Über Plastikmüll

Sabine Hurni | Ausgabe_11/17

Sammeln Sie Plastik? Noch nicht? Dann kann ich es Ihnen nur wärmstens empfehlen. Nicht zuletzt, um sich bewusst zu werden, wie viel Plastikmüll sich in einem normalen Haushalt täglich ansammelt.

@ Alex Spichale, istockphoto.com

Innert kürzester Zeit ist der Plastiksammelsack voll mit Folien, Tetra Paks, Knisterbeuteln, Säcken und Obstschalen. Der normale Kehrichtsack hingegen wird und wird nicht voll. Diese Tatsache macht das Sammeln von Plastik zu einem ziemlich emotional diskutierten Thema, bei dem die Meinungen der verschiedenen Interessenvertreter stark auseinander gehen. Die Kehrichtverbrennungen finden, dass beim Sammeln von Plastik so viel Mischplastik, verschmutzte Behälter und unbrauchbarer Plastik anfalle, dass 70 Prozent davon dann doch wieder im Kehricht landen. Den Sammelaufwand könne man sich deshalb aus finanziellen und ökologischen Gründen sparen.

Ganz anders sehen es die Befürworter der Sammelsäcke. Für sie ist klar: Kunststoff ist ein Rohstoff, der wiederverwertet werden kann. Sie wollen durch das flächendeckende Sammeln von Plastik, wie es etwa in Deutschland schon lange üblich ist, den COÇ-Ausstoss verringern und den Verbrauch an Rohöl reduzieren. Immerhin könne man mit einem Kilogramm Recyclingkunststoff bis zu drei Liter Rohöl einsparen, ist auf der Website www.sammelsack.ch zu lesen. «Mit dem Recycling von Haushaltskunststoffen können wir jährlich 270 000 Tonnen COÇ einsparen.»

Das Projekt verdient Beachtung. Denn selbst wenn Gegner und Befürworter noch heftig diskutieren, ist das Sammeln von Plastik für den Verbraucher eine Chance, sich vor Augen zu führen, wie viel Müll jeder von uns produziert. Mit kleinen Verhaltensänderungen könnten wir durchaus plastikfreier leben. Es fängt damit an, dass man Gemüse, Käse, Fleisch und Früchte auf dem Markt oder an der Offentheke kauft, wo nicht jedes Produkt einzeln in Plastik verpackt ist. Viele Drogerien und Reformhäuser bieten einen Nachfüllservice für Putzmittel oder Körperpflegeprodukte an. In grösseren Städten gibt es ZeroWaste-Läden, wo man eigene Vorratsdosen auffüllen lassen kann. Wer regelmässig über die Gasse isst, kann seine Schale oder sein Besteck selber mitbringen. Im Büro kann man ein eigenes Glas aufbewahren, um nicht ständig einen neuen Plastikbecher für das Wasser oder den Kaffee zu verbrauchen. Statt Raschelbeutel verwendet man zum Einkaufen von Gemüse und Früchten einen Veggibag (zu beziehen bei www.oceancare.ch). Und zum Waschen von Faserpelzjacken oder synthetischen Fasern sollte man die Maschine ganz füllen oder einen Sack verwenden, der die Mikrofaserfusseln auffängt, damit sie nicht ins Spül- und dann ins Abwasser gelangen. Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten, den Abfall zu reduzieren. Allen gemein ist, dass eine Umstellung nicht ohne Effort, ohne Umdenken funktioniert. Plastikreduziert leben, setzt ein gewisses Mass an Planung voraus und erfordert etwas mehr Zeit. Aber es lohnt sich. Für das eigene Gemüt. Und die Mitwelt.

Allerdings ist der Verpackungsplastik nicht das einzige Problem in Sachen Kunststoff. Unsichtbarer und heimtückischer ist der Mikroplastik, der in Gewässer gelangt. Gemäss der Meeresschutzorganisation Oceancare werden weltweit pro Jahr rund 300 Millionen Tonnen Plastik produziert, Tendenz steigend. Pro Minute lande die Menge eines Müllwagens Plastik in den Meeren. Diese Menge könne sich bis im Jahr 2050 vervierfachen, befürchtet Oceancare. Plastik wird im Lauf von bis zu 400 Jahren kleiner und kleiner, bis man ihn von blossem Auge nicht mehr sieht. Er verschwindet deshalb aber nicht aus der Umwelt. Kleiner als fünf Millimeter verursacht er als Mikroplastik Schaden. Hinzu kommt der Mikroplastik, der als solcher in herkömmlichen Kosmetikprodukten leider sehr beliebt ist. Dieser gelangt vom Shampoo, Körperpeeling, Duschmittel oder Badezusatz ungefiltert ins Wasser, weil ihn die Kläranlagen noch nicht vollständig ausfiltern können.

Kunststoffe in Kosmetika haben viele Namen und werden als Füllmittel, Peelingkügelchen, Weichmacher, Glänzer oder Reinigungshilfe eingesetzt. Zum Beispiel Polyethylen (PE), Polypropylen (PP), Polyethylenterephthalat (PET), Nylon-12, Nylon-6, Polyurethan (PUR), Acrylates Copolymer (AC), Acrylate Crosspolymer (ACS), Polymethyl methacrylate (PMMA), Polyacrylate (PA), Polystyrene (PS) oder Polyquaternium (P). Damit Sie sich nicht die Augen schädigen durch das angestrengte Lesen der kleingeschriebenen Inhaltsangaben, können Sie auf Ihrem Smartphone das Code-Check-App installieren, mit dem man den Strichcode der Kosmetika scannen kann und sofort alle Hinweise zu den Inhaltsstoffen erhält. Verglichen mit dem ganzen Müll, der täglich im Meer landet, ist der Mikroplastik vernachlässigbar. Für die Lebewesen in den Weltmeeren wird jedoch auch er zunehmend zum Problem. Während die Kleinstlebewesen, Muscheln, Wale oder Austern Nahrung aus dem Wasser filtern, reichert sich ihr Körper mit dem Mikroplastik an. So gelangen die schadstoffreichen Mikropartikel zurück in die Nahrungskette …

Ja, Plastik wird unsere Kinder, Enkel und Urenkel noch beschäftigen. Wir erweisen ihnen mit unserem oft unkritischen Konsumverhalten einen Bärendienst. Natürlich können wir nicht unser ganzes Leben auf den Kopf stellen und von heute auf morgen plastikfrei leben. Trotzdem: Wir sollten unser Bestmöglichtes tun und im Hier und Heute Zeichen setzen. Für die Zukunft unserer Umwelt und Meere. Für die Kinder dieser Erde und deren Kinder.

Zur Person
Sabine Hernie ist dipl. Drogistin HF und Naturheilpraktikerin, betreibt eine eigene Gesundheitspraxis, schreibt als freie Autorin für «natürlich», gibt Ayurveda-Kochkurse und setzt sich kritisch mit Alltagsthemen, Schulmedizin, Pharmaindustrie und Functional Food auseinander.

Fotos: Alex Spichale, istockphoto.com

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