Schwarze Schafe unter weissen Schwänen
Seit einiger Zeit leben auf dem Thunersee aus einem privaten Gehege entflohene australische Schwarzschwäne. Naturschützer wollen den fremden Vogel wieder loswerden, Vogelliebhaber kämpfen für dessen Einbürgerung.
Während gewisse Fremdlinge wie zum Beispiel die Rostgans, die Bisamratte oder der Signalkrebs hierzulande unter dem Verdikt der Faunenverfälschung verfolgt werden, begegnet man anderen mit Sympathie, so etwa dem Höckerschwan, der im vorletzten Jahrhundert angesiedelt wurde und heute den Status «einheimisch» geniesst. So weit sind die in Australien beheimateten Schwarzschwäne noch nicht, obschon sie auf dem Thunersee bereits zum gewohnten Bild gehören. Oft mischen sie sich unter die weissen Höckerschwäne und bilden mit ihnen zusammen eine fotogene Touristenattraktion. Doch wie gelangten sie von Down Under auf den Alpenrandsee am Tor zum Berner Oberland?
Der Thuner Buchhändler Markus Krebser, engagierter Freizeitzoologe und Wasservogelliebhaber, züchtet in seinem in Hünibach an den Gestaden des Thunersees gelegenen Vogelpark verschiedene Raritäten der Avifauna wie indische Streifengänse, sibirische Kaisergänse, die stark gefährdeten Hawaiigänse und – seit über 20 Jahren – australische Schwarzschwäne, deren erste Exemplare aus dem Zürcher Zoo stammten.
Nachdem Krebser auf das Coupieren der Flügel verzichtete, nutzten die schwarzen Schwäne die neue Freiheit und begannen sich auf dem Thunersee unter die weissen zu mischen. Dies löste heftige Diskussionen rund ums Thema Verfälschung der einheimischen Fauna aus. Eine Gruppe Naturschützer forderte, gestützt auf eine bundesrätliche Verordnung, die amtliche Beseitigung der Fremdlinge und verwies dabei auf Gefahren, die von anderen ausgesetzten Exoten im Tier- und Pflanzenreich ausgehen. Zugleich wurde von einem Präzedenzfall gewarnt.
Doch Bevölkerung und Medien stellten sich hinter die Fremdlinge. Mit dem Kanton wurde vereinbart, dass auf Zusehen hin etwa zehn Schwarzschwäne auf dem Thunersee leben dürfen, allfällige Eier jedoch angestochen werden. Ein Paar hat nun aber im Sommer 2007 diese amtliche Aufsicht ausgetrickst und trotzdem drei Junge ausgebrütet; der Amtsschimmel drückte ein Auge zu.
Inzwischen haben sich die Wellen etwas geglättet. Man ist sich bewusst geworden, dass die weisse Spezies ursprünglich auch ein Fremdling war; und wer möchte heute die Höckerschwäne noch missen? Theoretisch könnten sich die schwarzen und die weissen Schwäne sogar kreuzen, doch wären solche Hybriden unfruchtbar, womit sich der genetische Ausrutscher in Grenzen hielte.
Die Interessensgemeinschaft «Freunde der Schwarzen Schwäne» hat eine Petition mit rund 6000 Unterschriften an die Behörden eingereicht, die anstrebt, dass der Schwarzschwan auf dem Thunersee frei leben darf und dass die Vermehrungsbegrenzung wie beim Höckerschwan gehandhabt wird. Rolf Hauri, erfahrener Kenner und Ehrendoktor der Ornithologie, ist überzeugt: «Die einheimische Flora und Fauna sind wegen den Schwarzschwänen nicht bedroht.» Deren Bestand werde sich wie jener der Höckerschwäne auf natürliche Art durch Revieraufteilung selbst regulieren. «Es wäre deshalb nicht einmal nötig, die Eier anzustechen», meint Hauri.
Ein Überborden der Schwarzschwäne ist also kaum zu befürchten. Zudem haben sich die schwarzen und weissen Schwäne auf dem Thunersee bereits zu friedlicher Koexistenz gefunden und warten lediglich noch auf den behördlichen Segen.
Bild: Markus Krebser
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