Sturm im Kopf

Text und Fotos: Andreas Walker | Ausgabe_04/2017

Wir sind ununterbrochen vom Wetter umgeben und damit auch von ihm beeinflusst. Einige Menschen spüren dies kaum, andere reagieren bei einem Wetterumschwung mit diversen Symptomen.

@ Andreas Walker

Umwelteinflüsse werden immer mehr zum Thema. Fast könnte man meinen, sie seien eine Erfindung unserer Zeit und früher habe es diese Einflüsse nicht gegeben. Dabei ist die Menschheit seit eh und je, sind wir alle in jedem Augenblick dem Umweltfaktor «Wetter» ausgesetzt. Von Zeit zu Zeit wird uns dies bewusst, etwa, wenn es in einem Gespräch heisst: «Der Föhn drückt wieder, ich spüre es an meinem Kopfweh» oder «Meine Gelenke schmerzen, bald wird es Schnee geben».

Der Begriff Wetterempfindlichkeit tauchte bereits im 9. Jahrhundert in einem Gesetzestext auf. Es wurde derjenige bestraft, der einem Gegner im Streit Wunden zufügte, die «wetterempfindliche Narben» hinterliessen. Goethe (1749–1832) erwähnte in einem Brief, dass er bei hohem Barometerstand besser arbeiten könne, als bei niedrigerem. Humboldt (1769–1859) umfasste 1844 den Klimabegriff soweit, dass die Wirkungen der Elemente der Atmosphäre nicht nur für die organische Entwicklung der Gewächse und die Reifung der Früchte, sondern auch für die Gefühle, ja die Seelenstimmung des Menschen wichtig sei. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begannen Ärzte nach Gründen dieses Phänomens zu suchen. Es ist ihnen aufgefallen, dass an bestimmten Tagen gleichartige Krankheitssymptome gehäuft auftraten. Das Thema fand auch Interesse in der modernen Forschung. Durch die Vernetzung von Medizin und Meteorologie entstanden neue Wissenschaftszweige: die Medizinmeteorologie und die Bioklimatologie. Trotz inzwischen einiger gelüfteter Geheimnisse, bleiben noch viele Rätsel; denn Mensch und Wetter sind zwei sehr komplexe Systeme – ihre Vernetzung ist dementsprechend kompliziert.

Ein Sammelsurium von Faktoren.
Es zeigt sich immer mehr, dass eine Vielzahl meteorologischer Faktoren die Menschen beeinflusst. Dazu gehören unter anderem die Luftfeuchtigkeit, Luftbewegungen (Windgeschwindigkeit), Luftdruckschwankungen, verschiedene Formen der Sonneneinstrahlung (insbesondere das UV-Licht), Infrarotstrahlung, Reizung durch Spurenelemente und Luftverschmutzung, Schallwellen, Luftionisation, elektrostatische und elektromagnetische Felder, Geruchsreizung und viele andere. Mit dieser reichhaltigen Palette von meteorologischen Einflüssen wird so gut wie jeder Teil des menschlichen Organismus erreicht. Hauptsächlich jedoch Haut, Atmungsorgane, Nase, Augen und das zentrale Nervensystem.
 
Nicht jeder Mensch leidet unter dem Wetter. Und es gibt nicht nur wetterempfindliche und wetterunempfindliche Menschen – die Übergänge sind fliessend. Man unterscheidet drei Gruppen: Bei den Wetterreagierenden passt sich der Organismus unbemerkt den wechselnden Wetterbedingungen an. Sie verspüren in der Regel keine Beschwerden. Wetterfühlige Menschen merken, wenn sich das Wetter ändert. Manche klagen über Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Herzklopfen oder Blutdruckbeschwerden. Die Wetterempfindlichen haben im Laufe ihres Lebens Krankheiten und Verletzungen erlitten, die sie gegenüber dem Wetter besonders empfindlich machen. So können beispielsweise alte Operationsnarben oder Knochenbrüche bei Wetteränderungen schmerzhafte Empfindungen hervorrufen.

Reaktionen auf extreme Wetterwechsel. In Bezug auf das meteorologische Geschehen betrachtet, leben wir in einem äusserst abwechslungsreichen Land. Unsere Breiten sind geprägt vom Durchzug der Tiefdruckwirbel, die an der Polarfront entstehen und in einer Abfolge von verschiedenen Wetterphasen innert kürzester Zeit Wetterwechsel verursachen, die im Extremfall einem Klimawechsel von den Subtropen in polare Breiten entspricht. Solche Änderungen verursachen dann auch die häufigsten Beeinträchtigungen. Meinungsumfragen haben ergeben, dass sich über die Hälfte der Bevölkerung durch das Wetter in ihrem Wohlbefinden gestört fühlt. Dabei bieten selbst vollklimatisierte Räume keinen Schutz vor Wetterbeschwerden.

Der Durchzug eines Tiefdruckgebietes ist von verschiedenen typischen Wetterphasen begleitet, die mit den entsprechenden Befindlichkeitsstörungen verbunden sind. Ein mitten über unser Land ziehender, noch junger Tiefdruckwirbel bringt eine Abfolge von sechs Wetterphasen mit sich: abbauendes Hochdruckgebiet, Warmfrontaufzug, Warmfrontdurchgang, Warmsektor, Kaltfrontdurchgang, Rückseitenwetter. Nicht immer ist ein Tief derart klassisch ausgeprägt, dass alle Wetterphasen klar erscheinen. In vielen Fällen werden wir auch nur von einer Störung gestreift, deren Ausläufer uns gerade noch erreicht. In solchen Situationen verschmelzen einige Wetterphasen übergangslos ineinander oder fallen sogar weg.

Macht uns das Wetter krank? Ist es normal, dass unser Körper auf verschiedene Wetterlagen mit regelrechten Krankheitssymptomen reagiert? Oder anders gefragt: Muss uns das Wetter zwangsläufig krank machen? Als wetterfühlig werden Menschen bezeichnet, die Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Sonnenlicht, elektroklimatische Verhältnisse und andere Wetterfaktoren verstärkt wahrnehmen und übermässig darauf reagieren, in der Regel negativ. Vermutlich spielen dabei auch elektrische Ladungen eine Rolle, die bei Luftmassentransporten und -überlagerungen erzeugt oder verschoben werden.

Wetterbedingte Beschwerden unterscheiden sich klar von «normalen Krankheiten». Obwohl der Betroffene ganz erheblich darunter leidet, kann der Arzt keine krankhaften Veränderungen an den betreffenden Organen nachweisen. Wetterbedingte Beschwerden müssen somit als Symptom eines geschwächten Organismus gesehen werden, der nicht mehr in der Lage ist, die verschiedenen Veränderungen zu kompensieren. Ebenso weiss man heute, dass unser vegetatives Nervensystem die Wetterreize wie eine Antenne aufnimmt.

Ein gesunder und seelisch stabiler Mensch kann die Wetterreize weitgehend ausgleichen. Er leidet nicht spürbar darunter. Wetterempfindlichkeit tritt erst dann auf, wenn die natürliche Anpassung an das Wetter durch Krankheiten oder ungesunde Lebensgewohnheiten gestört wird. Eine vollwertige Ernährung, viel Bewegung an der frischen Luft und weitere Massnahmen, die den menschlichen Körper und die Psyche positiv unterstützen, sorgen für ein natürliches Gleichgewicht und helfen dem Menschen bei seiner natürlichen Anpassung an das sich ständig verändernde Wetter.

Der Föhn – ein Spezialfall.
In Bezug auf Wetterfühligkeit gibt es zweifellos keinen grösseren Sündenbock als den Föhn. Diesem warmen, trockenen Fallwind, der stetig wehen, aber auch böig sein kann, wird so ziemlich alles angelastet, was im Sammelsurium der Wetterleiden kursiert. Der Wissenschaftler sieht die Sache aber anders. Der Föhn selbst ist bei Weitem nicht so schlimm wie die meisten Menschen glauben. Häufig jedoch werden die gehäuften Wetterbeschwerden, die auf der Vorderseite einer Warmfront auftreten, dem Föhn zugeschrieben, weil solche Wetterlagen vom Wolkenbild und vom Wettercharakter her manchmal dem Föhn ähnlich sind. Ein anderer Grund, wofür der Föhn als Bösewicht herhalten muss, ist viel komplizierter.

Bei einer winterlichen Föhnlage gleitet der Föhn im Mittelland oft auf den Kaltluftsee auf, der in Form von Nebel sichtbar ist. Dann beginnt der Nebel sichtbar zu wogen und zu kochen: Der Föhn erzeugt Wellen im Kaltluftsee, ähnlich einem Wind, der Wellen in einem Wassersee erzeugt. Wetterfühlige Menschen spüren besonders diese Phase des Ausräumens des Kaltluftsees, denn die Kaltluftwellen erzeugen kleine aber schnelle Luftdruckschwankungen – und die können dem menschlichen Körper zu schaffen machen und das Wohlbefinden spürbar stören. Greift der Föhn schliesslich voll durch bis zum Boden, lassen häufig auch die Beschwerden nach. Dieses Phänomen bewirkt, dass die schlimmsten Föhnleiden nicht in den klassischen Föhntälern registriert werden, sondern vor allem in Regionen, wo der Föhn auf den Kaltluftsee aufgleitet – also im Mittelland.

Der Föhn verursacht jedoch nicht nur Leiden. Im Gegenteil, es soll Leute geben, die in einen regelrechten Föhnrausch versetzt werden oder in jenes «süsse Föhn eber», wie es Hermann Hesse beschreibt: «Es gibt nichts Seltsameres und Köstlicheres als das süsse Föhnfieber, das in der Föhnzeit die Menschen der Bergländer und namentlich die Frauen überfällt, den Schlaf raubt und alle Sinne streichelnd reizt. Das ist der Süden, der sich dem spröden, ärmeren Norden immer wieder stürmisch und lodernd an die Brust wirft und den verschneiten Alpendörfern verkündigt, dass jetzt an den nahen purpurnen Seen Welschlands schon wieder Primeln, Narzissen und Mandelzweige blühen.»

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