Vögeliwohl

Vera Sohmer | Ausgabe_09/17

Nur als Vogelfutter gut? Von wegen, Hanfsamen schmecken überraschend delikat. Nun werden sie als Superfood vermarktet.

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Wer ein neues Topping fürs Müesli, knackige Salate oder gedünstetes Gemüse sucht, sollte es mit Hanfsamen versuchen. Taubenzüchter füttern ihre Renntauben damit, sie sind fest davon überzeugt, dass sie deshalb schneller und vor allem ausdauernder fliegen. Tatsächlich sind Hanfsamen äusserst gesund, wahre Powerkügelchen auch für den Menschen. Wer sie regelmässig geniesst, fühlt sich bald «vögeliwohl».

Geschält beissen sich Hanfsamen angenehm weich; in einer fettfreien Pfanne geröstet, kommt ihr nussiges Aroma optimal zur Geltung. Ein gesunder Gaumenschmaus also. Und so werden Hanfsamen gerne als «Superfood» vermarktet. Sie haben eine aussergewöhnlich hohe Nährstoffdichte: Neben pflanzlichem Protein enthalten Hanfsamen Mineralstoffe wie Eisen, Kalzium und Zink sowie ungesättigte Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren und eine Reihe von Vitaminen; hinzu kommen Ballaststoffe, die für eine gute Verdauung unentbehrlich sind. Sie sind cholesterin- und glutenfrei, enthalten dafür alle acht essenziellen Aminosäuren. Kein Wunder also wird ihr gesundheitlicher Nutzen gepriesen, unter anderem auch wegen der günstigen Wirkung aufs Herz-Kreislauf-System und die Haut.

Riesiges Potenzial. «Etwas Besseres für den Organismus gibt es kaum», meint Hanf-Produzent Roger Bottlang aus Villmergen AG. Er zählt Hanfsamen zu den zehn hochwertigsten und wichtigsten Lebensmitteln, «die Mutter Erde zu bietenhat». Tatsächlich ernährten sich schon antike Völker in Asien oder Persien davon; auch in den Hochkulturen Nord- und Südamerikas wurde Hanf angebaut, ebenso in Indien.

Die ursprünglich aus Kasachstan stammende Pflanze spielte auch in Europa über die Jahrhunderte hinweg eine wichtige Rolle, wurde dann aber durch die Industrialisierung und andere Rohstoffe wie Baumwolle, Jute, Holz oder synthetische Fasern vom Markt verdrängt. Heute ist Hanf aber wieder gefragt, denn sein Potenzial ist riesig. Verwenden lässt sich von der Pflanze praktisch alles, vom Samen über die Blätter bis hin zum Stängel. Tausende von Produkten lassen sich daraus herstellen. Neben einer ganzen Palette von Lebensmitteln unter anderem Dämm- und Isolierstoffe. Die Autoindustrie beispielsweise nutzt Hanffasern für Innenverkleidungen.

Der vielfältig verwendbaren Nutzpflanze zur neuen Blüte verhelfen – dies haben sich auch Schweizer Produzenten zum Ziel gesetzt. Auf schätzungsweise 24 Hektaren wird hierzulande Hanf angebaut. Er ist noch ein Nischenprodukt, aber eines mit steigender Tendenz. Laut Betäubungsmittelgesetz ist Hanfanbau erlaubt, wenn die Pflanzen einen THC-Wert unter 1 Prozent aufweisen. Denn aus solchem Hanf lassen sich keine Rauschmittel herstellen.

Hanf: Was erlaubt ist – und was nicht
Hanf (Cannabis) ist verboten, wenn er einen THC-Gehalt von über 1 Prozent hat. Dann gilt er als Rauschmittel und ist dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt. Liegt der Wert unter 1 Prozent, sind Produktion und Verkauf von Cannabisprodukten erlaubt. Dazu gehören nach Angaben des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) neben Rohstoffen wie Hanfblüten oder Hanfpulver Extrakte in Form von Ölen oder Pasten, Nahrungsergänzungsmittel, Liquids für E-Zigaretten, Tabakersatzprodukte, Duftöle, Kaugummis oder Salben. Das BAG schränkt allerdings ein: Es kann nicht alles nach Belieben vertrieben und beworben werden. So braucht beispielsweise Hanfsamenöl, das mit dem Wirkstoff CBD angereichert ist, eine extra Zulassung.
In der Hanfpflanze
finden sich mehr als 60 Cannabinoide und über 400 andere Wirkstoffe. Die wichtigsten Cannabinoide sind das berauschende Tetrahydrocannabinol (THC), auch Dronabinol genannt , und Cannabidiol (CBD), das keine Rauschwirkung hat und die psychotrope Wirkung des THC vermindert.
CBD wird eine grosse Heilwirkung zugeschrieben. Er soll unter anderem entspannen, den Schlaf fördern, Entzündungen hemmen sowie gegen Psychosen helfen. Laborversuche haben gezeigt, dass CBD sogar bestimmte Krebszellen töten kann. Laut BAG ist die medizinische Wirkung derzeit aber noch ungenügend erforscht. Beim deutschen Hanfverband heisst es, neben umfangreichen Erfahrungsberichten gebe es kaum fundierte Studien, meist nur Zellversuche, Tierexperimente oder Einzelfallbeschreibungen. Weder in der Schweiz noch in einem anderen Land mit vergleichbarer Arnzeimittelkontrolle ist zurzeit ein Monopräparat mit reinem CBD zugelassen, schreibt das Schweizerische Heilmittelinstitut swissmedic in einem Merkblatt. In den USA hingegen wird zurzeit ein CBD-Medikament an Kindern getestet, die am Dravet-Syndrom leiden. Bei dieser angeborenen Epilepsieform leiden die Kinder unter besonders schweren Anfällen, gegen die andere Antiepileptika nicht helfen.

Der Aufklärungsbedarf ist gross. Roger Bottlangs Hanf hat einen geprüften THC-Gehalt von 0,6 Prozent. Neben den geschälten Samen hat er unter anderem Tees, Energieriegel und Körperlotionen im Sortiment. In einigen Bäckereien, Bioläden, Reformhäusern oder Sportstudios kann man seine Artikel kaufen. Noch aber gibt es Vorbehalte. «Wenn ich in Apotheken oder Drogerien für meine Produkte werbe, heisst es oft: Wir wollen doch keine Polizei im Haus», sagt Bottlang. Es herrsche Verwirrung darüber, was erlaubt sei und was nicht. «Es braucht noch viel Aufklärungsarbeit.»

Probieren geht bekanntlich über studieren: junge, rohe Hanfblätter sind eine vorzügliche Beigabe zu Smoothies. Oder kennen Sie kalt, also mit weniger als 40 Grad gepresstes Hanfsamenöl? Es ist absolut legal und unbedingt einen Versuch wert. Ist es von erstklassiger Qualität – je grüner desto wertvoller –, schmeckt es mindestens so vollmundig wie ein gutes Rapsöl und kratzt im Hals kein bisschen. Kenner löffeln es gerne pur. Erhitzen darf man es nicht. Mit seiner grasigherben Note macht sich Hanföl gut in Salatdressings oder Dips, ausserdem lassen sich gegartes Gemüse und Grilladen damit abschmecken. Hanföl wird häufig nicht nur kulinarisch eingesetzt, sondern auch bei Verdauungsproblemen, Neurodermitis oder Haarausfall. Durch die besondere Verteilung der Fette, Mineralstoffe und Spurenelemente soll es hilfreich für das Immunsystem und den Zellaufbau sein und schmerzlindernd wirken. 

Tipps
Internet
Foodblog Hanfküche www.hanfcooking.at
Buchtipps
• Barbara Simonsohn «Superfood Hanf: Eiweisswunder und Heilmittel», Schirner Verlag, 2015, Fr. 10.90
• Jack Herer, Mathias Bröckers «Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf», Nachtschatten Verlag, 2016, Fr. 39.–

Fotos: istockphoto.com

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