Über den Darm

Sabine Hurni | Ausgabe_03/2017

Myriaden von Bakterien und Pilzen besiedeln unseren Darm. Eine grosse mikrobielle Vielfalt hilft uns, gesund zu bleiben. Das bringt Sabine Hurni auf eine unappetitliche Idee.

@ Alex Spichale, istockphoto.com

Haben Sie sich auch schon gefragt, weshalb Bücher über die Darmgesundheit Regale füllen und sich wochenlang auf den Bestsellerlisten tummeln? Mag sein, dass es wirklich so schlecht steht mit unserem Darm. Vielleicht bringt uns das Sich-mit-dem-Darm-Befassen auch einfach zurück zur Körpermitte – zum Nabel unseres Seins.

Lange Zeit hat man den Darm hauptsächlich als Transportkanal zwischen Mund und After betrachtet. Heute ist klar, dass er wesentlich vielschichtiger ist. Genau wie bei der Verwandlung von Rüstabfällen in nährstoffreiche Komposterde, zersetzt sich im Körper die Nahrung mithilfe von unzähligen Mikroorganismen, der Flora des Darmes.

Flora leitet sich ab von der römischen Göttin der Blumen und der Jugend. Da Pilze und Bakterien lange Zeit zum Pflanzenreich gezählt wurden, spricht man von der Darmflora, wenn der Lebensraum der dort angesiedelten Bakterien gemeint ist. In den letzten Jahren wurde viel über den Darm und seine Flora geforscht. Schon länger bekannt ist, dass der menschliche Körper zahlenmässig zehnmal mehr Bakterien enthält, als körpereigene Zellen – die Bakterien besiedeln den Bauchnabel, tummeln sich hinter dem Ohr, unter den Nägeln und vor allem in unseren Eingeweiden. Jüngere Forschungsarbeiten zeigen nun, dass das in den Fäkalien enthaltene genetische Erbgut nur zu einem Prozent menschlich ist. Die anderen 99 Prozent gehören zum Erbgut von Bakterien. Angesichts dieser Zahlen erstaunt es nicht, dass die Bakterien unser Dasein prägen, insbesondere unsere Gesundheit.

Beim Embryo ist der Darm noch unbesiedelt. Doch schon im Geburtskanal kommt das Kind mit Bakterien in Kontakt. Es dauert dann noch ungefähr drei Jahre, bis sich die Darmflora vollständig aufgebaut hat, wie Forscher aus den USA berichten. In den ersten drei Jahren steigt die Vielfalt an Bakterien stark an und bleibt danach konstant hoch. Da die Bakterien ständig Gene untereinander austauschen, ist die mikrobielle Diversität im Darm enorm wichtig für die menschliche Gesundheit.

Die Forschungsarbeit beinhaltete auch eine Gegenüberstellung verschiedener Völkerstämme. Im Vergleich zu Ureinwohnern in Afrika und Südamerika pendelt sich demnach die Bakterienvielfalt von Kindern in städtischen Regionen auf tieferem Niveau ein. Mit problematischen Folgen: Die Wissenschaftler kommen zum Schluss, dass genetische Eintönigkeit zu Entzündungsreaktionen im Darm führen kann sowie Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt.

Die gute Nachricht ist: Es liegt in unserer Macht, dies zu beeinflussen. Denn die mikrobielle Vielfalt kann jeder von uns jeden Tag mit seiner Ernährungsweise verändern. Den Probanden mit eintöniger Darmflora haben die Forscher empfohlen, sehr viele pflanzliche Eiweisse sowie ballaststoffreiche Nahrung zu essen. Fleisch, Eier und Zucker hingegen sollten sie möglichst meiden. Und siehe da: Das Gewicht sank, der Cholesterinspiegel wurde besser und die Darmflora war nach sechs Wochen um ein paar Millionen Bakterien reicher.

Bis zum Ende der 40-tägigen Fastenzeit am 15. April (Karsamstag) sind es noch gut sechs Wochen. Genügend Zeit also, um den Darm um einige Bakterienkulturen reicher zu machen. Vermeiden Sie gekauftes Gebäck, Mayonnaise und sämtliche Fertigprodukte, die Eier enthalten; heben Sie sich den Konsum von Zucker, Alkohol und weissen Kohlenhydraten auf das Wochenende auf, ebenso den Verzehr von Fleisch. Füllen Sie den Kühlschrank stattdessen mit vielerlei saisonalem Gemüse. Mit Gemüse als Nahrungsgrundlage wird der Frühling bunt. Die Kreativität kennt beim Kochen keine Grenzen. Backen Sie wieder mal ein Vollkornbrot, essen Sie täglich eine Schale Hülsenfrüchte und knabbern Sie zwischendurch getrocknete Feigen oder Nüsse. Wagen Sie Experimente mit frischen Frühlingskräutern wie Bärlauch, Löwenzahn, Gänseblümchen, Brennnessel oder Zitronenmelisse. All diese Lebensmittel enthalten sehr viele Ballaststoffe. 30 Gramm Nahrungsfasern sollten wir gemäss Schweizer Ernährungsgesellschaft täglich zu uns nehmen – mit ausreichend Gemüse schafft man das locker. Aber eben nur, wenn alles andere Beilage ist.

Am Ende der Fastenzeit kann sich die Darmflora dann wieder sehen lassen. Grundsätzlich müsste es sogar möglich sein, eine kleine Stuhlprobe einzufrieren und nach einem Spitalaufenthalt, einer Antibiotikabehandlung oder Durchfallerkrankung den Darm wieder mit der gesunden Darmflora zu impfen. Mithilfe eines Einlaufs zum Beispiel. Sie rümpfen die Nase? Es geht mir ähnlich, aber eigentlich ist es doch paradox: Über das, was oben reinkommt, unterhält man sich stundenlang, freudig blättern wir in Kochbüchern, schauen uns Kochsendungen an und lesen Foodblogs. Wir kochen und essen mit Freude. Aber das Produkt, das dabei herauskommt, wollen wir am liebsten negieren. Dabei ist es doch nur die Konsequenz dessen, was wir uns einverleiben.

Vielleicht ist das Lesen von Ratgebern rund ums Thema Darmgesundheit ja ein Anfang, den Ekel vor den eigenen Ausscheidungen zu verringern. Es würde mich freuen.

Zur Person
Sabine Hurni ist dipl. Drogistin HF und Naturheilpraktikerin, betreibt eine eigene Gesundheitspraxis, schreibt als freie Autorin für «natürlich», gibt Ayurveda-Kochkurse und setzt sich kritisch mit Alltagsthemen, Schulmedizin, Pharmaindustrie und Functional Food auseinander.


Foto: Alex Spichale, istockphoto.com

Tags (Stichworte):

Kommentare

  1. Keine Kommentare

Kommentar schreiben (Lesen Sie bitte unsere Regeln)

Sie haben noch kein Username und Passwort? Hier können Sie sich kostenlos bei «Natürlich» registrieren.

Natürlich im September 2017


Inhalt

Vorschau
Archiv

Schnupper Abo
4 Ausgaben für 20 Franken
Jetzt profitieren!

Aboservice

Wettbewerb

Gewinnen Sie einen von sechs Xeron Courier 20 Rucksäcke von Mammut im Wert von je 110 Franken.

Frage: Was gehört traditionellerweise zu einer Älplerversammlung?

Mitmachen bis zum 30. September 2017.

zum Wettbewerb


Natürlich Newsletter

Das neuste gibts jetzt natürlich auch per Mail

Zwei Mal pro Monat bietet Ihnen der «natürlich»-Newsletter kostenlos wertvolle Gesundheitstipps und und informiert Sie über Neues aus dem Magazin.

Jetzt Newsletter abonnieren


Archiv

eBook-Edition

Die 20 besten Heilkräuter
Gegen fast jedes Übel ist ein Kraut gewachsen – Unsere Experten haben in diesem eBook die besten und wirkungsvollsten Heilkräuter ausgewählt und für Sie zusammengestellt. 

Will ich sehen!


Natürlich HomeMagazinArtikelArtikel: Über den Darm