Türkenbund und Schrattenkalk

Heinz Staffelbach | Ausgabe_10/17

Die Mondlandschaft im Biosphärenreservat Entlebuch bietet sich an für wunderbare Tageswanderungen, aber auch für mehrtägige Touren.

@ swiss-image.ch/Gerry Nitsch, Heinz Staffelbach, AT Verlag /www.at-verlag.ch

Auf dem Hof Schlund, in einer grossen Lichtung in den Wäldern hoch über dem Mariental, ist es ruhig – nur der feine Klang einiger Schaf- oder Ziegenglocken ist hinter einem alten Holzschopf auszumachen. Die Schrattenflue, ein etwa sechs Kilometer langer Bergrücken nördlich des Brienzer Rothorns, im südlichsten Zipfel des Kantons Luzern, ist in dichte Nebelfetzen gehüllt; nur andeutungsweise zeigt sich ein breites, helles Felsband über den Fichten. Es ist ein sagenumwobener, von abgrundtiefen Löchern und Karren zerfressener Kalkrücken und eines der grössten Naturschutzgebiete der Schweiz.

Die Schrattenflue gehört zu den nördlichen Kalkvoralpen, zu den ersten Bergketten, die über die Waldgrenze reichen. Die gebirgige Landschaft ist nicht so spektakulär wie etwa die Berner Hochalpen weiter südlich, bietet aber Wanderern und Naturfreundinnen genauso viel wie diese. Der Bergrücken besteht aus sogenanntem Schrattenkalk, mit ausgedehnten, praktisch vegetationslosen Karrenfeldern und grossen Dolinen.

Refugium für Tiere. Vom Schlund windet sich ein guter Weg durch den lockeren Wald Richtung Chlushütte. Ein fast reiner Fichtenwald bedeckt den Hang, nur einige Salweiden gedeihen daneben in grösseren Lichtungen. Stürme haben viele der Fichten zu Boden gedrückt, ihre Wurzeln recken sich gespenstisch in den düsteren Himmel. Hier bleiben die Bäume liegen, zerfallen und vermodern langsam über Jahrzehnte und ermöglichen so neues Leben. Den Tieren gefällt es offensichtlich in diesem kaum genutzten Wald, überall huscht, pfeift, singt und zwitschert es.

Weiter oben, unter dem Schibengütsch, wird es empfindlich kalt. In den Mulden liegen auch im Sommer noch Schneereste, und die Nebelschwaden steigen aus dem Tal der jungen Emme. Ganz oben auf dem Grat, zwischen Schibengütsch und Hengst, ahnt man noch nichts von den wilden, teuflischen Felsen. Ein schmales, aber gutes Weglein schlängelt sich der Krete entlang, um einige Kuppen und meist durch saftig grüne Matten. Linker Hand reicht der Blick weit über die Eggen, Tobel und Höfe des Napfgebiets, geradeaus ist noch die flache Pyramide der Rigi auszumachen, und zur Rechten, hinter dem lang gezogenen Grat des Brienzer Rothorns, leuchten die verschneiten Berner Alpen unter dem tiefblauen Mittagshimmel.

Auf scharfen Graten. Bald aber ändert sich die Landschaft abrupt. Am Fuss des Hengsts, mit 2092 Metern die höchste Erhebung des Bergkamms, zweigt ein Weg nach rechts ab und sinkt sachte, aber beständig in die Tiefe. Anfangs geht es noch durch Matten, doch unvermittelt betritt man eine öde Felslandschaft: das sagenumwobene steinerne Herz der Schrattenflue. Ein Weg ist in diesem Wirrwarr von Schründen, Steinhaufen und zerfressenen Felsbändern kaum noch zu erkennen. Scharfe Grate wechseln sich ab mit engen Spalten. Hier ist man besser nicht bei Nebel und Regen unterwegs – trotz zahlreicher Markierungen, die den Weg weisen. Unvermittelt öffnet sich am Wegrand ein kreisrunder Schlund, breit wie zwei Pferde, dessen Tiefe sich in der Dunkelheit verliert. Weiter unten führt der Weg an einem grossen Karrenfeld vorbei zurück zum Schlund. Metertief sind die aus dem Kalkfels herausgeätzten Schründe, messerscharf die feinen Grate und Spitzen. Nur an wenigen Stellen konnten einige Alpenrosen und Wacholderbüschel in kleinen Anhäufungen von Humus Wurzeln schlagen.

Intakte Voralpenlandschaft. Die Glocken der Kühe füllen den Bergkessel mit einem altvertrauten, im Mittelland jedoch fast vergessenen Klang. Ein Rehbock huscht mit langen, lautlosen Sprüngen in den lockeren Wald. Viel Altholz liegt hier, tote Bäume dürfen stehen bleiben und werden nicht umgehend entfernt. Es ist ein wertvoller Lebensraum für zahlreiche bedrohte Tiere. Die unscheinbare Moorbinse findet man in der Schweiz praktisch nur in der Umgebung von Sörenberg; auch besonders viele Orchideen gedeihen hier: Knabenkräuter, Sumpf-, Fliegen- und Handwurz, Türkenbund, Feuerlilie und Frauenschuh. Auch Edelweiss, Männertreu und dem sehr seltenen Alpenseidenbast kann man hier begegnen. Und die Landschaft! Sie hat eine Ausstrahlung, wie sie in der Schweiz ausserhalb der Alpen nur noch sehr selten anzutreffen ist. Keine Strasse windet sich über die niederen Pässe, die Waldränder laufen unterhalb der Grate oder um die Moorgebiete natürlich aus, keine Antenne, kein Skilift und auch kein Hotel schmälern das Landschaftserlebnis. Es ist keine spektakuläre, hochalpine Szenerie, aber eine selten intakte, abwechslungsreiche Landschaft der Voralpen.

Das Buch «Wandern und Geniessen in den Schweizer Alpen» von Heinz Staffelbach aus dem AT-Verlag ist als Leserangebot zu einem Vorzugspreis erhältlich.

Wandern im Biosphärenreservat
• Anreise
Von Luzern oder von Bern mit dem Zug bis Schüpfheim, von dort mit dem Postauto nach Flühli und Sörenberg (ein- bis zweistündlich).
• Die schönsten Tageswanderungen
Auf den Böli bei der Schrattenflue: Von der Postautohaltestelle Südelhöchi via Salwideli zum Hof Schlund und südwestlich zur Chlushütte, dann auf den Böli mit Rundsicht auf die Schrattenflue und in die Berner Alpen. Zurück wieder zum Hof Schlund, dann via Stächelegg zur Postautohaltestelle Hirsegg an der Kantonsstrasse. Hinweg zirka 8 km, Aufstieg 800 m, 3 Std. Rückweg etwas kürzer.
Durch die Schrattenflue: Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, auf markierten Wegen die Schrattenflue zu erkunden; zwischen Hengst und Schibengütsch verläuft ein spannender Gratweg. Eine Möglichkeit: Von der Postautohaltestelle Hirsegg über den Hof Schlund auf den Hengst und via Silwängen zurück ins Tal. Rundweg zirka 13 km, Aufstieg 1000 m, zirka 6 Std.
• Mehrtägige Tour
Grosse Schrattenflue-Rundtour: Am 1. Tag in die Chlushütte und allenfalls auf den Böli. Am 2. Tag auf den Grat beim Schibengütsch, weiter zum Hengst und von dort via Hof Schlund zurück ins Tal.
• Übernachten
Es gibt mehrere Hütten und Berggasthäuser im Gebiet der Schrattenflue:
Chlushütte am Fuss des Schibengütsch. 15 Plätze, nicht bewartet, ganzjährig offen. Hüttenchef-Telefon 041 490 33 25, www.sac-entlebuch.ch
Heftihütte des SAC, am Nordende der Schrattenflue. 12 Plätze, nicht bewartet. Für Schlüssel Hüttenchefin kontaktieren: Telefon 034 431 20 24, www.sac-emmental.ch
Berggasthaus Salwideli. Zimmer und Matratzenlager, ganzjährig offen ausser Zwischensaison. Telefon 041 488 11 27, www.berggasthaussalwideli.ch
Bauernhof Salwideli. Zimmer mit Frühstück, ganzjährig offen. Telefon 041 488 15 58, www. bauernhof-salwideli.ch
Alpwirtschaft Schlund. Ganzjährig offen. Telefon 041 488 11 87

Fotos: swiss-image.ch/Gerry Nitsch, Heinz Staffelbach, AT Verlag /www.at-verlag.ch

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