Schwamm drüber
Naturschwämme verwöhnen Menschenhaut und Autolack. Taucher sammeln die Skelette von Meerestieren in bis zu sechzig Metern Tiefe.

Mohamed M’Barek greift in den grossen Haufen und zieht ein besonders schönes Exemplar hervor. Er wiegt es in der Hand und streicht mit Kennermiene über die poröse Oberfläche.
Mit einer grossen Blechschere rundet er letzte Unebenheiten ab. Immer wieder klopft er mit einem Eisenstab Muscheln und Steine heraus, die auf den Fussboden rieseln. Schliesslich taucht der Schwammhändler das gute Stück in einen mit Wasser gefüllten Eimer, wringt es aus und streicht mit dem nur noch halb so grossen Batzen über unsere Wangen. «Das fühlt sich doch gut an, oder?», fragt der 72-Jährige, grinst über sein breites Gesicht und nippt an einem Gläschen mit Café crème. Gut? Es fühlt sich fantastisch an: samtweich, als wenn ein kühler Windhauch unser Gesicht streicheln würde. Draussen knattern Mopeds und qualmende Lastwagen vorbei. Hier in der Hitze Tunesiens, mitten im betriebsamen Hafenviertel von Sfax, wirkt der feuchte Schwamm wie eine auf Faustgrösse komprimierte Oase.

Im dunklen Lager von Mohamed M’Barek türmen sich Berge von Schwämmen. Sie sind gelb, ocker, grau oder braun, mit feinporiger Oberfläche oder zerzaust von groben Löchern. Manche sehen aus wie riesige Bagel, andere wie von Motten zerfressene Tennisbälle oder Felsbrocken aus Bauschaum. Zwei Arbeiter von M’Barek sitzen auf niedrigen Holzschemeln, feuchten die Schwämme an und pressen sie in Jutesäcke. Derart verschnürt gehen sie auf Reisen, meist mit dem Flugzeug von Tunis aus. «Fast alle un-sere Schwämme exportieren wir nach Europa, knapp zwei Tonnen pro Jahr», erklärt der Schwammhändler. Unter der Glasplatte seines Schreibtisches klemmen neben Fotos der Enkelkinder, Post- und Visitenkarten aus Paris oder Triest.
Gute Qualität aus der Tiefe
Der Naturschwamm ist des Menschen liebster Badegefährte und das schon seit der Antike. Er füllt die Regale von Wellness-Shops und ist aus keiner Drogerie wegzudenken. Obwohl seit langem sein künstlicher Vertreter in zahlreichen, meist aus Schaumstoff gefertigten Varianten auf dem Markt ist. Maurer und Bodenleger wischen mit Naturschwämmen ihre Fugen, Maler und Künstler ihre Farben. Und beim Töpfern dient er zum Glätten noch feuchter und weicher Oberflächen. Naturschwämme können das 20- bis 35-fache ihres Gewichts an Flüssigkeit aufnehmen und geben es schon bei leichtem Druck wieder ab. Sie sind resistent gegen Chemikalien, selbstreinigend, flexibel, aber dennoch fest und äusserst dauerhaft.
Schwämme existieren seit 500 Millionen Jahren, sie gehören zu den ursprüng-lichsten mehrzelligen Tieren. Weltweit gibt es 9000 beschriebene Arten; Biologen vermuten, dass es insgesamt etwa 60 000 verschiedene Arten gibt. Schwämme sitzen am Meeresgrund an Felsen, auf Wracks oder auf dem Sand. Ein Badeschwamm ist das von Gewebe befreite Hornskelett einiger weniger Arten und Unterarten. Sie heissen Zimokka-, Elefantenohr-, Dalmatiner- oder Pferde-schwamm. Hauptfanggebiete für Schwämme sind die Gewässer zwischen Florida und Kuba, vor allem aber das Mittelmeer vor den Küsten Tunesiens und Libyens.
Dort wird der Schwamm von Fischerbooten mit Schleppnetzen im Beifang gefischt oder mit Teleskop und Forke in seichten Gewässern gesammelt. Das Gros der Ware wird jedoch getaucht, meist von jungen Fischern, die in der Zeit von Juni bis Mitte Oktober ihre kleinen Boote umfunktionieren. Sie tauchen bis zu 60 Meter tief, dort unten ist die Qualität der Schwämme am besten.
Archaische Lebewesen
Schwämme bilden im Tierreich den Stamm der Porifera und gehören zu den mehrzelligen Lebewesen. Durch das Fehlen eines Nervensystems, von Sinnes-organen oder überhaupt von Organen unterscheiden sie sich deutlich von allen übrigen Mehrzellern. Die überwiegend marinen Schwämme wurden wegen ihrer sesshaften Lebensweise und ihres ungegliederten Körpers erst 1766 als Tiere erkannt. Ihr Skelett besteht entweder aus Kalzit, einer Form von Kalziumkarbonat, Kieselsäure oder dem kollagenähnlichen Spongin. Je nach Zusammensetzung unterscheidet die Zoologie Kalkschwämme, Kieselschwämme und Hornschwämme. Das Körpergewebe von Schwämmen ist von einem Kanalsystem durchzogen, durch das sie Wasser schleusen und Nahrungspartikel filtern. Ein Schwamm mit einem Durchmesser von vier Zentimetern kann in 24 Stunden rund 80 Liter Wasser filtern. Schwämme können ein sehr hohes Alter erreichen; der älteste bekannte noch lebende Schwamm soll rund 10 000 Jahre alt sein.
Andres Jordi
Anstrengende Arbeit
Hassan sieht aus wie ein angeschlagener Boxer, als er vom Tauchgang zurückkehrt und sich mit schweren, langsamen Bewegungen an der Holzleiter hochzieht, die an der Bordwand der Monastir eingehängt ist. Die Ränder der Taucherbrille haben tiefe Kerben in das Gesicht des 31-jährigen Kapitäns gedrückt. Lange starrt er auf die abgeblätterten Planken des Bootes, sein Brustkorb hebt und senkt sich in tiefen Zügen. «Man spürt die Muskeln und ist sehr müde, wenn man nach drei Stunden wieder hochkommt», erklärt er schliesslich. So lange hat er den Meeresgrund abgesucht, um rund 20 Schwämme zu erbeuten. Während seines Tauchgangs wird Hassan über einen langen Schlauch aus einem Tank an Bord der Monastir mit Sauerstoff versorgt.
Von den drei Männern auf der Monastir tauchen Hassan und Ali. Chakroun kontrolliert den Sauerstoffdruck und wäscht die Schwämme aus. Ausserdem ist er der Chefkoch: In einem kleinen Kabuff brät er Eier oder rührt seinen Kollegen einen Kraftbrei aus Erbsen-mehl, Öl, Zucker und Salz an. «Das ist unsere Drei-Sterne-Küche», schmunzelt der 22-Jährige und stösst die Tür zur Kombüse auf, die gerade einmal die Grösse eines Schranks hat. Das Chaos aus Geschirr, verstreutem Salz und Teeblättern erzählt von der rauen See, die den Tauchern gestern die Arbeit erschwert hat.
Wenn Hassan taucht, lenkt Ali das Schiff und umgekehrt. Ein hektischer Job, auch bei leichter Dünung. Das Boot muss dem Taucher folgen, dessen Position ist an den aufsteigenden Luftblasen zu erkennen. Ali sitzt in dem kleinen Führerhaus auf einem Barhocker, der mit einem Tau festgebunden ist. Mit zusammengekniffenen Augen sucht er das Wasser ab, zwischen seinen Lippen qualmt eine Zigarette. Hektisch kurbelt er am Steuer, drosselt den Motor oder fährt ihn hoch, springt auf und lässt sich wieder auf den Hocker fallen.
Das nächste Netz klatscht prall gefüllt auf die Holzplanken des Decks. Diese glibberigen, schwarzen Klösse sollen einmal zu anschmiegsamen Badeutensilien werden? Dafür sorgt Chakroun. Er trampelt mit seinen klobigen Gummistiefeln auf den zähen Schwämmen herum. Eine schaumige, milchige Flüssigkeit läuft über den Deckboden. Es riecht nach Ammoniak und Krebsfleisch. Chakroun hängt das Netz mit den Schwämmen aussen an die Bordwand; dort springen und tänzeln sie in der Gischt des Fahrwassers. Haben sie sich vollgesogen, zieht er sie wieder heraus und beginnt von neuem mit der Prozedur. Die Wäsche wird bis zu fünfmal wiederholt. So wird das schmierige Gewebe vom weichen Hornskelett entfernt.
Schwindende Bestände
Fast die Hälfte der weltweiten Schwammproduktion stammt aus Tunesien. Knapp 20 Prozent werden von Griechenland aus gehandelt. Vor allem die Insel Kalymnos ist bekannt für ihre Schwammindustrie. Allerdings gibt es kaum noch Schwämme vor der griechischen Küste. Die reichen Bestände sind gnadenlos überfischt worden. Mit grossen Harken, die über den Meeresgrund gezogen wer-den, wurden jahrelang auch die kleinsten Exemplare aus dem Wasser gefischt. Noch vor einigen Jahrzehnten haben die Griechen 100 Tonnen pro Jahr vor ihren Küsten geerntet; heute suchen griechische Boote vor Libyen ihr Glück. «Die Jungs aus Kalymnos sind die besten Taucher», sagt Hassan und nickt aner-kennend. «Die klemmen sich eine Wäscheklammer auf die Nase und tauchen 30 Meter tief, ohne Brille, Flasche oder Schlauch.» Griechische Auswanderer waren es auch, die in der Karibik das Schwammtauchen eingeführt haben.
Doch die Bestände gehen überall zurück und die EU hat einige kommerziell genutzte Schwämme in die Liste der gefährdeten Arten aufgenommen. In Tunesien ist die Schwammfischerei nur zwischen Juni und Oktober erlaubt. Die gefangenen Exemplare müssen ausserdem eine Mindestgrösse von etwa 20 Zentimetern haben. «Vor allem die Überfischung und ein Massensterben sind für den Rückgang der Schwammdichten und das Kleinerwerden der Exemplare verantwortlich», sagt Robert Hofrichter, Meeresbiologe der Universität Salzburg. Das Massensterben sei ein bisher nicht geklärtes Phänomen, so Hofrichter.
«Der Rückgang ist sicherlich auch auf die Umweltverschmutzung zurückzu-führen», glaubt der Schwammhändler Tarrek El Magrebi. Weil der Schwamm bei der Nahrungsaufnahme so viel Wasser filtere, reagiere er besonders empfindlich auf die zunehmende Verunreinigung des Mittelmeers.
Lukratives Geschäft mit ungewisser Zukunft
Der Blick aus seinem Büro im Noveau Port de Pêche in Sfax geht über einen flachen See, in dem Flamingos herumstaksen. Hinter der Idylle jedoch erheben sich riesige Halden mit Phosphatkalk. Der Staub weht über das Meer, so wie der weisse Qualm, der aus grossen Schloten kommt. Viele Chemiefabriken sind in den letzen 20 Jahren an der Küste zwischen Sfax und Gabès angesiedelt worden. Die Folgen: vermehrte Algenblüten und Fischsterben.
Wie lange sie noch nach Schwämmen tauchen können, wissen Hassan und seine Männer nicht. Noch bringt die Schwammtaucherei fast doppelt so viel ein wie die Fischerei. Gute Taucher verdienen bis zu 10 000 tunesische Dinar pro Saison, umgerechnet 9000 Schweizer Franken. Das liegt über dem Einkommen eines Bankangestellten. Doch alt wird niemand in diesem Job. Die meisten hören spätestens auf, wenn sie eine Familie gründen. Zu gross ist das Gesundheitsrisiko.
Doch im Augenblick sind alle zufrieden auf der Monastir, die in Kerkennah, einer Insel vor Sfax, im Hafen liegt. Seichte Wellen plätschern gegen die Kaimauer. Hassan grillt kleine Doraden. Von den Nachbarbooten weht ein Lachen herüber. An Leinen hängen auf den Booten ausgebleichte Taucheranzüge. Daneben sind grosse Netze mit gewaschenen Schwämmen befestigt, in denen sich die gesamte Ausbeute der Saison befindet. Chakrun und Ali liegen träge an Deck und stippen Weissbrot in eine Schale mit Öl und Harissa, einer feurig-scharfen Paste aus Chilischoten. Glutrot geht die Sonne in dem spiegelglatten Meer unter. Morgen wird es wenig Wind geben. Bestes Wetter zum Schwammtauchen.
Bilder: © Jörg Böthling
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