Verhext

Rita Torcasso | Ausgabe 06 - 2011

Irdisch und mystisch zugleich: Moderne Hexen pflegen christliche Rituale und orientieren sich an heidnischem Brauchtum.

Eine fliegende Hexe und zwei gekreuzte Reisigbesen, die nach Volksglaube vor Unglück schützen sollen, weisen den Weg. Willkommen im Hexenmuseum in Auenstein. «Ich bin eine geborene Hexe», sagt Wicca Meier-Spring, die das Museum 2009 gegründet hat. Den Namen Wicca, der im Angelsächsischen für weise Menschen, Hexen und Zauberer steht, gaben ihr die Eltern als zweiten Vornamen mit. Ihr Urgrossvater sei ein Geisterjäger gewesen, sie selber habe seherische Fähigkeiten, bemerkt sie. Auf die Frage, was denn eine Hexe auszeichne, erklärt die 43-Jährige: «Sie ist ein Mensch, der in der eigenen Mitte lebt und seine Kräfte und Grenzen kennt; sie verlässt sich ausschliesslich auf sich selber und handelt selbstverantwortlich.»

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Einheit mit der Welt

Szenenwechsel. Im Pfarrhaus der Predigerkirche in Zürich sagt Renate von Ballmoos, dass sie eine «moderne Hexe» sei. Die 49-jährige Pfarrerin erklärt: «Das Wort Hexe, das sich von Hagazussa ableitet, bedeutet Zaunreiterin. Ich möchte wie diese zwischen sichtbaren und unsichtbaren Dimensionen hin und her reisen und die Kräfte der Alltagswelt mit der Anderswelt verbinden.» Dafür bildete sie sich am europäischen Felicitas Goodman Institut in schamanischen Methoden aus. Seit fünf Jahren bietet sie in der Predigerkirche das ganze Jahr einen Zyklus «Rituale» an sowie den Kurs «Reisen durch Zeit und Raum – Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit».

Als nächstes Ritual feiert sie mit der Kirchgemeinde das Sommersonnwendefest Litha, das später zum Johannisfest wurde. Man versammelt sich auf dem Predigerplatz in Zürich um ein Feuer herum. «Zuerst drücken wir Dankbarkeit und Freude aus für alles, was im ersten halben Jahr wachsen durfte und werden uns bewusst, was wir zur Reife bringen möchten.» Mit einem Sprung über das Feuer wird der Wunsch auch körperlich ausgedrückt. Solche Wunsch-Rituale werden, so der Volksglaube, erfüllt. «Es ist eine spielerische Form, um die Schöpfung zu ehren und das eigene Erleben zu reflektieren», erklärt die Pfarrerin.

Die Zaunreiterin
Jede Kultur hat ihre eigenen Hexen. Die deutsche Bezeichnung Hexe lässt sich auf das althochdeutsche Hagazussa zurückführen, was Zaunreiterin bedeutet. Der Zaun ist das Symbol für die Schwelle zum Unbekannten, zum Tod und ein Bannkreis gegen Fremdes und Dämonen. Auf dieser Grenze zwischen Leben und Tod bewegt sich die Hexe, die zwar ein Mensch ist, aber wie eine Schamanin auch Zugang zu einer anderen Welt hat. Bis in die Neuzeit hinein wurde in der Innerschweiz für Hexen auch der Begriff Sträggele verwendet. Ursprünglich verkörperte sie einen Dämon, der die Verstorbenen ins Totenreich begleitet. Sträggele ist aber auch mit dem italienischen Wort «strega» für Hexe verwandt, das sich vom lateinischen Strix oder Strege für Eule ableitet.

Weibliche Kraft

Für die Pfarrerin ist eine Hexe eine Frau, die gemeinsam mit andern einen spirituellen Weg sucht, sie unterstützt und begleitet. Dazu gehöre auch, sich als Frau eigene Räume zu schaffen – zum Beispiel in der Walpurgisnacht, der Nacht der Hexen. «Zu Trommelklängen um das Feuer zu tanzen, ist ein Ausdruck von weiblicher Kraft», sagt sie und erklärt, dass Religionen seit jeher Trance oder Ekstase genutzt hätten, um in andere Wirklichkeiten zu gelangen und mit Geistwesen in Kontakt zu treten. Als Beispiel nennt sie Hildegard von Bingen, Mystikerin und Heilerin. Von Ballmoos betont: «Mit Zauber hat das nichts zu tun.» Vielmehr bedinge es einen langen Weg der Selbsterfahrung und des geduldigen Übens.

Ursprünglich als naturverbundenes Wesen mit magischer Kraft verehrt, wurde die Hexe im Mittelalter zur bösen Gestalt, die mit Dämonen und dem Teufel paktiert, Schadenszauber ausübt, sich in Tiere verwandeln oder fliegen kann. Erstmals schriftlich erwähnt wird die «fliegende Hexe» 1505. In historischen Romanen wie «Die letzte Hexe» von Eveline Hasler oder «Das Lachen der Hexe» von Margrit Schriber, welche die Geschichten der als Hexen umgebrachten Anna Göldin und Anna Maria Gwerder erzählen, werden diese als selbstbewusste, eigenständige, gebildete Frauen beschrieben, die ihrer Zeit voraus waren. Im Volksglaube war die Hexe lange eine mit Zauberkräften ausgestattete heil- oder unheilbringende Person. Eine Namensliste im Hexenmuseum macht das Ausmass der Verfolgung vom Mittealter bis in die Neuzeit sichtbar; nicht nur Frauen, auch Männer und Kinder wurden gejagt.

Der heutige Hexenkult
Erst um 1950 wurden Hexen wieder «salonfähig». Die Frauenbefreiungsbewegung betrachtete sie als weise Frauen, die von Machtstrukturen unterdrückt worden sind. Der heutige Hexenkult orientiert sich an der Esoterik: gesucht werden innere Erkenntnis und spirituelles Erleben. Dahinter stecke viel Arbeit, sagt Wicca Meier-Spring. «Magie ist ein Handwerk, das man lernen muss. Das Ziel ist, positive Energie freizusetzen und Verantwortung für sich, seine Umgebung, die Natur und Mitmenschen übernehmen zu können.» Nach Jahren der Ausbildung wurde sie vor 19 Jahren in England zur Hohepriesterin von Avalon gekrönt und erreichte damit die höchste Weihe in der Wicca-Bewegung. Ihre Krone und das Zepter sind im Museum ausgestellt. Ihr Status als Hohepriesterin berechtigt sie, Hexen auszubilden.

Wicca Meier-Spring schätzt, dass heute an die 3000 Hexen in der Schweiz leben, sich aber nur wenige öffentlich dazu bekennen. «Wir erkennen einander an einem gewissen Leuchten in den Augen», erklärt sie. Mit ihrem Museum möchte sie Vorurteile über Hexen abbauen. Die Ausstellung erzählt von einer Zeit, in welcher der Alltag der Menschen von guter und böser Magie beherrscht wurde. Heute erinnern noch viele Sprachbilder daran: Wir reden von politischer «Hexenjagd», starke Ausschläge an der Börse werden als «Hexensabbat» bezeichnet und normalerweise ist, was wir tun «keine Hexerei». Doch Hexen begleiten uns nicht nur im täglichen Sprachgebrauch. Das Interesse an magischen Themen nimmt zu: Frauen mit Kinderwunsch pilgern zu Kraftorten, Schutzamulette begleiten uns auf Reisen, Tarotkarten helfen bei Entscheidungen und alte Heilpflanzen werden neu entdeckt. Ganz irdisch verabschiedet sich Wicca Meier-Spring vor ihrem Hexenmuseum: «Ich fahre mit dem Auto nach Hause», sagt sie lachend. Die Reisigbesen bleiben stehen.

Museumstipp
Hexenmuseum, Mühliacherweg 10, 5010 Augenstein. Geöffnet: Mittwoch und Freitagnachmittag, in Vollmondnächten sowie an einem Sonntag im Monat. www.hexenmuseum.ch

Fotos: Bildagentur Waldhäusl, fotolia.com, zvg, dierk schäfer / flickr / cc

Tags (Stichworte): BrauchtumHexenHexenkultLeben.RitualeTorcasso

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