Sterbende begleiten

Hansjörg Erny | Ausgabe 9 - 2008

Der Arzt Roland Kunz lindert das Leiden unheilbar kranker Menschen. In Affoltern am Albis baut er ein überregionales Zentrum für Palliative Care auf.

Jeden Morgen um halb sieben schwingt sich Roland Kunz auf sein Fahrrad, fährt von seinem Wohnhaus in Tagelswangen nach Effretikon, nimmt dort die S-Bahn bis Hedingen, wo er wieder aufs Velo wechselt und zum Bezirksspital Affoltern am Albis radelt – ein Arbeitsweg von fünf Viertelstunden. Am Abend, nach gut zehnstündiger Arbeit, geht es auf die gleiche Weise zurück. «So kann ich Abstand gewinnen, die Privat- und die Arbeitswelt trennen», sagt der 53-Jährige. Seit letztem Jahr ist der Vater von drei Kindern nun Chefarzt für Geriatrie und Palliativmedizin in Affoltern. Zuvor hatte er am Spital Limmattal eine Palliativstation aufgebaut. Zudem ist er unter anderem Dozent für Palliativmedizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich.

Was ist Pallative Care?
Unter Palliative Care wird die umfassende Behandlung und Betreuung von Menschen mit unheilbaren, lebensbedrohlichen oder chronisch fortschreitenden Krankheiten verstanden. Ihr Ziel ist es, den Patienten eine möglichst gute Lebensqualität bis zum Tod zu ermöglichen. Dabei soll Leiden optimal gelindert und entsprechend den Wünschen des Patienten sollen auch soziale, seelisch-geistige und religiös-spirituelle Bedürfnisse berücksichtigt werden. Qualitativ hoch stehende Palliative Care ist auf professionelle Kenntnisse und Arbeitsweisen angewiesen und erfolgt soweit möglich an dem Ort, den der Patient sich wünscht. Ihr Schwerpunkt liegt in der Zeit, in der Sterben und Tod absehbar werden, doch ist es oft sinnvoll, Palliative Care vorausschauend und frühzeitig, eventuell bereits parallel zu kurativen Massnahmen einzusetzen.

Geborgenheit geben

Arbeit von Roland Kunz ist belastend, denn er wird bei allem, was er tut, mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert, mit Schmerz, Angst und Verzweiflung. «Es kommt vor, dass ich in der Nacht noch lange wach liege, wenn Patienten ein schwieriges Sterben erleben und ich ihr Leiden nicht wirklich lindern kann», erzählt er. «Klar denke ich oft auch ans eigene Lebensende. Man kann sich nicht auf die Beziehungen zu Sterbenden einlassen, ohne nicht über den eigenen Tod nachzudenken.»

Wie eng der Kontakt zu den Patienten ist, bekommen alle zu spüren, die den Arzt auf der täglichen Visite begleiten: Wenn der Doktor kommt, vergessen viele Patienten für eine Weile ihre Not, die Gesichter hellen sich auf, ein Gefühl der Geborgenheit ergreift sie. Immer wieder spendet Kunz aufmunternde Worte und geht auf individuelle Wünsche ein. Nach dem Rundgang folgen intensive Teambesprechungen, der Austausch der Erfahrungen und Beobachtungen aller Beteiligten, denn Teamwork ist das A und O in der sogenannten Palliative Care. «In diesem Team sollte es meiner Meinung nach keine Hierarchie geben», meint Kunz, «allein der Patient soll bestimmen, wer ihm am meisten helfen kann, wer seine engste Bezugsperson im Spital sein soll. Für den einen ist es der Mediziner, für den andern die Pflegefachfrau, für den dritten der Seelsorger.»

Kunz, ein Pionier der Palliative Care, nimmt den lateinischen Ausdruck «palliare» (den Mantel umhängen) wörtlich und tut alles, um die Beschwerden seiner unheilbar kranken Patienten zu lindern und ihnen menschliche Zuwendung zu geben. Er hat die Arbeit mit alten Menschen schon als junger Arzt als sehr befriedigend erlebt und erkannt, dass sich die Mediziner in der Schweiz zu wenig überlegen, wie das Leben Todkranker erträglicher gemacht werden kann. Die Mängel in der Betreuung Schwerstkranker haben ihn angespornt, sich fortan ganz dieser Aufgabe zu widmen.

Mehr als Schmerzbekämpfung

Freilich ist die Schmerzbekämpfung in der Palliativmedizin ein Hauptpfeiler, doch sind in der Betreuung auch die sozialen, seelisch-geistigen und religiös-spirituellen Bedürfnisse der Patienten zu berücksichtigen – der Mensch als Einheit von Körper, Seele und Geist. «Wir bieten psychologische Hilfe an», berichtet Kunz, «wir arbeiten zum Beispiel mit einem Psychotherapieteam zusammen, das auch im Sinne der Ausdruckstherapie arbeitet». Der Patient kann seine Gefühle etwa mit Musik und mit Malen ausdrücken.

Auch die Alternativmedizin hat in der Palliative Care des Bezirksspitals Affoltern ihren Platz. Es gibt viele Krebspatienten, die sich parallel zur Schulmedizin für anthroposophische Methoden entscheiden. Andere kombinieren Homöopathie oder Akupunktur mit der Schulmedizin, auch Aromatherapie wird gelegentlich angewendet. Für die Komplementärmedizin zieht Geriater Kunz externe Spezialisten zu: «Wir bilden uns nicht ein, alles zu können.»

Abschiedsort Villa Sonnenberg

Verschiedene Erhebungen zeigen, dass die meisten Menschen am liebsten zu Hause sterben möchten, doch im Kanton Zürich zum Beispiel kann dieser Wunsch nur knapp einem Fünftel erfüllt werden. Roland Kunz weiss, dass Spitalzimmer für Menschen, die am Ende des Lebens stehen, kein idealer Wohnraum sind. Deshalb hat er sich dafür eingesetzt, dass die 140 Jahre alte Villa Sonnenberg, nur ein paar Schritte vom Spital entfernt gelegen, zu einem Zentrum für Palliative Care eingerichtet wird, zu einer der sieben vom Kanton Zürich projektierten Einrichtungen.

Der Umbau kostet rund sieben Millionen Franken, wovon der Kanton Zürich knapp die Hälfte übernimmt, der Rest soll durch Darlehen, Legate und Spenden zusammenkommen. Bis zum Frühjahr 2009 sollen neun wohnliche Zimmer mit zwölf Betten entstehen. Die Villa liegt in einem von alten Bäumen umstandenen Park, von dessen Terrasse aus bei klarem Wetter das ganze Alpenpanorama überblickt werden kann. Ein passender Ort zum Abschiednehmen.

Können sich Todkranke überhaupt noch an etwas freuen? Haben Sie noch Wünsche? Roland Kunz berichtet von einer Krebspatientin, die sich sehnlichst wünschte, noch einmal ihren Geburtsort im Südtirol zu besuchen. «Wir konnten ihre Symptome soweit einstellen, dass sie die Reise zusammen mit ihren Kindern unternehmen konnte. Nach ein paar Tagen kehrte sie überglücklich zurück.» Oft sind es kleine Dinge, die Freude bringen. Das kann etwa der Lieblingskuchen sein, den Angehörige mitbringen. Wenn der Patient auch kaum einen Bissen herunter bringt, den Kuchen nur schon zu sehen, zu riechen, kann ihnen viel bedeuten.

Auslüften beim nächtlichen Spaziergang

Ein enger Kontakt mit den Angehörigen ist für Kunz zentral. Es ist für ihn daher selbstverständlich, dass diese jederzeit im Zimmer des Patienten übernachten können. «Ein grosser Teil der Patienten findet eine gewisse Versöhnung mit dem Schicksal und stirbt schliesslich friedlich», berichtet er. «Es sind die Angehörigen, die häufig mehr leiden.»

Rund 2000 Menschen hat der Palliativmediziner bis jetzt beim Sterben begleitet. Viele waren Mitglied einer Sterbehilfeorganisation, doch keiner habe, so betont Kunz, in seinen letzten Tagen den Wunsch geäussert, mit Hilfe dieser aus dem Leben zu scheiden. «Das ist für mich ein Beweis, dass mit einer guten Palliative Care der Wunsch nach Sterbehilfe schwindet. Mit Suizid beschäftigen sich die Patienten nur dann, wenn sie keine Alternative kennen.»

Kunz bespricht mit jedem Patienten die Möglichkeiten, wie dieser allenfalls aus eigener Kraft, durch eigene Entscheide das Ende schneller herbeiführen kann. «Man kann den Tod befördern, indem man im Einverständnis mit dem Patienten Medikamente absetzt, wie es zum Beispiel kürzlich ein blinder Zuckerkranker getan hat. Als er genug hatte, verzichtete er auf die Insulinspritzen und starb innert zweier Tage friedlich.

Wenn Chefarzt Kunz am Abend wieder aufs Velo steigt, ist die Tagesarbeit noch nicht restlos erledigt. Nach dem Abendessen setzt er sich zu Hause oft nochmals an den Schreibtisch, erledigt Arbeiten für die Schweizerische Gesellschaft für Palliativmedizin, deren Co-Präsident er ist, schreibt Artikel für Lehrbücher oder bereitet Vorträge vor. Und wenn Mitternacht nicht mehr weit ist, treibt es ihn nochmals hinaus an die frische Luft, zum Auslüften, wie er es nennt: ein Spaziergang zusammen mit seiner Frau Angelika und den beiden Hündinnen.

Bilder: © Dominique Schütz

Tags (Stichworte): GesundheitKrebsPalliativmedizinPflegeSterben

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