Tabletten futtern

Sabine Hurni | Ausgabe_09_10_2015

Das Angebot an gesunden Nahrungsmitteln war noch nie so gross wie heute. Trotzdem boomt der Markt an Nahrungsergänzungen: ein Überblick.

Steht man bei Migros oder Coop vor den Regalen mit Gesundheits- und Wellnessprodukten, könnte man meinen, in einer Drogerie oder Apotheke zu sein: Das Angebot an Nahrungsergänzungsprodukten ist so gross wie noch nie. In Orange, Blau und Grün springen dem Konsumenten Schlagworte wie Kalzium, Magnesium, Hirse und Kieselsäure entgegen. Wer erst kürzlich etwas über die Wichtigkeit von Kalzium für die Knochen gelesen hat, wird zugreifen. Vorbeugen ist schliesslich die beste Medizin, so der Tenor der Gesundheitsfachleute. Die frei verkäuflichen Gesundheitsprodukte haben jedoch mit zielgerichteter Prävention nicht viel zu tun. Nahrungsergänzungen sind, etwas salopp ausgedrückt, konzentrierte  Lebensmittel in Form von Tabletten, Kapseln, Flüssigkeiten oder Pulvern. Sie sind als sogenannt neuartige Lebensmittel dem Lebensmittelgesetz unterstellt.

Es ist verlockend, ein günstiges Mineralstoffpräparat beim Grossverteiler zu kaufen. Nur, die vermeintlich gesunde Nahrungsergänzung enthält oft Zusätze wie Aroma- und Farbstoffe, Füllmittel, Zucker, Säuerungsmittel oder Süssstoffe.

Beratung ist wichtig

Eine Zufuhr von Nährstoffen wie Vitamine, Mineralstoffe, essenzielle Fettsäuren und hochwertige Aminosäuren ist dann wichtig, wenn jemand aufgrund seiner Lebenssituation, einer Disposition für bestimmte Krankheiten oder wegen gesundheitlichen Beschwerden einen erhöhten Bedarf an Nährstoffen hat. Leidet eine ansonsten gesunde Person an Beschwerden wie Wadenkrämpfe, Knieschmerzen oder Haarausfall, reicht der Griff zu einer Nahrungsergänzung oft nicht aus, um die Erkrankung zu lindern. Sie benötigt zur Veränderung ihrer gesundheitlichen Situation eine Fachberatung und ein Präparat mit medizinischer Zweckbestimmung.

Für eine Herstellerfirma ist es attraktiv, ihr Produkt über das Lebensmittelgesetz als Nahrungsergänzung zu deklarieren. Die Zulassung als Heilmittel ist ein langwieriger Prozess, und die Wirksamkeit des Produktes muss durch repräsentative Studien belegt sein. Gerade kleine Firmen im Naturheilkundebereich verfügen nicht über die nötigen finanziellen Mittel, um solche Studien durchzuführen. Sie verkaufen ihre Präparate wie Fischöl, Schwarzkümmelöl, Grünlippmuschelextrakt oder Hagenbuttenpulver als Lebensmittel oder Nahrungsergänzung und können so die Hürde des Heilmittelgesetzes umgehen.

Die Qualität zählt

Im Fachhandel ist der Übergang zwischen Heilmittel und Nahrungsergänzung fliessend. Nahrungsergänzungen werden im Fachgeschäft oft gleichwertig wie Heilmittel behandelt. Schliesslich ist die Wirksamkeit der meisten über diesen Kanal vertriebenen Nahrungsergänzungen ebenfalls mit kleineren Studien und Erfahrungsberichten unterlegt. Denn keine Fachperson verkauft ein Präparat, hinter dem sie nicht stehen kann.

Solche Studien führen zuweilen aber zu zusätzlicher Verwirrung: Die Firma A testet ihren patentierten Hagenbutten- oder Grünlippmuschelextrakt und lässt sich so die Wirksamkeit ihres Produktes bestätigen. Sämtliche Nachahmerprodukte beziehen sich danach auf diese Testergebnisse, obwohl die Qualität der Ausgangsprodukte nicht automatisch identisch ist mit jener der Firma A. Das Grünlippmuschelpulver vom Internetanbieter hat nicht dieselbe Wirkung wie jenes, das im Regal einer Apotheke oder Drogerie steht. Dies jedoch nicht, weil weniger Pulver enthalten ist.

Der Grund für die Qualitätsunterschiede sind verschiedene Verarbeitungsmethoden. Weil die Firma A die Verarbeitung ihres Produktes patentieren lässt, müssen Nachahmer auf andere Verarbeitungsmethoden ausweichen. Dabei gehen relevante Bestandteile verloren. Und dort, wo Magnesium drauf steht, ist garantiert Magnesium drin, aber nicht unbedingt in der richtigen Qualität. Magnesiumpräparate aus dem Supermarkt oder Internet enthalten in der Regel Magnesiumoxid. Eine anorganische Verbindung, die vom Körper schlecht aufgenommen wird. Nicht so bei den teuren Präparaten im Fachhandel. Diese enthalten andere Magnesiumverbindungen, damit die gesamte im Produkt enthaltene Magnesiummenge für die Muskeln und Nerven verfügbar ist.

Wegen der unterschiedlichen Gesetzesgrundlagen bestimmt nicht der Inhaltstoff, ob ein Produkt Nahrungsergänzung, Lebensmittel oder Heilmittel ist, sondern der Hersteller. Der Konsument sollte beim Kauf von Tabletten, Pulvern und Kapseln aus Supermarkt und Internet einen kritischen Blick auf die Deklaration der Inhaltsstoffe werfen. Im Zweifelsfall ist der höhere Preis im Fachhandel meist doch jeden Franken wert. 

Nährstoffempfehlungen in verschiedenen Lebensabschnitten
• Kindheit und Jugend
Der Nährstoffbedarf von Teenagern zwischen 12 und 16 Jahren ist höher als der von Erwachsenen. Da es eine Herausforderung darstellt, einen jungen Erwachsenen zu gesunder Ernährung zu bewegen, sind Mineralstoff- und Vitaminpräparate sinnvoll. Ganz elementar sind Kalzium und Magnesium. Kalzium ist in Käse, Joghurt und Sojabohnen gut vertreten. Magnesium in Vollkorngetreide, Sonnenblumenkernen und Nüssen.
Diese Nährstoffe sind wichtig *
• Kalzium 600 Milligramm
• Magnesium 300 Milligramm
• Eisen 10 bis 20 Milligramm
• Zink 10 bis 20 Milligramm
Hinweis: Je mehr Kalzium in jungen Jahren in den Knochen deponiert wird, desto mehr Reserven haben die Knochen im Alter. Achten Sie beim Kauf eines Kalziumpräparates darauf, dass das Kalzium aus möglichst natürlichen Quellen stammt, also organisch ist und neben Kalzium auch Magnesium, Vitamin D3 und Vitamin K2 enthalten sind.
• Sportler
Wer viel schwitzt, muss genug trinken und sich die mit dem Schweiss verlorenen Elektrolyten wieder zuführen. Der Bedarf an Nährstoffen hängt allerdings stark von der Sportart und dem Ausmass der Trainingseinheiten ab. Unterversorgt sind oft die ambitionierten Hobbysportler, die über Mittag trainieren und danach ein Sandwich verschlingen
Diese Nährstoffe sind wichtig *
• Zink 30 bis 60 Milligramm
• B-Vitamine (Thiamin, Riboflavin, Niacin, B6, B5) je 25 Gramm
• Magnesium 400 Milligramm
• Protein 15 bis 20 Gramm
• Vitamin C 1 bis 3 Gramm
Hinweis: In erster Linie sollten Sportler eine ausgewogene Ernährung anstreben, die alle wichtigen Nährstoffe enthält. Erst danach kann man sich Gedanken machen über Substanzen wie L-Carnitin oder Creatin, welche die Ausdauer und Kraftübertragung verbessern.
• Senioren
Ältere Menschen essen allgemein weniger, während gleichzeitig die Nährstoffaufnahme über den Darm nachlässt. Sehr wichtig sind im Alter deshalb frisches Gemüse und Obst. Zudem Vollkornprodukte mit Ballaststoffen und hochwertige Eiweissquellen wie mageres Fleisch oder Fisch.
Diese Nährstoffe sind wichtig *
• Zink 10 bis 15 Milligramm
• Magnesium 400 bis 600 Milligramm
• Kalzium 1 bis 2 Gramm
• Vitamin C 500 bis 1000 Milligramm
• Selen 100 bis 200 Mikrogramm
• Vitamin B12 5 bis 100 Mikrogramm
• Vitamin D 10 bis 20 Mikrogramm
• Vitamin K 100 bis 500 Mikrogramm
Hinweis: Medikamente können die Aufnahme von Vitaminen und Nährstoffen beeinträchtigen. Ein weiteres Problem ist nicht die Unterversorgung mit Nährstoffen, sondern die Überversorgung an Körpermasse. Das heisst das Gewicht. Lassen Sie die Finger von Appetitzüglern und Fettverbrennern. Reduzieren Sie lieber die Kohlenhydrate, fettreiche Lebensmittel, Zucker und Alkohol.
• Schwangerschaft und Stillzeit
Schwangere und Frauen, die es werden möchten, haben einen erhöhten Bedarf an Nährstoffen. Sie müssen darauf achten, dass ihre Mahlzeiten täglich aus Obst, Gemüse, Vollkorngetreide, Milchprodukten und Proteinquellen besteht. Für den erhöhten Bedarf an Kalzium müssen dreimal täglich Käse, Joghurt, Quark, frische Kräuter und Sesamsamen auf den Tisch kommen. Damit das Eisen nicht fehlt, braucht es Fleisch, Fisch und Brokkoli, am besten abgeschmeckt mit frischem Zitronensaft. Vor der Empfängnis darf Folsäure nicht fehlen. Die Einnahme von Folsäure wird bereits in der Schwangerschaftsplanung empfohlen.
Diese Nährstoffe sind wichtig *
• Mehrfach ungesättigte Fettsäuren 25 bis 30 Gramm
• Omega-3-Fettsäuren 3 bis 6 Gramm
• Nahrungsfasern 25 bis 30 Gramm
• Folsäure 0,6 Milligramm
• Eisen 30 Milligramm
• Kalzium 1200 bis 1500 Milligramm
• Magnesium 600 bis 800 Milligramm
• Zink 15 bis 20 Milligramm
Hinweis: Der Bedarf an Nährstoffen ist in der Schwangerschaft zwar hoch. Mit hoch dosierten, frei zu kaufenden Nahrungsergänzungen sollte die schwangere Frau aber trotzdem vorsichtig sein. Es ist besser, den Körper neben der Ernährung mit gut abgestimmten Kombipräparaten aus dem Fachhandel zu unterstützen.

*Täglich empfohlene Menge

Quelle: DACH-Referenzwerte für Nährstoffzufuhr www.sge-ssn.ch/grundlagen/lebensmittel-und naehrstoffe/naehrstoffempfehlungendachreferenzwerte/

Fotos: istockphoto.com


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