Sinnlich werden

Lioba Schneemann | Ausgabe_12/2016

Während vieler Jahrtausende erlebten sich die Menschen als Teil der Natur. Doch wir haben uns in der materiellen Welt verloren. Das macht uns und die Umwelt krank. Um den Kontakt zu uns und der Natur wieder herzustellen, müssen wir wieder sinnlich werden. Die Praxis der Achtsamkeit hilft dabei.

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Der Winter bietet Zeit für Besinnung. Wir brauchen diese Zeiten, in denen wir uns nach innen wenden. Wer dies regelmässig macht, merkt, wie uns Sinneserfahrungen glücklich machen: das Flackern einer Kerze, der Duft von Zimt, das Rauschen des Windes, die Kälte des Schnees unter den nackten Füssen.

Wir sind sinnliche Wesen. Sinnestiere. Wir werden über körperlichen Kontakt und Sinneseindrücke genährt; werden unsere Sinne nicht ausreichend befriedigt, drohen wir seelisch zu verkümmern. Babys sterben sogar, wenn es an körperlich-sinnlicher Zuwendung fehlt. Und es ist sicher kein Zufall, dass im Oxford English Dictionary der längste Eintrag dem Wort «touch» gilt. Er ist sogar länger als der Eintrag für «love». Wie eng unser wichtigster Sinn, der Tastsinn, mit unserer Gefühlswelt verbunden ist, zeigt sich auch in der Sprache: Dinge gehen uns unter die Haut, wir werden bleich vor Angst oder gelb vor Neid.

Der 6. Sinn: unser Geist?
Die Entwicklung eines stabilen Selbst basiert auf unseren Sinnen. «Unsere Sinne für Tasten, Riechen, Schmecken, Hören und Sehen bilden die Grundlage unseres Erlebens und Verhaltens», erklärt Suzanne Pellaux, Psychologin und Körperpsychotherapeutin im aargauischen Windisch. «Bei Babys entsteht das Fundament für Intelligenz und Identität in der Auseinandersetzung mit der Umwelt und dem eigenen Körper. Sinneseindrücke und willkürliche Bewegungen beeinflussen sich dabei gegenseitig.»

Neben den Sinnen für die äussere Welt hat uns Mutter Natur mit weiteren Wahrnehmungsmöglichkeiten ausgestattet, unter anderem der Fähigkeit, uns innerlich zu spüren. Das wird als Propriozeption bezeichnet. Dank ihr können wir im Inneren entstehende Reize wahrnehmen.

Mit sich in Kontakt bleiben. Sich selbst innerlich wahrzunehmen, ist eine grundlegende Voraussetzung für ein gesundes Leben. Nur bewusst mithilfe der Innenschau können wir uns und damit unser Leben immer wieder neu orientieren. «Menschen, die keine Verbindung zu ihrem Selbst haben, fühlen sich leer und unerfüllt», sagt Psychologin Pellaux. «Sie leiden vielleicht an einer depressiven Erkrankung oder haben Mühe mit Beziehungen. Um jemandem wirklich nah sein zu können, muss man sich zuerst auf sich selbst besinnen können.»

Besinnen heisst gemäss Duden «Bewusstsein» oder «Nachdenken, ruhige Überlegung». Es bedeutet: seine Aufmerksamkeit bündeln und nach innen lenken. «Wir müssen ruhig werden, um uns mit uns selbst zu verbinden», sagt Pellaux. «Für mich sind Spaziergänge wichtig. All die Geräusche, den Wind und meine Beine spüren – in diesen Momenten bin ich völlig mit mir und bei mir. So bleibe ich ganz im Jetzt. Und somit in Kontakt mit mir selbst.»

Die Weisheit der Sinne. Genau diese Augenblicke des «Bei-sich- Seins» gehen uns mehr und mehr abhanden. Wir verlieren zunehmend den sinnlichen Kontakt zur Natur, zu anderen Menschen und zu uns selbst. Kinder spielen seltener draussen mit anderen Kindern; stattdessen beschäftigen die sich stundenlang mit dem Computer. «Wenn Kinder wenig oder keine Auseinandersetzung mit der sinnlichen Natur erfahren, indem sie draussen klettern, rennen und matschen, dann verpassen sie grundlegende Erfahrungen, die für ihre Entwicklung wichtig wären», sagt die Psychologin. Das betreffe aber auch Erwachsene. «Viele haben wichtige persönliche Kontakte durch digitale abgelöst. Die Rundumvernetzung führt dazu, dass wir uns weiter von uns und anderen entfernen. Gleichzeitig halten wir es kaum noch mit uns alleine aus.»

Achtsamkeit als heilsamer Weg. Immer mehr Menschen belastet diese Lebensart, die durch Entfremdung von der Natur, durch Einsamkeit, Zerstreutheit und Schnelllebigkeit gekennzeichnet ist. Viele sind auf der Suche nach etwas, das sie wieder zu sich selbst bringt. Etwas, das «Sinn» macht, und das sind unsere wahren Bedürfnisse. Um diese zu erkennen, braucht es mehr Bewusstheit. «Das Tor zu mehr Bewusstheit ist das unserer Sinne», sagt Kabat- Zinn. «Durch sie allein wissen wir um unsere innere Welt und auch um unsere äussere Landschaft, die wir ‹Welt› nennen.»

Die Frage nach dem Sinn des Lebens führe direkt zur Kernfrage, so der Achtsamkeits- und MBSR-Lehrer Jörg Kyburz aus Lenzburg: «Was ist für mich ein erfülltes Leben?» Er selbst habe als langjähriger Krebspatient dank der Achtsamkeitsmeditation zu seinem Lebenssinn gefunden und so Heilung erfahren. «Den Weg zu sich selbst und zu seiner Bestimmung findet man nur über die Wahrnehmung von sich selbst, von dem was einen innerlich berührt und bewegt», sagt Kyburz. Um sein Inneres wahrzunehmen, müsse man still werden. Die Gedankenflut stoppen. Atmen. Den Liebsten was Liebes tun. An einer Blume riechen. Bewusst gehen. Achtsam essen. Kyburz: «Wahrnehmen bedeutet vor allem auch Zulassen. Es ist eher ein passiver Akt des Innehaltens, der Geduld erfordert.»

Basis für Gesundheit und Heilung. Bei der Praxis der Achtsamkeit handle es sich nicht um eine bestimmte Technik, betont der Lenzburger Achtsamkeitslehrer. «Die Sinnesverfeinerung übt man regelmässig mittels Meditation und ganz praktisch im Alltag ein.» Der Alltag biete unzählige Sinneswahrnehmungs-Übungen: Aufwachen, Zähne putzen, essen, laufen, Auto fahren – jedem Moment können wir achtsam begegnen. Riecht die Luft im Frühling anders als im Winter? Pfeifen andere Vögel? Wann schmecken Walderdbeeren am besten? Wie ist der Chef gelaunt?

Buchtipps
• Jon Kabat-Zinn «Zur Besinnung kommen. Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt», Arbor, 2016, Fr. 26.90
• David Abram «Im Bann der sinnlichen Natur», Drachen, 2015, Fr. 34.90
• Thich Nhat Hanh «Achtsam arbeiten, achtsam leben». Droemer Knaur, 2013, Fr. 23.90

Fotos: istockphoto.com

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