«Sönd willkomm»

Philipp Bachmann | Ausgabe 04 - 2010

Über 500 Kilometer weit zieht sich der Alpenpanorama-Weg vom Bodensee nach Genf. Hier gibt es viel zu entdecken – zum Beispiel die wunderbare Melancholie des Appenzellerlandes.

Der Alpenpanorama-Weg hält, was er verspricht: viel Aussicht auf die Gipfel der Alpen, aber auch auf die Hügel der Voralpen, das weite Mittelland und den Jura. In 30 Tagesetappen führt die ganze Route quer durch die Schweiz, von Rorschach am Bodensee durch das Appenzellerland, das Toggenburg, die Linthebene, die Zentralschweiz, das Emmental, das Schwarzenburger- und das Greyerzerland, an den Gestaden des Lac Léman und schliesslich in die Metropole Genf. Jede dieser Etappen kann selbstverständlich für sich allein erwandert werden, das gilt auch für die nachfolgenden zwei Etappenvorschläge durch das Appenzellerland.

Äussere und Innere Rhoden

«Small is beautiful» heisst der inofízielle Slogan der Appenzeller, denn nichts ist klein genug, um es nicht noch kleiner zu machen. Angefangen beim Appenzeller Staatsgebilde, das nach der Reformation im 16. Jahrhundert gemäss dem konfessionellen Territorialitätsprinzip in zwei kleine Halbkantone geteilt wurde, und aufgehört bei den niedrigen Stuben, die für die sprichwörtlich kleinen Appenzellerinnen gezimmert wurden.

Trotz der Trennung in zwei Halbkantone überwiegen die Gemeinsamkeiten der beiden Appenzell bei Weitem: Überall ist das Land hügelig und mit Einzelhöfen «bespickt». Überall fahren rote Appenzeller Bahnen. Überall gibt es «Stobete» (Volksmusikanlässe in kleinsten Wirtschaften), und überall pflegen die Menschen denselben hintergründigen Witz. Einzig die Landsgemeinde wird seit 1997 nur noch in Innerrhoden abgehalten.

Der (ehemalige) Ausserrhoder Landsgemeindeplatz in Trogen wird von der barocken Dorfkirche und einer Reihe stattlicher Bürgerhäuser der Textilhandelsfamilie Zellweger eingesäumt. Von hier führt die rund vier Stunden dauernde Etappe der Alpenpanorama-Route zum Pestalozzi-Kinderdorf hinauf, wo seit 1946 Waisenkinder aus kriegsversehrten Gebieten aufgenommen werden. Danach geht es bergauf zur «Höchi Bueche». Eine Buche sucht man auf diesem prächtigen Aussichtspunkt allerdings vergeblich. Dafür gibt es ein Gasthaus mit einer grossen Terrasse.

Über einen breiten, aussichtsreichen Geländerücken wird das Dorf Bühler erreicht, an dessen Hauptstrasse eine Reihe typischer Appenzeller Häuser stehen. Schon beim Aufstieg zum Übergang Saul wird die Innerrhoder Grenze überschritten, und bald zeigt sich das Ziel dieser genussvollen Wanderstrecke, der weite Talkessel von Appenzell.

Der Hauptort von Appenzell Innerrhoden zählt knapp 6000 Einwohner. Er beherbergt neben der kantonalen Verwaltung mehrere Schulen, ein Spital, etwas Industrie und Gewerbe und viele Wirtschaften mit prächtig gestalteten Wirtshausschildern.

Auf dem Barfussweg

Die anschliessende Etappe führt von Appenzell weiter nach Urnäsch. Und eigentlich könnte man die Schuhe gleich zu Hause lassen, denn der Weg führt häufig über Wiesen und Matten. Uralte Wegrechte verlaufen nicht selten quer über die Wiesen, ohne dass jemals ein befestigter Weg gebaut worden wäre. Das war auch gar nicht nötig, solange man zu Fuss zur Arbeit oder – wie es die Tradition vorgibt – zur Landsgemeinde ging. Sitte war in der Ostschweiz auch das Barfussgehen, und zwar nicht nur bei Kindern. An diese Tradition knüpft der «Barfussweg» an, der von Gontenbad nach Jakobsbad führt und auf dieser Strecke mit dem Alpenpanorama-Weg übereinstimmt. Unterwegs erhalten die Barfussgänger Gelegenheit, sich mit den Regeln des Golfspiels auseinanderzusetzen – die Route führt unmittelbar am Golfplatz Gonten vorbei – das «Toobe»-Museum zu besichtigen – in einer Holzhütte wird über das Torfstechen von anno dazumal informiert – und sich daraufhin in einem Fussschlammbad zu vergnügen, was nicht nur den Kindern Spass macht.

Ein weiterer Höhepunkt für Gross und Klein ist die Station Jakobsbad. Wer nicht mit der Seilbahn auf den Kronberg fahren will, kann sich bei der Talstation auf der Sommerrodelbahn und im attraktiven Seilpark vergnügen. Für ruhigere Gemüter gibt es im Hotel Kurhaus Jakobsbad etwas Feines zu essen und zu trinken. Noch ruhiger ist es im benachbarten, aber nicht zugänglichen Kräutergarten des Klosters Leiden Christi, wo Kapuzinerschwestern medizinische Heilkräuter anpflanzen.

Von Jakobsbad aus zieht sich der Weg sanft an- und absteigend weiter nach Urnäsch hin, dem Endziel der Etappe. Wer Urnäsch sagt, denkt wohl zuerst an die Silvesterkläuse, die am 13. Januar, dem alten Neujahr, in urchigen Trachten und mit schweren Treicheln durch die winterliche Landschaft ziehen. Doch Urnäsch bietet mehr als nur diesen mittlerweile weltberühmten Brauch. Auch in der übrigen Jahreszeit gibt es hier viel im Alltag integriertes Brauchtum zu entdecken – und manche Stobete, an der man die fast orientalisch anmutende Eigenart der Appenzellermusik kennenlernen kann.

Erste Etappe
Trogen–Appenzell
• An- und Rückreise: Das Appenzell ist von Gossau und St. Gallen aus mit Bahn und Bus dicht erschlossen
• Distanz: 13,4 Kilometer
• Wanderzeit: 4 Stunden
• Höhenunterschiede: Aufstieg 590 Meter, Abstieg 715 Meter
• Schwierigkeitsgrad: mittel
• Karte: 1:50 000, T 227 Appenzell
• Übernachtungsmöglichkeiten/Infos: www.appenzellerland.ch
Zweite Etappe
Appenzell–Urnäsch
• An- und Rückreise: siehe Erste Etappe
• Distanz: 13,2 Kilometer
• Wanderzeit: 4 Stunden
• Höhenunterschiede: Aufstieg 455 Meter, Abstieg 405 Meter
• Schwierigkeitsgrad: leicht
• Karte: 1:50 000, T 227 Appenzell
• Übernachtungsmöglichkeiten/Infos: www.appenzellerland.ch

Fotos: swiss-image.ch/Renato Bagattini und Christof Sonderegger


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