Unten durch und oben drüber

Heinz Staffelbach | Ausgabe_09/17

Erst gemütlich durch die kühle Schlucht der Kleinen Melchaa – und dann anspruchsvoll rauf auf den Hochstollen.

@ Heinz Staffelbach, AT Verlag, www.at-verlag.ch

Wo ist das Herz der Schweiz? Auf dem Rütli, wo unser Land seinen Anfang genommen hat ? An der Zürcher Bahnhofstrasse, wo die heutigen Wirtschaftskapitäne walten ? Oder in Bern, wo über die politische Zukunft entschieden wird ? Die Geografen haben ihre eigene Lösung gefunden, frei von Geschichte, Eigeninteressen und Ideologien: Die Mitte der Schweiz liegt bei Punkt 660 158/183 641. Die Begründung ist einfach: Schneidet man aus Karton die Form des Landes und legt diese auf genanntem Koordinatenpunkt auf die Spitze einer Nadel, ist die Kartonschweiz im Gleichgewicht – die Mitte der Schweiz ist gefunden.

Interessanterweise wurde dieser Punkt erst 1988 genau eruiert. Nicht überraschend hingegen ist, dass man beim betreffenden Punkt kurz darauf ein kleines, schlichtes Denkmal setzte: einen Triangulationspunkt, umgeben von einer grösseren Steinmauer in der Form des Landes. Es mag überraschen, dass die präzisionsverliebte Schweiz hier etwas geschummelt hat: Das Denkmal steht 500 Meter nordwestlich vom wahren geografischen Mittelpunkt der Schweiz. Das kann aber durchaus entschuldigt werden. Denn der genaue Punkt liegt, bezeichnend für unser Gebirgsland, in einem felsigen Steilhang, der zwar Gämsen und Dohlen, nicht aber Kreti und Pleti zugänglich ist.

Wo der Betruf erklingt. Der touristische Mittelpunkt der Schweiz hat sich wahrlich ein schönes Plätzchen ausgesucht, oben auf der Alp Älggi. «Die schönste Alp der Schweiz » soll sie sein, und das wird jeder Älpler hier bezeugen. Wo sonst gibt es eine fast einen Kilometer lange, flache Hochebene mit dem saftigsten Gras, wie in einem romantischen Gemälde umgeben von Waldspickeln, Felswändchen und natürlich einigen schroffen Berggipfeln? Einige «Heimetli » haben sich im Rand des Älggi versammelt; in die Mitte gerückt leuchtet eine kleine Kapelle. Die Alp sieht aus wie vor hundert Jahren – das Älggi ist ursprüngliche Schweizer Alpkultur. Am Abend hallt noch der Betruf von der Seefeldalp herab, und alljährlich findet die Älplerversammlung mit heiliger Messe und Alphorntrio statt; da trifft sich die Trachtenjugend, man festet mit Jodeln, Lagerbier und Stumpenrauch.

Was jede Alp perfekt macht, ist ein gemütliches «Beizli», und auch dieses gibt es im Herzen der Schweiz: das Bergrestaurant und Hotel Älggi ist ein bescheidenes Holzhaus am Rand der grossen Wiese, ideal platziert, um alle zu registrieren, die sich auf dem Wanderweg oder auf der steilen, engen Strasse auf das Älggi machen. Wenn die Älpler und Sennen müde sind vom langen Tag, treffen sie sich im Berghaus, bestellen ein «Iiklemmts» und ein Bier, jassen und plaudern, zuerst noch draussen auf der kleinen Terrasse, später drinnen in der gemütlichen Gaststube. Die Übernachtungsgäste ziehen sich um zehn Uhr zurück, die Älpler bleiben noch etwas länger. Um Mitternacht ist aber für alle Schluss, dann wird der Generator gekappt. Und bald hört man nur noch das feine Bimmeln der Kuhglocken.

Tosende Wasser – kühne Wege. Der Mittelpunkt der Schweiz liegt auch in der Mitte dieser Zweitagestour, und unterschiedlicher könnten die beiden Etappen nicht sein. Am ersten Tag führt der Weg durch die Schlucht der Kleinen Melchaa. Es ist ein enges V-Tal, in dem an einigen Stellen die Felsen so eng zusammenrücken, dass sich die Naturstrasse kühn einen Weg zwischen dem tosenden Wasser und den blanken Wänden suchen musste. Nach einer guten Stunde geht es links hoch, zuerst steil durch Wald, später über Weiden und schliesslich für ein paar Kilometer auf der Strasse zum Älggi.

Geht es am ersten Tag durch die Tiefen der Schlucht, steht am zweiten Tag eine zünftige Gipfeltour an. Der Hochstollen ist zwar «nur» 2481 Meter hoch, seine Besteigung gilt aber doch als anspruchsvolle Bergwanderung, die für Wanderanfänger ungeeignet ist. Von der Älggialp geht es zuerst zu den beiden Seen auf dem Sachsler Seefeld und von dort auf den kleinen Pass beim Seefeldstock. Steil klettert danach der Weg durch eine Felsrunse zum Punkt 2263 hoch, durchquert dann einige abschüssige Grashalden und schwingt sich schliesslich durch Schotter auf den Hochstollen.

Eine längere Pause wird hier wohl jeder einschalten, um sich auszuruhen, vor allem aber um die fantastische Aussicht zu geniessen: Im Osten funkeln Melch-, Tannen- und Engstlensee, dahinter gleisst die Eiskappe des Titlis, während sich im Süden unzählige Drei- und Viertausender zwischen Sustenhorn und Blüemlisalp aneinanderreihen.

Das Buch «Wandern und Geniessen in den Schweizer Alpen» von Heinz Staffelbach aus dem AT-Verlag ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

In zwei Tagen von Giswil nach Hasliberg
• Anfahrt
Mit dem Zug bis Giswil.
• Ausgangspunkt
Bahnhof Giswil.
1.Tag: Vom Bahnhof Giswil zur Älggialp. 11 km, 1150 m
Aufstieg, 4 1/2 Std., T2.
2.Tag : Von der Älggialp hoch auf den Gipfel des Hochstollens. Abstieg nach Käserstatt. 10 km, 860 m Aufstieg, 670 m Abstieg, 3 1/2 Std., T3.
•Endpunkt
Käserstatt. Von hier mit der Luftseilbahn zur Postautohaltestelle Hasliberg Wasserwendi, Twing. Von dort mit dem Postauto (fährt stündlich) zum Bahnhof auf dem Brünig oder in Brienz.
• Übernachten
Im Berggasthaus Älggialp.
• Art und Ambiance
Schlichtes Gasthaus am Rand der Älggialp auf gut 1600 Metern. Zimmer und Lager befinden sich in zwei Nebengebäuden. Traditionelle Küche mit möglichst einheimischen Produkten. Vor allem Schweizer Weine. Für Kinder Spielplatz mit Klettergeräten, Bergbach, Steinmandlipfad. Hunde Nach Absprache (Zuschlag).
• Öffnungszeiten
Juni bis Oktober.
• Adresse
Berggasthaus Älggialp, 6072 Sachseln, Telefon 041 675 13 62, www.aelggialp.info
• Karten
Landeskarte 1:50 000, 245 oder 245T Stans, 255 oder 255T Sustenpass, Landeskarte 1:25 000, 1190 Melchtal und 1210 Innertkirchen
• Weitere Informationen
Obwalden Tourismus, Telefon 041 666 50 40, www.obwaldentourismus.ch, Tourist Information Hasliberg, Telefon 033 972 51 51, www.hasliberg.ch

Fotos: Heinz Staffelbach, AT Verlag, www.at-verlag.ch

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