So ein Rheinfall!

Christian Schwick, Florian Spichtig | Ausgabe_11/17

Tosendes Wasser, spektakuläre Gischt – der Rheinfall ist auch im Winter eine Reise wert. Doch wie ist der meistbesuchte Wasserfall Europas entstanden?

@ rheinfall.ch/Arthur Keller, istockphoto.com

Sowohl am rechten Schaffhauser Ufer als auch am linken Zürcher Ufer des Rheins ist der Wasserfall über gut ausgebaute Wege erreichbar. Zwei Attraktionen machen den Rheinfall zu einem unvergesslichen Erlebnis. Einerseits die Aussichtsplattform «Känzeli» auf der Zürcher Seite – ein Fussweg führt vom Schloss Laufen zu diesem direkt im Rheinfall stehenden spektakulären Aussichtspunkt. Andererseits kann man sich mit Ausflugsbooten (in den Wintermonaten nur auf Bestellung) von beiden Ufern über das Kolkbecken dicht an den Rheinfall heranfahren und auf dem mittleren Fels absetzen lassen. Dem Fels ist eine Aussichtsplattform aufgesetzt – die Sicht auf den Wasserfall zu beiden Seiten ist schlichtweg atemberaubend.

Einen anderen, etwas distanzierteren Blick auf den Fall hat man von Schloss Laufen auf der Zürcher Seite. Seit einigen Jahren wird hier deutlich mehr geboten als bloss eine Gelegenheit für eine besonders gelungene Fotoaufnahme. So beleuchtet das Historama die rund tausendjährige Geschichte des Schlosses am Rhein; der Belvedere-Weg und der Panorama-Lift führen direkt ans Objekt des Interesses.

Gigantische Wassermassen.
Der Rheinfall ist der wohl am besten erforschte Wasserfall der Schweiz, wenn nicht Europas, und mit rund 1,3 Millionen Besuchern pro Jahr auch der bekannteste. Er wurde in Kunst und Literatur in zahlreichen Werken geehrt: Ganze Kunstsammlungen widmen sich ihm, berühmte Poeten schrieben über ihn, und auch Sagen ranken sich um den Rheinfall. Neben seiner Höhe von 23 Metern besitzt der Fall eine Breite von 150 Metern, das Kolkbecken in der Prallzone hat eine Tiefe von 13 Metern. Der durchschnittliche Jahresabfluss beträgt rund 450 Kubikmeter pro Sekunde. Der maximale Abfluss wurde 1965 mit 1250 Kubikmeter pro Sekunde gemessen; der kleinste Abfluss geht mit 95 Kubikmeter pro Sekunde auf das Jahr 1921 zurück. Eine Tafel mitten im Fall erinnert daran, dass der Wasserstand auch in den Jahren 1880 und 1953 extrem niedrig gewesen sein muss.

Der Rheinfall schrumpft. Die Geologie im Raum Neuhausen und Laufen einerseits sowie die glaziologischen und hydrologischen Prozesse während der Eiszeiten andererseits prägten die Entstehung des Rheinfalls. Als Folge einer globalen Abkühlung stiessen die Alpengletscher vor etwa 500 000 Jahren bis ins Mittelland vor, also auch bis ins Gebiet des heutigen Rheinfalls, und begannen, die Landschaft massgeblich zu formen. Der Rhein schuf nördlich der grossen Gletscher von Schaffhausen in westlicher Richtung durch den Klettgau ein frühes Rheintal, in dem er bis zu Beginn der Risseiszeit (vor ca. 200 000 Jahren) floss. Anschliessend wurde dieses Tal wieder mit Schotter und Moränenmaterial aufgefüllt.

Während der Risseiszeit vor rund 120 000 Jahren wurde der Rhein bei Schaffhausen durch einen anderen Eisrand nach Süden abgelenkt und bildete die risszeitliche Rheinrinne. Das Flussbett des Rheins unterhalb des heutigen Rheinfalls ist mit dem westlichen Teil dieser Rinne identisch. Die Aufschüttung der Rheinrinne während der letzten Eiszeit – der Würmeiszeit – hatte zur Folge, dass der Rhein in weitem Bogen gegen Süden abgedrängt wurde. Am Ende dieser letzten Eiszeit floss der Rhein bei Schaffhausen in einem neuen Flussbett. Mit der Zeit näherte  sich dieser neue Rheinlauf seinem alten, tiefergelegenen, mit Schotter verfüllten Lauf. Als sich die beiden Flussläufe berührten, konnte das Wasser des Rheins den alten Lauf von seiner Schotterfüllung befreien und floss danach wieder in der risszeitlichen Rinne weiter. Die Geländestufe, die zwischen den beiden Flussläufen lag – der heutige Rheinfall –, besteht aus wesentlich härterem Malmkalk und konnte nicht beseitigt werden.

Es ist anzunehmen, dass der Rhein vor 15 000 Jahren den Schotter in der Rinne relativ schnell erodierte und über die gesamte Breite von 150 Metern beinahe senkrecht in den Kolk prallte. Durch die allmähliche rückschreitende Erosion im Malmkalk schuf der Rhein die heutige Form des Wasserfalls. In Zukunft wird der Rheinfall durch diese rückschreitende Erosion sehr langsam in einen Katarakt übergehen, das heisst: Der Rheinfall schrumpft. Touristen aus nah und fern dürften das Spektakel Rheinfall aber noch ein paar Jahrhunderte bewundern können – vorausgesetzt, es wird ihm nicht zwecks Wasserkraft zu viel Wassermasse entzogen.

Tourismus am Rheinfall. Die Anfänge des Tourismus am Rheinfall reichen bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts zurück. In der Periode der Aufklärung entdeckten Reisende die Alte Eidgenossenschaft als Land der Schönheit und der Freiheit. Berühmte Besucher des Rheinfalls wie Johann Wolfgang von Goethe oder Jean-Jacques Rousseau können als Wegbereiter des dortigen Tourismus gelten. Zu diesem frühen Zeitpunkt besichtigten jährlich um die 2000 Personen den Rheinfall. Um den für damalige Verhältnisse grossen Ansturm an Touristen zu bewältigen, wurden erste Infrastrukturanlagen erstellt. Die damals am linksseitigen Ufer erbaute Galerie ist in Grundzügen noch heute vorhanden.

Einen Schub bekam die touristische Entwicklung 1857 durch den Anschluss von Neuhausen an das Eisenbahnnetz. Parallel zu den wachsenden Besucherströmen – in den Sommermonaten Anfang des 20. Jahrhunderts zählte man 20 000 Gäste – erfolgte ein massiver Ausbau der Hotellerie am Rheinfall. Der spektakulärste Bau war derjenige des Grandhotels Schweizerhof im Stil der Belle Époque, vergleichbar mit dem noch heute existierenden Grandhotel Giessbach an den gleichnamigen Wasserfällen.

Nach dem Zusammenbruch des Tourismus im Ersten Weltkrieg konnten viele dieser Hotelbauten nicht mehr gewinnbringend wirtschaften. Veränderte Gewohnheiten der Touristen – Tagestourismus statt Ferienaufenthalt – zwangen viele Betriebe zur Schliessung. Einen Aufschwung brachte ab den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts die zunehmende Verfügbarkeit von Freizeit und privaten Verkehrsmitteln. Die Besucherzahl stieg bis 1987 auf 3 Millionen an und sank danach auf 1 Million im Jahr 2011. Die Probleme, die sich aus dem grossen Anteil an Tagestouristen ergeben (geringe Wertschöpfung, Parkplatznot, Reinigung und Unterhalt der Infrastruktur), sind jedoch geblieben.

Erlebnis-Tipp
Rheinfall-Rundwege
• Anreise
Von Schaffhausen mit dem Zug nach Dachsen. Von dort zu Fuss den Wegweisern folgen. Man kann auch von Schaffhausen mit dem Bus oder der S-Bahn zur neuen Haltestelle direkt oberhalb des Naturspektakels fahren.
• Varianten
Es gibt zwei Rundwege um das Rheinfallbecken. Beide sind gut ausgeschildert. Der kleine Rundweg hat eine Länge von 3,4 km; er ist, im Gegensatz zum grossen Rundweg, nicht für Kinderwagen und Rollstuhlfahrende geeignet. Der grosse Rundweg misst 8 km. Ausgangspunkt ist das Dorf Dachsen, von wo ein Pfad bis Laufen führt, von wo man dem Rauschen des grössten Wasserfalls Europas folgt. Bald verläuft der Weg dem Rheinufer entlang, durch ein lichtes Waldstück. Stets wird man vom Fluss begleitet, der einmal sanft fliesst, um kurz darauf schäumend über Geröll zu springen. Unterwegs erspäht man aus immer neuen Winkeln den imposanten Wasserfall. Nach Neuhausen und Nohl überquert man eine Brücke und spaziert zurück nach Dachsen.

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Links
www.rheinfall.ch

Fotos: rheinfall.ch/Arthur Keller, istockphoto.com

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