Süsse Träume
Öko-Lisa hat einen neuen Parasiten entdeckt – den schlafenden Mann. Er, und nicht die Milben, raubt Frauen die verdiente Nachtruhe.
Obwohl kaum entjungfert, ist für mich 2010 zu einem guten Teil schon gelaufen, die Frage nach dem Unwort des Jahres leider bereits in den ersten Januartagen von der Verhaltensforschung abschliessend beantwortet. Was auch immer die nächsten elf Monate noch an sprachlichen Stilblüten hervorbringen mögen: «Schlafhygiene» ist definitiv nicht zu toppen. Klingt nach einer 90-Grad-Kochwäsche für die süssesten aller Träume mit anschliessendem Auswringen im Turbo-Schleudergang.
Dabei will «Schlafhygiene» genau das Gegenteil, nämlich Gewohnheiten und Umstände benennen, die für einen «tüüferen» und damit noch gesünderen Schlafsorgen. Proklamiert wird bequeme (nicht aber zwingend unattraktive!) Nachtbekleidung. Und ganz wichtig: ein trockenes Bettklima. Letzteres hat nichts mit einer allfälligen Blaseninkontinenz zu tun, sondern mit dem Umstand, dass der Mensch während der Nacht bis zu 700 Milliliter Feuchtigkeit absondert. Sprich: Wir schwitzen! Das freut in erster Linie die Hausstaubmilben, die in feuchten Matratzen idealste Lebensbedingungen vorfinden.
Fehlgeleiteter Mutterinstinkt
Doch nicht, was sich im Polster drin rührt, raubt uns Frauen nach neusten Erkenntnissen der Wissenschaft den Schlaf, sondern das, was neben uns liegt: die Männer! Schlafhygiene technisch betrachtet sind sie unter die Parasiten einzuordnen, profitieren von unserer Anwesenheit unter der Daunendecke, während sie bei uns vor allem eines provozieren: Schlaflosigkeit. Potenzielle Mütter, die wir alle sind, reagieren unbewusst auf jede seiner Regungen. Dabei braucht er (besonders nach übermässigem Alkoholgenuss) noch nicht einmal zu Röhren wie ein Hirsch, es reicht schon ein Zucken mit dem Fuss oder der Hand – schon sind wir wach. Gegen diesen Urinstinkt ist kaum anzukommen. Glücklich deshalb jedes wohlbehütete Baby, das mühelos seine zwanzig Stunden täglich vor sich hinnuckeln kann, während sich bei Mama der angeborene Schlaf-wach-Rhythmus mit zunehmendem Alter immer instabiler gestaltet.
Raus aus dem Tiefschlaf
Im nächtlichen Wachliegen eine gesundheitliche Bedrohung zu orten, wäre indes genauso falsch, wie zu fettes Essen oder intensives Fernsehen vor dem Schlafengehen. Wachliegen ist nur für diejenigen Menschen ein Problem, die eines daraus machen, sagen Experten und verweisen auf den Amerikaner Randy Gardner, der mit elf durchwachten Tagen und Nächten den Weltrekord im Schlafentzug innehält. Erhöht wird durchs Nicht-Schlafen lediglich der Schlafdruck, was dazu führt, dass wir, wenn müde genug, wieder effektiver schlafen – vorausgesetzt wir erwischen das optimale «Einschlaffenster». Wer es verpasst, muss sich nicht darüber wundern, plötzlich wieder hellwach zu sein, obwohl eben noch todmüde.
Aber auch das kann sein Gutes haben, zwar nicht in Sachen «Schlafhygiene», aber doch immerhin für den zwischenmenschlichen Bereich – vorausgesetzt, das männliche Wesen an unserer Seite lässt sich nochmals liebevoll aus der Tiefschlafphase zurückholen.
Die Autorin
Die Journalistin und Moderatorin Nicole Amrein hat mehrere satirische Frauenromane und Romanserien verfasst, darunter einige Bestseller. Jeden Monat gewährt uns die Bernerin mit spitzer Feder einen unterhaltsamen und intimen Blick ins Tagebuch von Öko-Lisa. Mehr unter www.nicoleamrein.ch
Illustration: Manuela Lanfranconi, Foto: vince42 / flickr / cc
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