Stimmungshoch
Johanniskraut hilft durch trübe Wintertage. Das Antidepressivum aus der Natur wirkt ebenso gut wie chemische Präparate.
Die trübe Jahreszeit ist da und löst bei manchen Menschen depressive Verstimmungen aus. Zur Aufhellung des verdüsterten Gemüts werden als vorübergehende Behandlung gerne Johanniskrautpräparate empfohlen. Die traditionell bedeutsame Pflanze steht wegen ihrer Phänomenologie sinnbildhaft für das Sonnige. Johanniskraut (Hypericum perforatum) blüht dann, wenn die Sonne am höchsten am Firmament steht: zur Zeit der Sommersonnenwende. Wer eine Blüte pflückt und diese zerreibt, erlebt eine Überraschung. Blutroter Pflanzensaft tritt aus und färbt die Finger. Auf der Kleidung lässt sich die Farbe nur schlecht entfernen.
Den Teufel austreiben
Schon wegen ihres roten Saftes beschäftigten sich Heilkundige seit Tausenden von Jahren mit dem Johanniskraut. Die Pflanze trug viele Namen, die auf den Gebrauch in der Volksheilkunde schliessen lassen. Im vorchristlichen Mittelalter hiess sie beispielsweise Mannskraft oder Hexenkraut und es wurden daraus, gemischt mit starkem Met, Liebestränke gebraut. Verliebte gaben diese dem Menschen ihres Herzens zu trinken, um dessen Desinteresse auszutreiben und
die Liebe zu entfachen.
Zur Zeit der Sommersonnenwende wurde die Pflanze jeweils zu Schutzzwecken gepflückt. Denn gerade dann, so dachten die Menschen damals, waren gute wie böse Geister unterwegs, um Schabernack mit den Menschen zu treiben. Das Tragen eines Johanniskrautzweigs schützte gegen die unerwünschten Anfeindungen dieser Mächte.
Im christianisierten Europa waren für die Pflanze neue Namen gebräuchlich. In der Eifel zum Beispiel nannte man sie Herrgottsblut, in Ostpreussen Christusblut oder in Nordböhmen Maria Bettstroh. Die heidnisch-magischen Rituale wurden durchaus beibehalten – allerdings eher um damit Hexenspuk und Teufelsmächte auszutreiben. Volkssagen berichten darüber, wie beispielsweise Kinder mit Hilfe des Johanniskrauts aus den Fängen des Teufels errettet werden konnten.
Allheilmittel für die Hausapotheke
Als Medizin ist das Johanniskraut seit Menschengedenken im Einsatz. Erstmals schriftlich festgehalten wurde dies im 1. Jahrhundert n. Chr. von Dioskurides, dem berühmten Arzt des Altertums. In seiner Arzneimittellehre unterscheidet er vier Hypericum-Arten (Hartheu, Hyperikon, Askyon oder Androsaimon) und gibt detaillierte Angaben zu deren Einsatz, wobei sich die Indikationen ähneln. Johanniskraut habe eine harntreibende und der Same, in einem Zäpfchen eingelegt, eine menstruationsfördernde Kraft, schreibt er. Mit Wein getrunken vertreibe es dreitägiges Fieber, Samen über vierzig Tage eingenommen heilten Ischias und die Blätter samt Samen als Umschlag Brandwunden. Laut Dioskurides kann Johanniskraut gallige Unreinheit vertreibenund Umschläge werden verwendet, um Blut zu stillen oder Brandwunden zu heilen.
Im Mittelalter findet Paracelsus (1493–1541) überschwängliche Worte für die Wirkungen des Johanniskrauts: «Es ist gar nicht möglich, dass eine bessere Arznei für Wunden in allen Ländern gefunden wird», schreibt er und empfiehlt es bei Quetschungen, Brüchen oder als äusserlich schmerzlinderndes Mittel. Die Pflanze sei auch hilfreich gegen «Krankheiten ohne Corpus und Substanz» wie zum Beispiel bei «tollen fantaseien, die Menschen in verzweiflung bringen».
Auch der Kräuterpfarrer Sebastian Kneipp (1821–1897) hielt viel vom Johanniskraut und wandte es als Allheilmittel an. Ihm lag die medizinische Versorgung der armen Bevölkerung besonders am Herzen und die Pflanze bot ihm dabei viele Möglichkeiten. So liess sich Johanniskrautöl einfach für die eigene Hausapotheke selbst herstellen. Dieses Rotöl empfahl er äusserlich zur Behandlung von Hexenschuss, rheumatischen Erkrankungen, Gicht oder Verrenkungen. Zur inneren Anwendung, um Leibschmerzen zu kurieren, verordnete Kneipp 6 bis 8 Tropfen Johanniskrautöl auf Zucker. Tee aus getrockneten Blüten und Blättern verabreichte er bei leichter Verschleimung
von Brust, Lunge oder bei Magendrücken.
Das Oleum Hyperici wird auch heute noch gerne äusserlich als Wundheilmittel zur Behandlung und Nachbehandlung von Verletzungen, Muskelschmerzen, Muskelkater, Überbeanspruchung bei Haltungsschäden, Wundliegen oder bei Verbrennungen ersten Grades genutzt. Rotöl kann in Drogerien oder Apotheken gekauft werden
Zubereitung von Rotöl
• 20 bis 30 Johanniskraut-Blüten kurz hinter dem Köpfchen abpflücken und ungewaschen und ganz in ein Weckglas oder eine Flasche mit breitem Hals geben. 300 Milliliter gutes Sonnenblumen- oder Olivenöl über die Blüten giessen.
• Gefäss gut verschliessen und 4 Wochen an einen warmen, sonnigen Ort aufstellen. Das Gefäss einmal pro Woche langsam drei bis viermal auf den Kopf und wieder zurückdrehen. Mit der Zeit nimmt das Öl eine blutrote Farbe an.
• Am Ende werden die Blüten aus dem Öl gefiltert. Dazu eignet sich ein Kaffeefilter oder ein sehr feines Sieb. Das fertige Rotöl in eine dunkle Flasche umfüllen und lichtgeschützt aufbewahren. Es ist ein Jahr haltbar.
Gut für die Nerven
Im 18. Jahrhundert tauchen die ersten Beschreibungen über den Gebrauch von Johanniskraut bei Nervenschwäche auf. So empfahl es 1742 Johann Wilhelm Weinmann in der Phytanthoza iconographia, denn es «stärcket das sämtliche Nerven-Werck». Der Berner Naturarzt Albrecht von Haller (1708–1777) beschreibt es als hilfreich zur Behandlung von Melancholie. Als Gerhard Madaus 1938 sein umfassendes Werk «Lehrbuch der biologischen Heilmittel» verfasst, nimmt er auch die Fachmeinungen zeitgenössischer Kollegen auf. So berichtet er, dass sich in neuerer Zeit einige Ärzte für die Anwendung des Johanniskrauts einsetzten, beispielsweise als ausgesprochenes Nervenmittel, das bei hysterischem Nachtwandeln, Somnambulismus, Kopfschmerzen heilkräftig sei.
1984 wurde Hypericum perforatum von einer Kommission des deutschen Bundesgesundheitsamtes als wirksam monographiert, später ebenso von der European Scientific Cooperative on Phytotherapy. In der Schweiz sind zahlreiche Johanniskraut-Präparate zur Behandlung gedrückter Stimmung, Stimmungslabilität und Spannungszuständen zugelassen.
Teezubereitung
1 bis 2 Teelöffel getrocknetes Johanniskraut mit 150 Milliliter (mittlere Teetasse) 60 Grad Celsius heissem Wasser überbrühen und nach 5 bis 10 Minuten absieben. Da einer der wichtigen Wirkstoffe, das Hypericin, temperatur- und lichtempfindlich ist, sollten höhere Temperaturen vermieden werden.
Unseriöse Wirksamkeitsstudien
Zur medikamentösen Standardtherapie der Schulmedizin bei Depressionen gehören vor allem Lithium, trizyklische und nichttrizyklische Antidepressiva sowie selektive und nicht-selektiv wirkende Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Die Antidepressiva-Verordnung ist jedoch in die Kritik geraten. So stellte die amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) 2004 fest, dass die Studienlage, der von der Industrie eingereichten Anträge für eine Zulassung von SSRI, ausgesprochen mangelhaft war. Von insgesamt 72 bewerteten Studien wurde bei jenen 38, die den SSRI eine positive Wirkung zuschrieben, nur eine nicht veröffentlicht; bei den 36 Studien mit negativem Ergebnis wurden jedoch 22 überhaupt nicht veröffentlicht. Damit ergab sich eine verzerrte Beurteilungsgrundlage für die tatsächliche Wirksamkeit der SSRI.
Weiter kritisierte die FDA die bewusste Verschleierung von Nebenwirkungen. Verschiedene Wissenschaftler fordern deshalb, dass die Wirkung und Sicherheit aller chemischen Antidepressiva mit Ausnahme von Lithium im Rahmen korrekt durchgeführter Studien erneut nachgewiesen werden müssen.
Für viele Ärzte sind standardisierte Johanniskraut-Präparate bei leichten bis mittelschweren depressiven Störungen eine ernstzunehmende Alternative für die chemisch-synthetischen Antidepressiva, nicht zuletzt wegen deutlich geringerer Nebenwirkungen und der hohen Akzeptanz von Pflanzenheilmitteln bei den Patienten. Der Einsatzbereich der Phytopharmaka umfasst meist die Verordnung bei saisonaler Depression zur Aufhellung der Stimmung oder bei leichten bis mittelschweren Depressionen. Fertigpräparate aus Trockenextrakten sind die Mittel der Wahl, wobei je nach Schweregrad der Depression eine Dosierung von 300 bis 600 Milligramm Trockenextrakt pro Tag verschrieben wird.
Botanik
Das Johanniskraut (Hypericum perforatum) gehört zur Familie der Johanniskrautgewächse. Im Erdreich ist sie mit einer spindelförmigen, reichästigen Wurzel verankert und deshalb robust und widerstandsfähig. Sie schätzt trockene, kalkhaltige Böden und ist nur an sonnigen Standorten anzutreffen. Sie kann bis zu einem Meter hoch werden. Ihre Stängel sind aufrecht, im oberen Teil ästig, mit vielen kurzen Stielen besetzt, an denen Blätter wie Blüten sitzen.
Das Johanniskraut blüht in Mitteleuropa von Juli bis September. Im Herbst entwickelt die Pflanze eiförmige, bis zu zehn Millimeter lange Kapselfrüchte. Hypericum perforatum kann leicht mit den eng verwandten Spezies Hypericum hirsutum, H. maculatum, H. montanum, H. tetrapterum verwechselt werden. Diese Arten kommen oft nebeneinander vor und neigen zur Bastardisierung.
Johanniskraut – die pflanzliche Alternative?
Um die Wirksamkeit des Johanniskrauts darzulegen, haben viele Hersteller von entsprechenden Präparaten Studien durchgeführt. Dabei schnitt die Wirkung von Johanniskraut gegenüber Placebosubstanzen meist besser ab. Sie realisierten zudem aufwändige klinische Studien zum Wirkungsvergleich von chemischen Standardtherapeutika und Pflanzenheilmittel und konnten nicht selten die Gleichwertigkeit von pflanzlichen und synthetischen Präparaten bei leichten und mittelschweren Depressionen zeigen. Doch die Kritik an chemisch-synthetischen Antidepressiva trifft auch die Beurteilung pflanzlicher Präparate.
Denn wenn Standard-Antidepressiva nicht viel taugen, ist auch der Nachweis einer Wirkung von Johanniskraut-Präparaten nicht gerade aussagefähig. Hinzu kommen weitere Erschwernisse. Nach wie vor ist nicht klar, welche Inhaltsstoffe von H. perforatum eigentlich für die antidepressiven Effekte verantwortlich sind. Die Bedeutung des bisher im Vordergrund stehenden Inhaltsstoffs Hypericin wird zunehmend angezweifelt. Zudem fordern schulmedizinisch orientierte Wissenschaftler neue und sinnvolle Standardisierungen der Extrakte, um so überhaupt vergleichbare Behandlungen durchführen zu können.
Interessenfreie Forschung nötig
Das englische Cochrane-Netzwerk, eine unabhängige Institution von Wissenschaftlern und Ärzten, die weltweit Übersichtsarbeiten zur Bewertung medizinischer Therapien auf Grundlage wissenschaftlicher Publikationen vornimmt, fand in einer Metaanalyse zur Studienlage bei der antidepressiven Wirkung von Johanniskraut heraus, dass etliche Autoren finanziell nicht unabhängig gearbeitet hatten. In grösseren, methodisch einwandfreien Studien, welche die Wirkung von Präparaten anhand der Hamilton-Depressionsskala ermittelten, zeigte sich ein zwar statistisch signifikanter, aber dennoch nur sehr geringer Vorteil von Johanniskraut gegenüber Placebowirkstoffen.
Das fragwürdige Vorgehen rund um die Erforschung von Antidepressiva zeigt auch, dass die Zulassungsbedingungen von chemisch definierten Präparaten einer dringenden Überarbeitung bedürfen. Es zeigt, dass eine unkritische Anlehnung an schulmedizinische Kriterien zum Nachweis der Wirkung pflanzlicher Arzneien in methodische oder inhaltliche Sackgassen führen kann. Nötig wären grosszügige Investitionen, um Inhaltsstoffe und Wirkweisen pflanzlicher Präparate interessenfrei zu erforschen. Das wäre ganz im Sinn der Bevölkerung, die nach wie vor Wert auf nebenwirkungsarme und heilwirksame Phytotherapeutika legt.
Nebenwirkungen
Durch die Einnahme von Johanniskrautpräparaten kann eine Lichtempfindlichkeit auftreten, eine intensive Sonnenbestrahlung sollte deshalb vermieden werden. Es sind auch Magen-Darm-Beschwerden möglich sowie allergische Reaktionen mit Hautausschlag, Juckreiz, Müdigkeit oder Unruhe. Das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic informiert zudem, dass Johanniskraut möglichst nicht zusammen mit verschiedenen Arzneimitteln verwendet werden soll wie zum Beispiel Antikoagulanzien, Immunsuppressiva, oralen Kontrazeptiva oder antiviralen Medikamenten.
Bilder: FOTOLIA
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