Unter Strom

Susanne Hochuli | Ausgabe 04 - 2010

Susanne Hochuli über ihre Angst vor Strom und darüber, wie die Montage neuer Lampen ihr erhellende Einsichten über die Politik bescherte.

Natürlich haben Sie Recht, wenn Sie verlangen, dass Magistratspersonen vor nichts und niemandem Angst haben. Angst lähmt. Und in unbeweglichem Zustand regieren zu müssen, macht die Sache noch schwieriger als sie es ohnehin schon ist. Aber ich gestehe: Es gibt Dinge, vor denen ich Angst habe. Unter anderem vor Strom. Nein, nicht einfach vor Atomstrom, weil ich eine Grüne bin, sondern vor Strom allgemein. Ersterer macht bereits Angst bei seiner Entstehung; doch egal, ob Wasser-, Wind- oder Solarstrom: Kommt er aus der Steckdose, ist er einfach nur Strom, unsichtbar, geräuschlos, manchmal tödlich und macht mir Angst.

Vermutlich bin ich als Kind traumatisiert worden: Einmal versuchte ich, ein altes Kabel an einem alten Stecker in eine noch ältere Steckdose zu stecken und fand mich in der anderen Ecke des Zimmers wieder. Darüber reden konnte ich nicht, hätte dies doch zusätzlich zum Stromschlag zu noch mehr Schlägen geführt, weil ich etwas getan hatte, das ich nicht hätte tun dürfen.

Und dann war da der Viehweidezaun. Wir Kinder mussten überprüfen, ob Strom auf den Drähten sei, damit das Rindvieh nicht abhauen konnte auf Nachbars bessere Weide. Vater meinte, wir sollten einen Grashalm in die Hand nehmen, ihn auf den Draht legen und spüren, ob der Strom schlägt. Wie ich das gehasst habe! Wie ich gelogen habe: Habe den Draht fast nie berührt mit dem Grashalm, aber mit lauter Stimme gerufen: «Er schlägt. Und wie!»

Angst sollte man überwinden. Am besten geht das, wenn es nicht nur therapeutisch geschieht, sondern ein Ergebnis zeitigt. Die Angst vor dem Strom zu überwinden, lohnte sich, weil ich meine Wohnung neu illuminieren wollte, um jede dunkle Ecke ausgeleuchtet zu haben; schliesslich braucht eine Magistratsperson den Durchblick, Einblick und Ausblick. Ich kaufte Lampen. Zehn an der Zahl. Ich holte Werkzeuge: Bohrmaschine, Schraubenzieher, Abisolierzange, Drähte, Taschenlampe, Leiter. Ich liess mich aufklären: Der gelbgrüne Draht dient als Erdung – für eine Grüne einfach zu merken: Grün tönt nach Bodenhaftung, wächst doch alles Grüne zum Boden heraus. Fast jedenfalls. Misteln und andere Schmarotzer halten sich nicht daran. Der blaue Draht ist der Nullleiter, quasi neutral. Einleuchtend, sagte ich mir, die FDP neutralisiert sich derzeit ebenfalls als Finanz- oder doch Werkplatzpartei. Der dritte Draht, nicht immer in derselben Farbe gehalten, ist der Leiter. Auch das konnte ich behalten, weil es in einer Demokratie gut ist, wenn nicht immer die gleichen leiten und führen.

Es ging los. Sicherung raus! Dieser Sache traute ich am wenigsten, am liebsten hätte ich die Stromleitung zum Hause gekappt. Rauf auf die Leiter, alte Lampen weg, bohren, schrauben, Drähte suchen; manchmal versteckten sie sich in der Diele und oft mussten sie, wenn gefunden, verlängert werden mit Klemmen und Drähten, die nicht mehr die richtige Farbe aufwiesen. Das Durcheinander war perfekt. Doch zum Schluss: Sicherung wieder rein – und es wurde Licht!

Meine Therapie war erfolgreich: Sie können mich mieten, falls Sie Angst haben. Stromerprobt bin ich. Und die anderen Stürme meistere ich auch noch.

Zur Person
Susanne Hochuli, erste grüne Regierungsrätin im Aargau, ist Mutter einer 16-jährigen Tochter und wohnt auf ihrem Biobauernhof in Reitnau, der vom besten Bauern der Welt bewirtschaftet wird.

 Fotos: maddin / flickr / cc, johntrainor / flickr / cc

Tags (Stichworte): AngstStromTherapie

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