Sicher nicht sicher

Andres Jordi | Ausgabe 2 - 2009

Risiken der grünen Gentechnik auf die Umwelt und die Gesundheit lassen sich bis heute nicht ausschliessen. Und für die Bekämpfung von Armut und Hunger ist die Technologie nicht geeignet.

An der grünen Gentechnik scheiden sich die Geister. Während Befürworter sie vorbehaltlos als Heilsbringerin für mehr Ökologie, Gesundheit, gegen den Welthunger und die Armut preisen, tun Gegner sie oft als unverantwortbare Hochrisikotechnologie arroganter Agrokonzerne ab. Entsprechend schwierig ist es, in dieser von Interessen und Ideologien dominierten Debatte verlässliche Informationen über Nutzen und Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen zu erhalten. Was wahr ist und was nicht, scheint bisweilen mehr eine Glaubensfrage zu sein.

Tatsache ist, dass die Bauern weltweit immer mehr gentechnisch verändertes Saatgut anbauen. So wuchs 2007 die globale Anbaufläche um 12 Prozent auf rund 114 Millionen Hektaren. Rund 80 Prozent dieser Fläche lagen in den USA, Argentinien und Brasilien. In Europa bauten 2007 acht Länder GV-Pflanzen auf einer Fläche von insgesamt 110 000 Hektaren an, mehr als zwei Drittel davon befanden sich in Spanien.

In der Schweiz werden abgesehen von kontrollierten Freisetzungsversuchen für die Risikoforschung vorderhand keine transgenen Pflanzen angebaut. Die Bevölkerung hat 2005 ein fünfjähriges Anbaumoratorium gutgeheissen. Das gleichzeitig lancierte Nationale Forschungsprogramm über Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen (NFP59) soll bestehende Wissenslücken schliessen und wird 2012 abgeschlossen sein. Damit dies ohne politischen Druck realisiert werden kann, hat der Bundesrat beim Parlament kürzlich eine Verlängerung des Moratoriums um drei Jahre beantragt.

Unbekannte Langzeitfolgen

«Der steigende Anbau ist vor dem Hintergrund, dass die grüne Gentechnik vor allem unter wohlhabenden städtischen Konsumenten ein eher schlechtes Image hat und ihre Regulierungskosten ziemlich hoch sind, erstaunlich», sagt Philipp Aerni von der ETH Zürich. Da die dominierenden GV-Produkte auf dem Markt – Soja, Raps, Mais und Baumwolle – jedoch nicht direkt für den menschlichen Konsum bestimmt seien, sondern als Futtermittel, Nahrungsmittelzusätze oder der Textilproduktion dienten, sei deren Nachfrage weniger von der Vorliebe der Konsumenten abhängig, erklärt der Wirtschaftsgeograf. «Zudem lässt sich inzwischen nicht mehr abstreiten, dass Gentechsorten im Vergleich zu konventionellem Anbau sowohl wirtschaftlich, als auch ökologisch oft besser abschneiden.»

Dies mag in vielen Fällen zutreffen, eindeutig sind die Verhältnisse keineswegs. Die Wechselwirkungen zwischen transgenen Pflanzen und der Umwelt sind äusserst komplex und mit wissenschaftlichen Methoden teilweise schwer fassbar, insbesondere die Langzeitfolgen sind zu wenig  bekannt (siehe «Gentechnik
und die Umwelt»).

Um Konsumenten wie Produzenten die Wahlfreiheit zwischen konventionellen und gentechnisch veränderten Produkten zu gewährleisten, müssen Verunreinigungen infolge Auskreuzung oder Vermischung von Saat- und Erntegut begrenzt werden können. In der EU und der Schweiz gelten Produkte mit einem GVO-Anteil von bis zu 0,9 Prozent als gentechfrei. Der Biolandbau strebt hingegen eine Nulltoleranzstrategie an. «Eine Koexistenz ist hierzulande aufgrund der Engräumigkeit praktisch nicht möglich», sagt die Biologin und Gentechkritikerin Florianne Koechlin.

Eine Studie der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon aus dem Jahr 2005 kommt dagegen zum Schluss, dass ein Nebeneinander verschiedener Anbausysteme unter Einhaltung des geltenden Grenzwertes bei entsprechenden Abständen grundsätzlich möglich ist. Kurt Bodenmüller, Geschäftsführer der gentechfreundlichen Stiftung Gen Suisse, hält dies für realistisch. Er betont jedoch, dass die Massnahmen zur Etablierung getrennter Warenflüsse und die Kontrollen umso aufwändiger werden, je tiefer die Schwellenwerte liegen. Toleranzwerte im Bereich von 0,1 Prozent seien nur mit extrem grossem Aufwand und sehr schwierig zu erreichen.

Herstellung transgener Pflanzen
Im Gegensatz zur klassischen Züchtung ermöglicht die Gentechnik, auch Gene artfremder Organismen ins Erbgut einer Pflanze einzubauen. Das Einschleusen geschieht vor allem mit zwei Methoden. Man nutzt das Bodenbakterium Agrobacterium tumefaciens, das Pflanzenzellen infizieren und ringförmige DNA in deren Erbgut einbringen kann. In diese Plasmide werden zuvor die gewünschten Fremdgene eingebaut. Ausserdem kommen Genkanonen zum Einsatz. Dabei werden die zu transformierenden Pflanzenzellen mit winzigen Goldpartikeln beschossen, an denen die fremden Gensequenzen haften. Die Integration der neuen Gene ins pflanzliche Erbgut gelingt mit beiden Methoden nur selten und erfolgt rein zufällig. Dadurch können auch funktionelle Bereiche der Pflanzen-DNA beschädigt werden. Um jene Zellen, bei denen der Einbau erfolgreich war, herauszufiltern, benutzt man sogenannte Selektionsmarker. Das sind bei älteren Entwicklungen meist Resistenzgene gegen bestimmte Antibiotika, die zusammen mit dem gewünschten Fremdgen in die Pflanze geschleust werden.
In Nährmedien mit dem entsprechenden Antibiotikum können nur jene Zellen gedeihen, bei denen der Gentransfer erfolgreich verlief. Heute benutzt man meistens andere Marker, etwa solche, die eine bestimmte Farbreaktion bewirken.

Was ist verantwortungslos?

Über die gesundheitlichen Folgen der Gentechnologie wird nicht minder kontrovers diskutiert. «Bezüglich Gesundheit geben die relevanten Studien Entwarnung», sagt etwa Beat Keller, Pflanzenbiologe an der Universität Zürich. Nichtsdestotrotz werden immer wieder ernstzunehmende Untersuchungen publiziert, die beispielsweise bei Fütterungsversuchen mit Mäusen Auswirkungen von GV-Nahrung feststellen (siehe «Gentechnik und Gesundheit»). Was für die Umweltrisiken gilt, gilt hier ebenso: Auch wenn bis heute keine gravierenden Komplikationen zutage getreten sind, bleiben zurzeit viele Unsicherheiten bestehen und Fragen offen.

Während die eine Seite argumentiert, der Verzicht auf Gentechnik zur Bekämpfung von Hunger und Armut sei verantwortungslos, bezeichnet die andere gerade den Einsatz dieser Technologie als ebendieses. Für Tina Goethe, Fachfrau für Entwicklungsfragen beim Hilfswerk Swissaid, ist klar: «Hunger ist bis heute vor allem ein Verteil- und weniger ein Mengenproblem.» Und auch die längerfristigen, prognostizierten Nahrungsengpässe aufgrund des Wachstums der Bevölkerung, vermehrten Anbaus von Agrartreibstoffpflanzen oder der Fleischproduktion seien kaum mit Hightech-Landwirtschaft zu beseitigen, meint sie. «Die Hauptprobleme unzähliger Kleinbauern in den Entwicklungsländern sind Verschuldung, mangelnder Zugang zu Ackerland und Saatgut, das sie sich leisten können.» Mit dem patentierten GV-Saatgut von Agromultis vergrössere sich die Abhängigkeit nur. Auch der Weltlandwirtschaftsrat plädiert zur Lösung der Ernährungsprobleme deshalb in erster Linie für eine Stärkung der multi-funktionalen, regionalen Landwirtschaft und weniger für industrielle Produktion mit Gentechnik (siehe «Gentechnik und der Hunger»).

Keine Technologie der Zukunft

Auch Forschungsprojekte wie das NFP59 werden die vielen ökologischen, gesundheitlichen und sozioökonomischen Fragezeichen, die hinter der grünen Gentechnik zu setzen sind, nicht grundsätzlich aus der Welt schaffen können. Vor diesem Hintergrund kann sie zur Lösung anstehender und kommender Probleme nicht die Technologie der Wahl sein. Gentechnologische Methoden können allenfalls in einzelnen Fällen – in kontrollier- und überschaubarem Rahmen – eine denkbare Alternative darstellen, kaum im grossen Stil.

Weiterführende Artikel
Gentechnik und Umwelt
Gentechnik und die Gesundheit
Gentechnik und der Hunger

Bilder: © FOTOLIA

Tags (Stichworte): ÖkologieGentechnikGesundheitHungerLandwirtschaftUmweltschutz

Kommentare

  1. Von LustigeFrau am Freitag, 06.02.2009 Schade. Dabei hätte ich so gern gelesen, dass Gentech unser Leben verbessert, verlängert und verschönert.

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