So nicht!

Rita Torcasso | Ausgabe 1 - 2009

Fremdenfeindliche Sprüche im Zug, eine Schlägerei vor der Bar, Belästigungen auf der Strasse – und niemand reagiert. Zivilcourage ist keine Gabe, die man einfach besitzt. Den Mut zum Eingreifen kann man aber lernen.

Situationen, in welchen Zivilcourage Leben retten, machen Schlagzeilen. September 2006. Paolo Dibartolo hört in seiner Wohnung Schreie von der Strasse und sieht durchs Fenster, wie ein Mann mit einem Messer auf eine Frau losgeht. Er rennt nach draussen, stellt sich vor den jüngeren und grösseren Mann und fordert ihn auf, aufzuhören. «In einem solchen Moment soll man nicht nachdenken, sondern einfach handeln», sagt der 77-Jährige. Für seine mutige Tat erhielt er den Prix Courage des «Beobachters». «Ich habe sofort den Arm des Täters blockiert und liess ihn dann nicht mehr aus den Augen.» Auf die erste Aufforderung, das Messer fallen zu lassen, habe der Täter zwar innegehalten, doch dann das Messer von Neuem gezückt, schildert Dibartolo. «Erst als ich laut sagte, jetzt sei es genug,  liess er das Messer fallen und wartete dann ohne Widerstand, bis die Polizei eintraf.»

Auf der Polizeiwache wurde Dibar-tolo ermahnt, dass sein Verhalten gefährlich gewesen sei. Er meint dazu: «Ich hatte die Situation unter Kotrolle.» Auf die Frage, warum er sich dessen so sicher sei, antwortet er: «Es gab schon andere Situationen, in welchen ich das geübt habe.» So habe er zum Beispiel einmal im Tram eingegriffen, als ein Vater sein Kind zu schlagen begann. Bestimmt sagt Dibartolo: «Ich habe Übergriffe nie toleriert.»

Grundregeln beim Eingreifen
Zur Bewältigung kritischer Situationen empfiehlt die Polizei diese Verhaltensregeln:
• Sich einen Überblick verschaffen
• Täter immer siezen, ihn nicht beleidigen und ihn nicht anfassen, auch nicht, um ihn zu beruhigen
• Öffentlichkeit herstellen (laute Stimme bis Schreien, Überraschendes tun)
• Bei einer Schlägerei auf Abstand bleiben und nicht eingreifen
• Verbündete gewinnen; andere Personen mit einem konkreten Auftrag ansprechen
• Notrufsystem betätigen und das dem Täter laut sagen
• Sich Merkmale des Täters einprägen
• Im Bus, im Tram vorne beim Fahrer sitzen
• Mentale Vorbereitung: mögliche Situationen in Gedanken durchspielen

Zivilcourage ist lernbar

Solche Szenen provozieren die Frage: Wie hätte ich mich verhalten? Dass viele Menschen auch bei viel unspektakuläreren Übergriffen nicht eingreifen, ist nicht Feigheit, sondern Unsicherheit und Angst. «Deshalb ist es wichtig zu wissen, dass man Zivilcourage trainieren kann», sagt Veronika Brandstätter, Professorin an der Universität Zürich. Sie entwickelte das «Zürcher Zivilcourage-Training».

Frühling 2008. Zwölf Personen nehmen am Training teil. An einer Pinwand sind selber erlebte Situationen aufgelistet. Die Teilnehmerin Danielle Friedli erzählt: «Ich wohne in einem Stadtkreis, in dem Pöbeleien im Tram häufig sind.» Aus Unsicherheit habe sie bisher jeweils den richtigen Moment zum Eingreifen verpasst und sei untätig geblieben. «Danach blieb aber immer ein Unbehagen.» Dann hatte sie ein Schlüsselerlebnis: Ein guter Freund wurde von einer Jugendgang krankenhausreif geschlagen und überlebte nur, weil zwei Passanten ihn sofort ins Spital brachten. «Da wurde mir klar, dass ich selber handeln können wollte», erklärt die 38-jährige Konferenzdolmetscherin ihre Motivation für das Training.

«Zivilcourage soll Schranken setzen»
Veronika Brandstätter-Morawietz, Leiterin des Fachbereiches Motivationspsychologie an der Universität Zürich, erforscht, wie Zivilcourage entsteht und wie sie gefördert werden kann. Ihre Erfahrung zeigt, dass es in jeder Situation ein Mindestmass von Eingreifmöglichkeiten gibt.

Warum wählten Sie als Forschungsthema Zivilcourage?
Ganz am Anfang stand ein persönliches Erlebnis. In meiner damaligen Nachbarschaft in München wurde ein Mann von Rechtsradikalen fast zu Tode geprügelt. Ich finde es wichtig, dass die Forschung auch ein praktisches Interesse hat. Ich möchte damit zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen beitragen.

Welches ist Ihre wichtigste Erkenntnis?

Wir wissen heute, dass sich Zivilcourage trainieren lässt. Viele Menschen möchten sich einmischen, tun es dann aber doch nicht. Mit unserm Training helfen wir, die Kluft zwischen der Einstellung und dem Verhalten zu überbrücken. Als Erstes muss man für sich selber klären, wo die eigene Toleranzschwelle liegt.

Warum konzentriert sich das Thema Zivilcourage vor allem auf Situationen im öffentlichen Raum?
Sie widerspiegeln am augenfälligsten, wie eine Gesellschaft das Zusammenleben organisiert. Zivilcourage soll Schranken setzen, das heisst klarmachen, dass Verstösse gegen allgemeingültige Wertvorstellungen nicht toleriert werden. Das ist natürlich auch in andern Bereichen so: bei Misshandlungen von Kindern, Ehefrauen und alten Menschen, bei Mobbing am Arbeitsplatz oder bei der Entdeckung von rechtswidrigem Verhalten. Wir sind jetzt daran, das Training auf solche Situationen auszuweiten.

Welche Rolle spielt die Erziehung?
Es ist wichtig, mit Kindern anhand von Beispielen konkreter Erlebnisse wie zum Beispiel die Ausgrenzung eines Kindes über ihr Verhalten zu reden. Die Erfahrung, dass es in jeder Situation ein Mindestmass von Eingreifmöglichkeiten gibt, ist ein erster entscheidender Schritt

Verschiedene Möglichkeiten zu handeln

Das Training dauerte zwei Tage. Nach dem Abschluss sagt Danielle Friedli: «Ich bin mir sicher, dass ich jetzt viel eher eingreifen werde.» Sie habe viel darüber gelernt, was es brauche, um bei einem Übergriff schnell und angemessen reagieren zu können. Durchgespielt wurden Alltagssituationen: rassistische Sprüche, Belästigung von Frauen im Tram, Pöbeleien von Jugendlichen. Angepasst an die Situation wurde in Rollenspielen geübt, was man tun kann. «Für mich war es auch sehr interessant zu erfahren, wie unbewusste Wertungen das Eingreifen verhindern», sagt Friedli.

Eine nachgestellte Situation war, dass zwei Männer im Bus eine Frau belästigen. «Es gibt immer verschiedene Möglichkeiten zu reagieren», betont die zierliche Frau: Mitfahrende ansprechen, sich hinter das Opfer setzen, es ansprechen oder ihm die Hand reichen, den Buschauffeur alarmieren usw. «Man lernt in der Simulation, was man sich selber zutrauen will und kann.»

Eine wichtige Rolle in brenzligen Situationen spielen Verbündete. Um jemanden blitzschnell einzubeziehen, braucht es Gespür. «Es zählen Dinge wie eine fremde Person auf Augenhöhe und mit kurzen Sätzen anzusprechen», erklärt Friedli. Trainiert wird auch, laut zu schreien, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Einige wichtige Grundregeln helfen, die Selbstgefährdung möglichst gering zu halten. «Wissen stärkt», sagt sie. Mit ihrer Freundin, die ebenfalls am Training teilnahm, bildet sie nun eine Lernpartnerschaft. «Wir tauschen uns regelmässig aus, mit welchen Erfahrungen wir das Gelernte im Alltag anwenden.» Wie würde Danielle Friedli Zivilcourage definieren? «Es ist der Mut, zum eigenen Urteil zu stehen.»

Kurse wirken

Sergio Casucci absolvierte das Training vor zwei Jahren als Teil seines Psychologiestudiums. Heute arbeitet der 41-jährige als Berufsberater und als Trainer in Zivilcourage-Kursen. «Zivilcourage verlangt viel mehr, als einer fremden Person eine Hilfeleistung anzubieten», betont er. «Man greift ungefragt in eine Situation mit Tätern und Opfern ein, ohne zu wissen, was das auslöst.»
So könne es vorkommen, dass man selber zur Zielscheibe des Angreifers werde.

In einer solchen Situation helfe es, die verschiedenen Reaktionsmuster von Tätern, Opfern und Drittpersonen zu kennen. Im Training werden diese bewusst reflektiert und man erlebt sich in allen drei Rollen. Aus dem Training habe er für sich selber vor allem die Erfahrung mitgenommen, dass es einem Sicherheit gebe, sich mit den eigenen Gefühlen und Reaktionen in einer bedrohlichen Situation auseinandergesetzt zu haben. Dadurch lasse man sich emotional weniger vereinnahmen und rücke von sich und den eigenen Ängsten ab.

Für seine Abschlussarbeit an der Universität untersuchte Sergio Casucci die Wirksamkeit des Zivilcourage-Trainings. Die Resultate sind ermutigend. Teilnehmende schätzten im Vergleich mit einer Kontrollgruppe ihre Zivilcourage und die Bereitschaft zum Handeln höher ein. Sie waren belastbarer und reagierten in simulierten Angriffssituationen schneller und angemessener. «Und es zeigte sich, dass sie im Alltag tatsächlich häufiger als andere aktiv handeln», so der Psychologe. Unterdessen werden Zivilcourage-Trainings auch ausserhalb der Universität angeboten. Geplant ist zudem, Jugendliche in den Schulen für das Thema zu sensibilisieren.

Kleine Schritte gefragt

Eine möglichst reale Konfrontation mit Zivilcourage bieten die «StattGewalt-Rundgänge» des National Coalition Building Institute Schweiz. Samstagnachmittag in Zürich Altstetten. An die 40 Personen aus dem Quartier  – Erwachsene, Jugendliche und Kinder – nehmen an einem solchen Rundgang teil. Sie werden in ihrer vertrauten Umgebung mit Übergriffen konfrontiert, die Schauspieler in Szene setzen. Ein Jugendlicher pöbelt einen älteren Hausabwart an, zwei Geschäftsherren bedrängen eine junge Frau, einige Betrunkene randalieren. Jede der Szenen wird mehrmals gespielt, damit sich die Zuschauer aktiv einmischen können. So wird schnell klar, dass es zwischen einer direkten Konfrontation der Täter und dem passiven Zuschauen viele weitere Handlungsmöglichkeiten gibt.

Das Ziel der «StattGewalt-Rundgänge» sei, die Eigeninitiative zu fördern, sagt der Projektleiter Andi Geu. «Man redet über Gewaltsituationen und gibt Ratschläge weiter.» So steige die Wahrscheinlichkeit, dass Unbeteiligte eingriffen. «Dass Leute passiv zuschauen, ist meist nicht Gleichgültigkeit, sondern eher Verunsicherung. Sie denken, dass andere besser wissen, was zu tun sei», erklärt er. Die Anonymität der Städte mache es komplizierter einzugreifen, weil man weder das Opfer noch den Täter kenne.

Viele Menschen verbinden mit Zivilcourage Bilder von Extremsituationen, wie sie Paolo Dibartolo erlebt hat. Doch im Alltag sind oft ganz unspektakuläre kleine Schritte gefragt. Entscheidend ist immer, ob man sich zutraut, zu handeln. «Man muss fähig sein, Mitgefühl für andere Menschen aufzubringen», nennt Dibartolo als wichtigsten Anstoss zum Handeln.

Internet
www.gra.ch
www.eingreifen.de

Kurse
Zürcher Zivilicourage-Training, EB Zürich, Bildungszentrum für Erwachsene, Nächster Termin: 11./12. März 2009
Anmeldung: www.eb-zuerich.ch, Telefon 0842 843 844
Zürcher Zivilicourage-Training, Universität Zürich,
Psychologisches Institut, Motivationspsychologie.
Angebote: Trainingskurse (auch für Nichtstudierende) und Ausbildung von Trainer, Trainings in Unternehmen und Schulen.
www.psychologie.uzh.ch/zivilcourage
StattGewalt-Rundgänge. Information, Orte und Daten:
www.ncbi.ch/prog_stattgewalt.html Telefon 044 721 10 50

Literatur
Jonas, Boos, Brandstätter: «Zivilcourage trainieren! Theorie und Praxis», Hogrefe Verlag 2006, Fr. 52.90
Zitzmann, Christina: «Alltagshelden: Aktiv gegen Gewalt und Mobbing – für mehr Zivilcourage. Praxishandbuch für Schule und Jugendarbeit», Wochenschau Verlag 2004, Fr. 44.90

Bilder: © FOTOLIA

Tags (Stichworte): PsychologieZivilcourage

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