Unter uns

Fabrice Müller, Andreas Krebs | Ausgabe_07_08/2017

Sie sind nicht jedermanns Sache, doch manche können nicht genug von ihnen kriegen: Höhlen. 8000 sind in der Schweiz verzeichnet, viele davon sind noch nicht erforscht. Und viele Höhlen harren der Entdeckung.

@ Thomas Arbenz, AGN, zvg

Nein, das ist keine Höhle. Das sei lediglich ein sogenannter Ausbruch, sagt Richard Graf, als ich ihn auf ein höhlenartiges Loch oberhalb unseres Wanderwegs im Nagelfluhgestein, wenige Minuten vom Bahnhof Bauma im Zürcher Oberland, anspreche. Es war ein netter Versuch. Doch dieses Loch holt keinen Höhlenforscher hinter dem Busch hervor. Da hat Graf schon anderes gesehen. Der 64-Jährige aus der Region Winterthur beschäftigt sich seit seiner Jugend mit Höhlen. Zuerst als Pfadfinder, später als Aktivmitglied der Ostschweizerischen Gesellschaft für Höhlenforschung (OGH), einer Sektion des Schweizerischen Dachverbandes der Höhlenforscher (SGH), der er heute noch angehört.

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Schweizerische Gesellschaft für Höhlenforschung
• Ostschweizerische Gesellschaft für Höhlenforschung

Museum für Höhlenforschung
Schweiz. Institut für Speläologie und Karstforschung

Der Berufsschullehrer begleitet mich zum Hagheerenloch, das in einem Seitental zur Töss auf 790 Meter über Meer liegt. Nach knapp 40 Minuten erreichen wir das Ziel, mitten im Wald neben einem Zufluss des Feietbachs: eine typische Naturhöhle unter Nagelfluhgestein, vom Wasser aus dem Sandstein und Mergel gewaschen bzw. erodiert. Hier gibt es eine Einführung in die Höhlenkunde. Dann werfen wir uns in Montur – wasserdichte Kleider, Stiefel, Helm mit Stirnlampe – und packen die wichtigsten Utensilien ein: Lasermessgerät, Taschencomputer, Ersatzlampe sowie eine Wärmedecke für Notfälle.

Wir kraxeln in die Höhle. Es ist dunkel, dreckig, eng, feucht und glitschig. Bäuchlings zwängen wir uns durch einen Schluf, eine Engstelle in einer Höhle, die man nur robbend passieren kann. Für eine Höhlenführer-Broschüre zum Tösstal vermisst und fotografiert Richard Graf das rund 600 Quadratmeter grosse Hagheerenloch, das teilweise von einem flachen See bedeckt ist. Der Rest des Höhlenbodens ist mit seichtem, zähem Lehm bedeckt; die Decke gewellt. Sagen ranken sich um das Hagheerenloch – geheime Gänge soll es zur nahe gelegenen Raubritterburg gegeben haben. «Wir berücksichtigen bei unseren Höhlenforschungen immer auch die Erzählungen aus der Sagenwelt», sagt Graf, dämpft aber die Erwartungen: «Wir haben keine unterirdischen Gänge gefunden.» Dafür stossen wir auf Meta menardi, langbeinige Höhlenkreuzspinnen, die sich von den Felswänden abseilen. Und auf liegen gelassenen Abfall von achtlosen Höhlenbesuchern.

Mit Höhlen gesegnet. Das Hagheerenloch gehört zu den kleineren Höhlen. Die Schweiz hat aber auch Riesenhöhlen zu bieten, das Hölloch im Muotatal etwa oder die Sieben Hengste im Berner Oberland. Sie zählen zu den zehn längsten Höhlen der Welt. Vom Hölloch sind über 200 Kilometer Höhlengänge vermessen, deren Höhenunterschied beträgt über 900 Meter. Es ist ein gigantisches Labyrinth; ein kleiner Teil davon ist erschlossen. Der Name Hölloch hat übrigens nichts mit Hölle zu tun. Der Bergbauer Alois Ulrich aus Stalden hat den Eingang des Höllochs im Jahr 1875 entdeckt und berichtete von einem «hälen» Loch. Das schweizerdeutsche Wort häl bedeutet rutschig, schlüpfrig – das Hölloch ist demnach ein «rutschiges Loch».

Die Schweiz ist ein höhlenreiches Land. 8000 Höhlen sind verzeichnet, und laufend werden neue entdeckt. «Aus Sicht der Höhlenforschung können wir mit dem Potenzial an Höhlen in der Schweiz sicher zufrieden sein», sagt Stephan Billeter, Sekretär Deutschschweiz der Schweizerischen Gesellschaft für Höhlenforschung. «Der Schweizer Untergrund birgt genügend unerforschte Höhlen für die nächsten Generationen.»

Zu finden sind die verborgenen Naturwunder vor allem im Jura, den Voralpen und im Alpenraum. Die meisten Höhlen, besonders die grossen, durchziehen Karstgebiete, die etwa 20 Prozent der Landesfläche ausmachen. Alleine im Jura, dessen Untergrund ziemlich genau bekannt ist, zählt man über 3000 Höhlen und Schächte, darunter das Nidlenloch im solothurnischen Weissenstein, eine der meistbesuchten Nicht-Schauhöhlen der Schweiz.

Wie Höhlen entstehen. In Karstregionen fliesst das Wasser weitgehend ungefiltert durch Ritzen, Risse und Spalten. Aufgrund der geringen Filterwirkung ist das Trinkwasser in Karstgebieten besonders gefährdet durch Verschmutzung an der Oberfläche, weshalb es meist aufbereitet werden muss. Etwa ein Viertel der Schweizer Haushalte wird mit Karstwasser versorgt.

Damit eine Karsthöhle entstehen kann, braucht es wasserlösliches Gestein wie Gips oder Kalk. Zuerst sind die Hohlräume winzig und oft vollständig gefüllt mit Wasser. Dieses hat aus dem Boden CO2 aufgenommen und erweitert und verlängert durch chemische Verwitterung Korrosion) die Hohlräume; sogenannte Karströhren entstehen, Entwässerungskanäle, die das Wasser von der Karstoberfläche durch das Innere des Gebirges zur Quelle führen. Peu à peu löst das Wasser den Gips und den Kalkstein auf, die Kanäle weiten sich. So entstehen weitverzweigte unterirdische Labyrinthe. Diesen Vorgang nennt man Verkarstung. Ein Höhlengang wird auch durch mechanische Verwitterung (Erosion) erweitert, indem Sand und Steine die Wände abtragen bzw. abschleifen – analog zu gewissen Schluchten und Tälern an der Oberfläche. So formen Korrosion und Erosion über Jahrtausende und Jahrmillionen teilweise gigantische Höhlensysteme.

Die Luft in Höhlen hat im Wesentlichen die gleiche Zusammensetzung wie die an der Oberfläche. Dennoch zeichnet sie sich durch einige Besonderheiten aus: Sie ist vollständig gesättigt mit Wasserdampf, was über 90 Prozent Luftfeuchtigkeit zur Folge hat. Weiter ist die Höhlenluft nahezu keimfrei und hat einen leicht erhöhten Kohlendioxidgehalt. Im Jahresverlauf misst man in Höhlen meist eine konstante Temperatur zwischen zwei und vier Grad in alpinen Karsthöhlen sowie zwischen zehn und zwölf Grad in den eher seltenen Nagelfluhhöhlen (auch Konglomerat- Höhlen genannt) des Mittellandes. Die konstanten Bedingungen machen Höhlen auch für Tiere attraktiv. «Echte» (eutroglobionte) Höhlentiere haben sich vollständig an das Leben untertage angepasst; Höhlenflohkrebse, Höhlenwasserasseln und Doppelschwänze gehören dazu. Die «höhlenliebenden» (eutroglophilen) Tiere führen auch an der Erdoberfläche ein verborgenes Leben unter Steinen, im Erdboden oder unter Baumrinde. Sie können sich in Höhlen fortpflanzen und Populationen bilden; zahlreiche Springschwanz- und Spinnenarten gehören dazu. Die (subtroglophilen) «Höhlengäste» suchen Höhlen zu bestimmtenJahreszeiten auf. Sie können sich zwar in der Dunkelheit orientieren, die Nahrungssuche findet aber in der Regel oberirdisch statt; dazu gehören beispielsweise Fledermaus- und Schmetterlingsarten. Im Sommer suchen auch bestimmte Köcherfliegen- und Mückenarten in Höhlen Schutz vor Hitze und Austrocknung. Höhlenfremde Tiere (Trogloxene) wie Feuersalamander oder Erdkröte schliesslich geraten meist zufällig in eine Höhle; sie können nicht auf Dauer darin leben.

Expeditionen unter Tag. Die Höhlenforschung in der Schweiz wird durch die Schweizerische Gesellschaft für Höhlenforschung (SGH) forciert. Rund Tausend Hobby-Speläologen im Alter zwischen 16 und 80 Jahren nehmen an Touren und Expeditionen teil. Meist durchsuchen die Höhlenforscher zuerst das Gelände zu fünft oder sechst in einem Glied. Mögliche Höhleneingänge werden markiert und später Stück für Stück untersucht. Bei Löchern, die sich nicht für die Forschung eignen, machen die Forscher mit wetterfester Nagellackfarbe ein kleines Kreuz an die Felswand; Höhlen, die untersucht werden sollen, bekommen eine Nummer. Die Höhlen werden ausgemessen, dokumentiert und mithilfe der gesammelten Daten dreidimensional dargestellt. Im Zentrum der Forschung steht darüber hinaus die Entstehung der Höhle. «Wir stellen eine Höhle stets in Verbindung mit dem gesamten geologischen Umfeld und zu anderen Höhlensystemen in der Nähe», sagt Billeter. Ein wichtiges Anliegen der Höhlenforscher sei ferner der Naturschutz. Die Höhlen als Biotop für Flora und Fauna sollen möglichst unberührt bleiben. Gleichzeitig sei es aber auch wichtig, gewisse Höhlen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um die Menschen für den Höhlenschutz zu sensibilisieren. «Es ist eine Gratwanderung», sagt Billeter.

Rettung aus der Höhle. Neben der Forschung und dem Naturschutz engagiert sich der Verband für die Bergung von Verunfallten in Höhlen. Zu diesem Zweck wurde die Höhlenrettung «Speleo Secours» als Partner der Alpinen Rettung Schweiz gegründet. Pro Jahr gibt es gemäss Billeter vier bis fünf Einsätze. Gerettet werden beispielsweise unvorsichtige Wanderer, die keine Taschenlampe mit dabei haben und sich in der Höhle verlaufen haben. Aber auch routinierte Höhlenforscher können verunfallen und es aus eigener Kraft nicht mehr aus der Höhle schaffen. Höhlenbergungen sind oft extrem aufwendig und schwierig. «Wir Höhlenforscher versuchen, das Unfallrisiko mit einer guten Vorbereitung, Technik und Ausbildung zu minimieren», sagt Billeter. Daneben brauche es Vertrauen in seine Partner und eine gute Fitness.

Tatsächlich ist das Fortbewegen in Höhlen extrem anstrengend, wie wir im Hagheerenloch beim Durchrobben des Schlufs erfahren. Je nach Situation brauche man für 200 Höhlenmeter zwei bis drei Stunden, weil man sich abseilen, hochziehen oder schmale Gänge durchqueren müsse, berichtet Richard Graf. Früher sei sein Drang, in Höhlen vorzudringen, noch stärker gewesen als heute, erzählt der 64-Jährige. Da habe es ihn in den Fingern gejuckt, wenn der letzte Höhlenbesuch mehr als zwei Wochen zurücklag. Höhlen befahren, wie es im Jargon heisst, könne zur Sucht werden, wie das Bergsteigen auch. «Mich reizt es, Unbekanntes zu erforschen und gleichzeitig körperlich aktiv zu sein», sagt Graf. Noch immer erkundet er gegen 20 Höhlen pro Jahr. Derzeit konzentrieren er und seine Kollegen sich auf die neu entdeckten Höhlen rund um den Zwinglipass im Alpsteingebiet.

«Man geht nur in Höhlen, wenn man die Sonne liebt», lautet ein Sprichwort der Speläo- Szene. Die Höhlenforscher kraxeln auch deshalb in die Unterwelt, weil sie bei der Rückkehr das Leben wieder in bunteren Farben wahrnehmen. Den Wind und die Wärme der Sonne spüren, all das, was wir gemeinhin als selbstverständlich nehmen. Mit einem Lächeln verlassen wir das Hagheerenloch. Es hat etwas von einer Wiedergeburt.

Buchtipp
Reinhard Brühwiler: «Wanderungen ins Innere der Schweiz. Geheimnisvolle Stollen und Höhlen entdecken», Werd Weber Verlag AG, 2008, Fr. 37.90

Fotos: Thomas Arbenz, AGN, zvg

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