Tief unten
An einem gigantischen Gebirge am Meeresgrund vor der Küste Costa Ricas liegt in 2500 Metern Tiefe eine Art Freilandlabor der Meeresforschung. Der Schweizer Ozeanograf Andreas Thurnherr ist dort den verborgenen Geheimnissen der Tiefsee auf der Spur.
Ein riesiger Kran hievt Alvin über das Achterdeck der Atlantis. Das U-Boot schaukelt einige Minuten auf den Wellen des Pazifiks, dann schluckt der Ozean den klobigen Rumpf, der an einen weissen Elefanten erinnert. Andreas Thurnherr taucht hinunter in die Zonen der geheimnisvollen Meeresströmungen am Grunde des Ozeans. Acht Stunden lang wird er weder essen noch trinken und schon bald nicht mehr wissen, wohin er seine Beine strecken soll in der nur zwei Meter grossen Personenkapsel des Bootes, in die sich auch noch der Pilot und ein zweiter Wissenschaftler krümmen. Noch hat die Luft in der Kapsel tropenwarme 35 Grad Celsius. Mit dem Absinken wird die Temperatur im Tauchboot schnell
Vulkanausbruch in der Tiefsee
Doch das alles ist dem Schweizer Ozeanografen im Moment egal. Thurnherrs Ziel bei dieser ersten Tauchfahrt der von ihm geleiteten internationalen Expedition ist ein erster Augenschein auf dem Meeresgrund. Hier am East Pacific Rise, einem der am besten erforschten Meeresgebirge der Tiefsee, 1000 Seemeilen westlich von Costa Rica, ist vor wenigen Monaten an der Bruchzone zwischen zwei Kontinentalplatten ein Vulkan ausgebrochen. Die Eruption war gewaltig und die Experten befürchten, dass Lava ihr Untersuchungsgebiet zerstört hat. Thurnherr kauert nicht zum ersten Mal in einem Tauchboot. Doch noch nie war sein Tauchziel ein Vulkankrater in 2500 Metern Tiefe.
Nach eineinhalb Stunden geht plötzlich ein leichtes Rumpeln durchs Boot. Alvin hat auf dem Meeresgrund aufgesetzt. Jetzt erst schaltet Pilot Pat Hickey die Scheinwerfer ein. Die fremde Welt besteht für die menschlichen Eindringlinge nur aus der Lichtblase, die ihre Scheinwerfer erzeugen. Die Sicht ist vollkommen klar; man glaubt nicht, unter Wasser zu sein. Dann lässt Pat die Elektromotoren an und langsam schwebt Alvin zwischen den Wänden des Vulkans den endlosen Krater entlang
Der erste Eindruck bestätigt die Befürchtungen der Forscher: Nichts mehr ist zu sehen von der typischen Fauna der heissen Tiefseequellen. Keine Spur von den meterlangen weissen Röhrenwürmern und ihren feuerroten Tentakeln. Auch die Krabben, die hier sonst blind um die heissen Tiefseequellen huschen, fehlen und von den meterhohen Muschelbänken liegen nur noch Schalenfragmente herum. Die Forscher wissen, dass zerstörte Gebiete an den mittelozeanischen Rücken von Tiefseeorganismen neu besiedelt werden. Wie das funktioniert, wissen sie nicht. Die fest gewachsenen Tiere können nicht von anderen Orten her einwandern und ihre Larven können nicht aktiv schwimmen. Langsame Wasserströmungen sind die Hauptverdächtigen in Sachen Larvenverfrachtung. Doch nie zuvor hat jemand diese Strömungen gemessen. Der Ozeanograf Thurnherr hat genau das vor.
Meeresströmungen auf der Spur
Am Abend versammeln sich die 20 Wissenschaftler in der Schiffsbibliothek um Andreas Thurnherr. Bis in die Nacht hinein werden die Experimente der verschiedenen Teams koordiniert. Die Messdaten der kommenden drei Wochen werden zu Modellen führen, die die Besiedlung der Tiefseegebirge erklären. James Ledwell und sein Team planen, das Tiefseewasser mit einer Chemikalie zu markieren, um so die Strömungen zu verfolgen. Die Teams um Monika Bright und Lauren Mullineaux erforschen die Biologie der Tiefseefauna. Andreas Thurnherr selbst versenkt stationäre Messgeräte, die pausenlos Daten senden. Schon vor langer Zeit hat er sich der Erforschung von Meeresströmungen verschrieben. Als er im Alter von sieben Jahren zum ersten Mal ans Mittelmeer kam, waren es dort nicht bunte Fische oder Seevögel, sondern die Wellen, die Bewegungen des Wassers, die ihn faszinierten. Heute ist er einer der führenden physikalischen Ozeanografen am renommierten Lamont Doherty Institute der Columbia University in New York. Erforschung der Meeresströmungen gilt heute als Voraussetzung für die Antwort auf grosse Fragen der Meereskunde. Klimamodelle basieren auf Strömungsanalysen und die Schifffahrt wartet dringend auf verlässliche Prognosen sogenannter «Freak Waves».

Gefährliche Tauchgänge
Ich teile meine Kabine unter Deck mit Yuri, einem smarten Russen. Die Kabine ist klein, bietet keinerlei Komfort und ist nur fürs Schlafen gedacht. Wer will an Bord eines Forschungsschiffes schon viel schlafen, denke ich mir und nehme es gelassen. Schlafräume gibt es auch in den Obergeschossen; doch bei starkem Seegang zahlt man für die bessere Atemluft einen hohen Preis. Denn dann schaukelt es da oben wesentlich stärker als in den Kabinen unter Deck. Yuri ist der einzige Wissenschaftler an Bord, der nicht tauchen wird; weil er es schon probiert hat und weil er seitdem weiss, wie sich die schlimmsten Kopfschmerzen anfühlen, kurz bevor man bewusstlos wird. Nein, sagt Yuri, das sei nicht die Regel, aber bei ihm sei es so gewesen und er wolle das nie wieder erleben müssen. Für Yuris Job ist es auch gar nicht notwendig, selbst hinunterzutauchen. Der Russe wertet mittels einer selbst entwickelten Software Videobilder aus, die Alvin von jedem Tauchgang routinemässig mitbringt. Daraus sollen sehr genaue Karten von der Topographie der Untersuchungsgebiete entstehen, die helfen werden, zukünftige Tauchfahrten noch genauer zu planen.
Am nächsten Morgen sind alle Wissenschaftler am Achterdeck versammelt. Alvin taucht zum zweiten Mal. Auf Schienen gleitet das Boot im Schneckentempo aus seinem Hangar bis zum Heck des Schiffes. Heute muss Jean etwas mehr Alteisen aufs U-Boot packen, denn neben Pilot Gavin Geppard sind zwei leichtgewichtige Wissenschaftlerinnen mit von der Partie. Je nach Körpergewicht der Taucher hängen die Piloten mehr oder weniger Eisen ans U-Boot, damit es von selbst absinkt und dadurch elektrische Energie gespart werden kann. Vor dem Auftauchen wird das Eisen dann abgeworfen und Alvin steigt von selber auf. Jean ist Pit, (Pilot in training), und Pits machen all die Handgriffe, die ein regulärer Pilot nicht mehr machen will. In 40 Jahren haben es nur 35 Pits zum regulären Alvin-Piloten geschafft. Sie sind die Stars der Mannschaft und besonders bei weiblichen Gästen geniessen sie hohes Sozialprestige.

Die Tiefseefauna erholt sich
Heute zwängt sich Monika Bright in die vier Kubikmeter kleine Kapsel von Alvin. Bright kommt aus Wien und damit wie Thurnherr nicht gerade aus einer Gegend, die für Tiefseeforschung steht. Doch die Meeresbiologin kennt die Situation 2500 Meter unter dem Kiel der Atlantis vor dem Vulkanausbruch wie kaum jemand anderer, denn sie war schon achtmal dort unten. Da Tiefseeforschung extrem teuer ist, wird nicht mal hier, mal dort geforscht, sondern man konzentriert sich auf bestimmte Meeresbereiche wie den East Pacific Rise. So werden unzählige Beobachtungen zu einem riesigen Puzzle zusammengetragen. Ziel ist die Erstellung eines repräsentativen Musters, das auf vergleichbare Teile des Meeres übertragbar ist. Dabei hat die Erforschung der Tiefsee gerade erst begonnen. Denn in der Summe ergibt die Fläche der bereits untersuchten Stellen gerade einmal die Grösse einiger Fussballfelder.
Um acht Uhr schwenkt der grosse Kran das Tauchboot übers Heck. Auf Brights Programm steht einerseits das Ausbringen von Messgeräten und Fallen für kleine Organismen; andererseits werden Proben mit lebenden Tieren und Geräte früherer Expeditionen eingesammelt. Die Forscher unterstützen einander, wo immer es geht: «Du sammelst meine Proben vom Untersuchungsort Ty&Io, Tica und Choo Choo, dafür lege ich für dich eine Planktonfalle am Hole to Hell».
Bright ist ausser sich vor Freude. Sie hat befürchtet, nur noch toten Basalt zu finden. Tatsächlich wachsen da und dort aber schon wieder die schönsten Tiefseeorganismen auf dem schwarzen Gestein. Nun gibt sie Gavin Geppard präzise Kommandos. Mit grossem Geschick öffnet Gavin mit den klobigen Greifarmen des U-Boots Sammelbehälter auf der ein Quadratmeter grossen Plattform direkt vor der Hauptluke. Danach platziert er eine Planktonfalle exakt auf dem von Bright gewünschten Felsen. Der Pilot des Tauchboots sitzt dabei rittlings auf seiner Bank. Die Hände an den Instrumenten blickt er angestrengt durch die Hauptluke, vornübergebeugt wie ein Motorradfahrer.
Gebirge in der Tiefe
Mittelozeanische Rücken erstrecken sich über 56 000 Kilometer am Grund der Meere und bilden zusammen die längste Gebirgskette der Erde. Es sind Bruchzonen zwischen auseinanderdriftenden Kontinentalplatten, an denen Lava aus dem Inneren des Erdmantels dringt und sich zu Gebirgen auftürmt. Dies passiert nicht kontinuierlich, sondern durch gelegentliche Vulkanausbrüche in der Tiefsee. Der East Pacific Rise ist ein submariner Gebirgszug, dessen Gipfelgrat entlang einer Kraterkette verläuft und unter anderem die Pazifische von der Nordamerikanischen Platte trennt. Diese Caldera ist maximal 200 Meter breit und durchschnittlich 15 Meter tief. Darin sitzen in Abständen von einigen Metern bis zu vielen Kilometern heisse Quellen wie die Perlen auf einer Kette. Da am East Pacific Rise die Platten mit sechs Zentimeter pro Jahr relativ schnell auseinanderstreben, stehen die heissen Quellen hier dichter als an anderen mittelozeanischen Rücken. Der enorme Druck, mit dem das Meerwasser auf den Meeresgrund drückt, presst Wasser in Leerräume am Boden. In der Umgebung der mittelozeanischen Rücken wird das Wasser erhitzt und tritt mit Mineralstoffen angereichert und bis zu 350 Grad erhitzt aus heissen Quellen, die als «hot vents» bezeichnet werden. Dabei fallen die Mineralstoffe wieder aus und lagern sich teilweise als Schlote, sogenannte «black smoker», rund um die Quellen an. Die Kamine erreichen eine Höhe von 30 Meter und mehr, bevor sie – oft infolge von Vulkanausbrüchen – wieder zusammenbrechen.
Diese hydrothermalen Quellen wurden 1977 entdeckt und mit ihnen eine der seltsamsten Tiergemeinschaften unseres Planeten. Unzählige chemoautotrophe Bakterienarten besiedeln die Schlote. Sie sind fähig, ihren Stoffwechsel alleine durch die Verwertung anorganischer Stoffe und Energiegewinnung anhand chemischer Reaktionen zu betreiben. Symbiosen mit diesen Bakterien erlaubten es wiederum gewissen Muscheln, Krebsen oder Röhrenwürmern organisches Material aus nicht organischem herzustellen und in der Tiefe zu überleben.

Haigefahr
Der Ablauf eines Tauchgangs ist im Vorfeld zwar sehr genau besprochen, doch ein Büschel prächtiger Röhrenwürmer kann schon Grund dafür sein, Pläne zu verwerfen und den Piloten zu drängen, das plumpe Tauchboot in eine Schlucht zu manövrieren, die eigentlich zu eng ist. Selten gehen Piloten auf solche Wünsche ein. Es wäre katastrophal, mit dem Boot stecken zu bleiben oder von herabfallenden Lavabrocken verschüttet zu werden. Die Sauerstoffreserven reichen für drei Tage und Hilfe von einem anderen Tiefseeboot ist in dieser kurzen Zeit kaum zu erwarten. Für den absoluten Notfall befindet sich mitten in der Personenkapsel ein auffallend roter Griff. Legt man ihn um, wird die Kapsel vom Rest des U-Boots abgesprengt und schiesst, sich ständig überschlagend, zur Wasseroberfläche hoch. Der Griff wurde bisher noch nie benützt, doch vermutlich ist der schnelle Aufstieg nur eine andere Art zu sterben.
16 Uhr, Achterdeck: Alvin wird zurückerwartet. Um eine Kollision mit dem Mutterschiff zu vermeiden, taucht Alvin in gut hundert Metern Entfernung auf. Ein Zodiak mit kräftigem Aussenbordmotor springt über die Wellen zum Tauchboot. Nach dem Auftauchen wird Alvin erst mal rundum von zwei Tauchern gecheckt. Die Crew achtet dabei sehr genau auf Haie. Immer wieder werden welche rund um die Atlantis gesichtet. Und wenn Gäste an Bord Spass daran haben, kleine Fische und Kalmare mit Resten von Mahlzeiten zu füttern, werden sie ziemlich barsch aufgefordert, dies zu unterlassen. Denn Haie lernen schnell und Alvin taucht zwei Wochen lang täglich an derselben Stelle.
Früher war es erlaubt, im Meer zu baden, wenn die Atlantis während der stundenlangen Tauchgänge am gleichen Ort lag. Als dann vor wenigen Jahren ein Wissenschaftlerbein an einen Hai verloren ging, war es vorbei mit dem fröhlichen Badespass im Pazifik. Seither gibt es für die Besatzung einen kleinen Pool an Deck.
Auf der Brücke frage ich den Steuermann: «Wie schafft ihr es, das Schiff so genau zu positionieren?» «Global Positioning System», lautet die Antwort. «Wo befindet sich das Schiff gerade», will ich wissen. «Was heisst Schiff», fragt der Steuermann. «Bug, Heck oder Brücke?»
Tauchboote im Dienst der Wissenschaft
Alvin wurde 1963 gebaut, doch mittlerweile bis auf den letzen Teil erneuert. Über 4200 Tauchgänge führten in Tiefen bis zu 4500 Meter. 63 Prozent des Meeresgrundes sind für Alvin theoretisch erreichbar.
Die Personenkapsel ist eine Titankugel mit etwa zwei Zentimeter Wandstärke. Der wesentlich grössere Teil des Bootes besteht aus Batterien, Elektromotoren, Sauerstofftanks, Kohlenstoffdioxid-Absorbern und diffiziler Technik. Weltweit stehen etwa 40 bemannte Tauchboote ganz oder gelegentlich im Dienste der Wissenschaft. Fünf davon können tiefer tauchen als 4000 Meter. Die USA und China bauen gerade zwei Super-Tauchboote für Einsätze deutlich unter 6000 Meter. 99 Prozent des Meeresgrundes werden dann direkt erforschbar sein. Alvin gehört wie das 83 Meter lange Mutterschiff Atlantis der US-Navy und wird von der Woods Hole Oceanographic Institution betrieben
Tauchgang mit Ausbeute
Es dauert eine halbe Stunde, bis Alvin an Deck gehievt wird. Wissenschaftler, die Probematerial erwarten, treten nervös von einem Fuss auf den anderen. Sie wissen: Die gefangenen Organismen sind für solche Unterschiede von Temperatur und Druck nicht geschaffen. Sobald Alvin sicher an Deck steht, stürzen sie sich auf die mitgebrachten Proben wie Piraten auf die Beute.
Florence aus Frankreich erhält Alvinella pompejana. Die Meeresbiologin ist glücklich – die stacheligen, daumendicken Borstenwürmer sind es nicht, denn so richtig wohl fühlen sie sich nur am Fusse der heissen Tiefseequellen bei plus 80 Grad Celsius und einem Druck von 250 bar. So schnell wie möglich werden sie deshalb in ein Druckaquarium übersiedelt, in dem bis zu 300 bar Druck herrscht, etwa 100-mal mehr als in einem Autoreifen. Anderen Tieren, die abseits der heissen Quellen leben, ist es an Deck der Atlantis wiederum viel zu heiss und das Umsetzen in Eiswasser kommt für die meisten zu spät. Sie sind bereits tot. «Aber wir wollen sie ja nicht züchten, sondern ihre Anatomie erforschen», erklärt Monika Bright ihren Mangel an Trauer über das rasche Ableben der Exoten.
Apropos Temperaturwechsel: Amerikaner lieben Klimaanlagen und sie holen das Maximum aus ihnen heraus. Die Anlage in unserer Kabine nennen Yuri und ich den Eiswasserfall. Da Klimaanlagen an Bord der Atlantis zentral gesteuert werden, haben wir keinen Zugriff darauf. Wieder einmal flüchte ich in der Nacht an Deck, wieder einmal treffe ich hier Andreas Thurnherr. An Deck wird jede Nacht gearbeitet und Andreas ist regelmässig dabei. Wann schläft dieser Mann eigentlich? Thurnherr zieht das Messnetz um seine Tiefseeströmungen immer enger. An strategisch wichtigen Punkten lässt er Moorings aussetzen. Das sind lange Kabel bestückt mit Messgeräten, die Daten liefern über Temperatur, Dichte und andere Parameter, die auf Strömungsmuster schliessen lassen. An ihren Schwimmkörpern hängen manche Moorings für Monate im Pazifik herum. Bis die Atlantis wiederkommt, messen sie ohne Unter-lass oder sammeln in raffinierten Planktonfallen Unmengen der kleinsten Meerestiere.
Eine unbekannte Welt
Die nächste Nacht verbringe ich in der Bibliothek. Am Abend zuvor hat mir Andreas Thurnherr gestanden: «Wir kennen die Topografie vom Mars viel genauer als die Topografie der Meeresböden auf der Erde.» Was wissen wir über die Beschaffenheit der Meeresböden? Ich lese nach: Um 1520 senkte Ferdinand Magellan auf Entdeckungsfahrt ein Lot ins Meer. Als es auch in 700 Meter noch keinen Grund fand, erklärte der Seefahrer den Ozean für unendlich tief. Auch wenn sich das als Unsinn herausstellte, hatte man noch lange Zeit überhaupt keine Vorstellung von den Tiefen des Meeres. Sogar Edward Forbes, einer der Pioniere der Meereskunde, hielt im Jahre 1843 den Meeresboden noch für unbelebt und völlig flach.
Die ersten genaueren Daten von der Topografie der Tiefseeböden lieferten dann zahlreiche Echolotungen, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts im Vorfeld der Verlegung der ersten transatlantischen Telegrafenkabel durchgeführt wurden. Abseits der geloteten Tiefen – also nahezu überall – blieb die Vorstellung von der Beschaffenheit der Tiefseeböden aber weiterhin spekulativ. Mit der Ausweitung des Schiffsverkehrs stieg die Zahl der Echolotungen zwar rapide. Als im Jahre 1977 mit der Heezen-Tharp-Karte die erste umfassende Karte vom Meeresgrund erschien, hatte Kartografin Marie Tharp zwar Millionen Echolotdaten in die Darstellung eingearbeitet, aber noch immer weite Regionen intuitiv gezeichnet, wie sie freimütig zugab.
Heute ergänzen Messungen aus dem Weltall die Echolotungen. Satelliten messen Erhebungen des Meeresspiegels, die durch Massenanziehung entstehen. Gebirgsmassen am Meeresgrund ziehen Wassermassen an und je grösser der Berg im Meer ist, desto stärker wölbt sich der Meeresspiegel darüber. Mit Schallwellen lässt sich die Wasser-tiefe gut messen; das gleicht aber die Unbrauchbarkeit von elektromagnetischen Wellen, vor allem von sichtbarem Licht, in der Meeresforschung nicht aus. Bereits vor Jahren stöhnte J. Frederick Grassle, ein Pionier der Meereskunde: «Mit den Methoden, wie sie der Tiefseeforschung zur Verfügung stehen, hätte man an Land nicht mal die Elefanten entdeckt.»
8000-jöhrige Korallen
Man vermutet, dass 100 000 sogenannte «Seamounts» in den Weltmeeren stehen. Wo genau, weiss niemand. Rund um solche submarinen Seeberge führen komplizierte Strömungen Nährstoffe nahe an die Wasseroberfläche und fördern so das Wachstum von Algenplankton. Die angeregte Primärproduktion ist Grundlage für ein lokales Nahrungsnetz rund um diese Inseln unter Wasser. Davon profitieren auch Lebewesen, die man bis vor Kurzem nur aus tropischen Gewässern kannte und nie in der Tiefsee vermutet hätte: Korallen. Bei Wassertemperaturen von 12 Grad Celsius und darunter stehen in norwegischen Gewässern Stöcke von riffbildenden Korallen mit einer Gesamtausdehnung von rund 2000 Quadratkilometern. Bis in 4000 Meter Tiefe besiedeln Tiefseeriffe Kontinentalhänge und «Seamounts». Manche Teile dieser ökologischen Juwelen sind 8000 Jahre alt. Immer mehr Korallenbänke wurden in letzter Zeit entdeckt, sogar im Mittelmeer nahe der Insel Malta. Ein Gürtel von Tiefseekorallen zieht auch vom Nordostatlantik entlang des westeuropäischen Kontinentalsockels bis nach Westafrika. In seinen Dimensionen ist dieser Riffgürtel mit dem Great Barrier Reef vor Australiens Küste vergleichbar. Der Fischreichtum an den «Seamounts» ist eine enorme Gefahr für dieses vielfältige Ökosystem. Radikales Fischen mit Grundnetzen führt zu grossflächigen Zerstörungen – und niemand weiss, ob sich die langsam wachsenden Bestände davon je wieder erholen.
Heimtückische Untiefen
Am Morgen des elften Expeditionstages lehnen einige Wissenschaftler und rauchende Matrosen an der Reling und diskutieren. Meeresströmungen sind ihr Thema und dass diese in der Nähe von Gebirgen am Meeresgrund für den Seemann oft unberechenbar seien. Etwa an den geheimnisvollen Seebergen, die aus der Tiefe ragen, manche bis knapp unter die Wasseroberfläche. Jeff, der erste Maschinist der Atlantis, der nur zum Essen und Rauchen an Deck kommt, erzählt vom U-Boot San Francisco, das in der Südsee bei voller Fahrt gegen einen Berg im Ozean gekracht ist. Auf den offiziellen Karten der Navy war dieser Seamount nicht eingezeichnet. Die Kollision war so heftig, dass ein Matrose starb und die halbe Mannschaft sich Verletzungen zuzog.
Beim vorletzten Tauchgang steht einer der Höhepunkte der Expedition auf dem Programm: das sogenannte Tracer-Release-Experiment. Die stationären Messgeräte an den Moorings sind in Stellung. Jetzt ist Brian Guest aus Jim Ledwells Team an der Reihe und bringt eine Art mobiles Messsystem in die Tiefsee. Aus einer Düse versprüht er drei Kilogramm Schwefel-Hexafluorid in der Caldera.
Für den nachfolgenden Job wird Pat als Pilot ausgewählt. Mit 600 Tauchgängen verfügt er über die meiste Routine. Und die ist gefragt, wenn es darum geht, den Markierungsstoff möglichst gleichmässig zu verteilen. Die ungefährliche Chemikalie ist selbst in unvorstellbar geringer Konzentration noch nachweisbar. Wochen später wird Brian wiederkommen, Wasserproben nehmen und darin das Hexafluorid messen. Die Verteilung wird Aufschluss über Strömungsmuster geben. Zusammen mit den Daten aus Thurnherrs Messgeräten werden sie mitentscheidend sein für die Berechnung der Larvenbewegungen in der Tiefsee.
Letzter Tag im Untersuchungsgebiet
Nach dem Tracer Release hört man in Gesprächen an Deck immer öfter Worte wie Festland, Mexiko, Bier. Immer seltener erwischt man einen freien Platz an den Computern, die via Satellit mit dem Internet verbunden sind. Pat unterhält ein begeistertes Publikum mit Kunststücken. Mit den klobigen Greifarmen des Tauchboots zündet er ein Streichholz an.
Nur Andreas Thurnherr lässt die Spannungskurve nicht durchhängen. Selbst als es beginnt ununterbrochen zu regnen, steht der Expeditionsleiter an Deck und kümmert sich um die Messgeräte. Wegen hohen Seegangs wird der letzte Tauchgang abgeblasen. Die Atlantis stampft gegen immer höhere Wellen Richtung Nordost. Zwischen uns und dem mexikanischen Zielhafen Manzanillo dreht sich ein gewaltiger Hurrikan. Die See wird rauer, zum ersten Mal lassen Leute Mahlzeiten aus und verschwinden mit bleichen Gesichtern in den Kabinen. Für die Crew ist das Alltag. Dennoch ändert Kapitän Chiljean den Kurs und weicht dem Sturm grossräumig aus.
Zum Abschluss gibt es ein grosses Fest in der Hafenstadt Manzanillo. Bei reichlich Cerveza und Tequila bedanke ich mich im Namen aller Landratten beim Kapitän für das Ausweichmanöver um den Hurrikan. Seine Antwort kommt trocken: «Der wahre Grund für das Ausweichen war ein anderer: Alvin steht nicht sehr fest in seinem Hangar und das Ding gehört der US-Navy. Die Jungs wären ziemlich sauer, würden wir ihren kleinen Liebling nicht heil zurückbringen.»
Autor
Andreas Laschober, geboren 1961 in Wien, ist freiberuflicher Journalist. Der studierte Biologe und Publizist ist für verschiedene Magazine tätig, schreibt Drehbücher und führt Regie für Dokumentarfilme, unter anderen für das Schweizer Fernsehen, National Geographic und den ORF.
Internet
• www.die-tiefsee.de
• www.tiefsee.de
Literatur
• Claire Nouvian: «The Deep – Leben in der Tiefsee»,
Knesebeck Verlag 2006, Fr. 75.90
• Rehder und von Neuhoff: «Expedition Tiefsee»,
Franckh-Kosmos Verlag, Fr. 28.90
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