieder dem tätigen Leben in der Stadt widmen. Statt auf Baldern nach den fernen Schneebergen Ausschau zu halten, leiteten sie mit kraftvollem Herzen und glücklicher Hand das Kloster und fungierten gleichzeitig als Regentinnen der Stadt Zürich.
Das Buch zur Wanderung: «Magisches Zürich» ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.
Auf den Spuren von Hildegard und Berta
Anreise
Mit einer Albis-Tageskarte der Sihltal-Zürich-Üetliberg-Bahn (SZU) bis Station Adliswil, von dort mit der Seilbahn auf die Felsenegg.
Wegbeschreibung
• Felsenegg (800 m über Meer) – ehemalige Burg Baldern (810 m über Meer): 10 Minuten
• Ehemalige Burg Baldern – Üetliberg Kulm (870 m über Meer): 11/2 Stunden
• Üetliberg Kulm – Grabhügel und Lichtung (796 m über Meer): 1/4 Stunde
• Grabhügel (796 m über Meer) – Quellgebiet (765 m über Meer): 1/4 Stunde
• Quellgebiet – Triemli, Station Üetlibergbahn (480 m über Meer): 3/4 Stunde
• Üetlibergbahn ab Station Triemli bis Hauptbahnhof: 1/4 Stunde
• Hauptbahnhof – Fraumünster: 1/4 Stunde (Totale Wanderzeit zirka 31/2 Stunden)
Foto: © Stefan Memminger
Kommentare
ich mache Euch einen Vorschlag: Ihr beantwortet mir eine Frage, die sich aus dem Text des Wanderartikels formulieren lässt. Wenn Ihr diese beantworten könnt, spende ich Euch einen Kuchen zum Kaffee, wenn nicht, gewinne ich einen der Preise aus dem Wettbewerb. Einverstanden?
Meine Frage lautet: Wo genau mündet die Limmat in den Zürichsee?
Ich bin gespannt auf Eure Antwort und freue mich auf den Uto-Kulm.
En liebe Gruess und viel Gfröits - René
Ihre Frage ist mehr als nur berechtigt. Im Beitrag "Vom Licht geleitet" in "natürlich leben" 12-09 wird die Wanderung vom Üetliberg zum Fraumünster in der Stadt Zürich beschrieben. Im Artikel ist zu lesen, dass dort die Limmat "in den See mündet". Das ist natürlich falsch. In den Zürichsee mündet bei Schmerikon die Linth. Dort, wo das Fraumünster steht, verlässt sie unter dem neuen Namen Limmat wieder den See.
Als aufmerksamer Leser haben Sie den Kuchen verdient - nicht wir.
Markus Kellenberger, Chefredaktor