Schmetterlinge im Bauch

Susanne Strässle | Ausgabe 8 - 2008

Der Mensch isst, was er ist und dies ist abhängig von der Kultur. So ist Insektenkost in Europa tabu. Dabei wäre sie gesund – und schmackhaft.

 

«Wir essen alles mit vier Beinen, ausser dem Tisch», sagte der chinesische Gast mit einem entwaffnenden Lächeln bei seinem Besuch in der Schweiz. Das stimmt nicht ganz. Es dürfen in China durchaus auch einige Beine mehr sein oder gar keine.

Ein Spaziergang über den Nachtmarkt von Beijing ist eine Expedition durch kulinarisches Neuland: Neben Schlangen, Seepferdchen und Skorpionen werden hier aufgespiesste Zikaden, Seidenraupenlarven und Riesenwasserkäfer als Snack feilgeboten. Auch in Thailand gibt es lebende Insekten auf dem Markt zu kaufen; 200 Arten werden dort verzehrt. Und in Mexiko ist der berühmte Wurm im Mezcal-Schnaps, der eigentlich eine Raupe ist, längst nicht das einzige Insekt, das verspeist wird.

Weltweit stehen über 1400 Insektenarten auf dem Speiseplan. In Afrika, in Amerika und in Asien werden Hunderte von verschiedenen Insekten konsumiert. In Europa kommen immerhin noch rund 30 Arten auf den Teller. Würmer und Spinnentiere, die – zoologisch unkorrekt – oft ebenfalls unter dem Begriff Entomophagie, also Insektenessen, mitgemeint sind, noch nicht mitgezählt.

Glarner Spezialität: geräucherter Dachs

Schon den Griechen und Römern waren Heuschrecken und Weidenspinnerraupen als geschätzte Speisen bekannt, bevor die Insektenkost im Mittelalter zur verpönten Armenküche verkam. Für Frankreich, Deutschland und Tschechien ist Maikäfersuppe noch bis in die 1920er-Jahre dokumentiert. Und heute fragt sich die Welternährungsorganisation (FAO), ob Insekten eine Antwort auf Armut und Nahrungsmittelkrisen sein könnten. Dazu müssten Menschen allerdings Tiere essen, die für sie ekelerregend, ja tabu sind.

Tabuisiert werden nicht nur Insekten: Es ist für viele Mitteleuropäer befremdend, vom Glarner Jäger geräucherten Dachs oder in Peru Meerschweinchen vorgesetzt zu bekommen. Chinesen hingegen können nicht verstehen, wie man etwas so Stinkendes wie Käse essen kann, der ihnen als verschimmelte Milch erscheint. Die heilige Kuh der Inder und das unreine Schwein für Muslime und Juden sind nur
die bekanntesten Beispiele von Nahrungstabus.

Ein Tabu bezeichnet im engeren Sinn ein soziales Verbot, dessen Übertretung Sanktionen von weltlichen oder höheren Mächten oder aber Missbilligung, Scham und soziale Ächtung nach sich zieht. Heute ist oft von Tabu die Rede, wenn ein Nahrungsmittel dauerhaft gemieden wird, obwohl es eigentlich essbar wäre. Meist handelt es sich dabei um Fleischarten. Am wenigsten Essenstabus kennen die Chinesen; in Europa haben die Franzosen den längsten Speisezettel.

Aus Sicht der jeweiligen Kultur erscheinen Tabus logisch. So ist es in Westeuropa völlig klar, warum Insekten höchstens irrtümlich – als sprichwörtliche Fliege in der Suppe – ins Essen geraten. Selbstverständlich und rational begründet ist diese Haltung indes keineswegs. Für Crevetten und Schnecken zahlen Gourmets teures Geld, aber vor Maden und Grillen erschaudern sie. Es gilt deshalb zu bedenken, dass nichts, was in einer Kultur gemieden wird, nicht in einer anderen selbstverständlich auf dem Teller landet.

Essen beginnt im Kopf

Warum Menschen nicht alles essen, was geniessbar wäre, darüber streitet sich
die Wissenschaft. Kulturmaterialisten wie der amerikanische Ethnologe Marvin Harris glauben, dass Menschen stets ökonomisch rational handeln und ihr Tun auf eine Nutzenmaximierung abzielt: Menschenopfer und Kannibalismus bei den Azteken? Eine Folge von Proteinmangel in der täglichen Kost. Heilige Kühe in Indien? Die lebendigen Tiere sind ganz einfach von grösserem Nutzen, als wenn man sie verzehren würde. Nach Harris' Meinung essen die Europäer keine Insekten, weil hier grosse Wirbeltiere als Nahrung vorhanden sind. Das zeitraubende Aufsammeln von Kleingetier wäre zu unwirtschaftlich. Insekten sind demnach eine Notnahrung. Sie werden vor allem dort verzehrt, wo sie in Schwärmen vorkommen, während es gleichzeitig an grösseren Tieren mangelt.

Ähnlich rational argumentiert der medizinische Materialismus. Demzufolge stehen hygienische Überlegungen hinter religiösen Verboten. Schweinefleisch wird gemieden, weil etwa Trichinen (Fadenwürmer) im Fleisch die Gesundheit gefährden. Allerdings setzt dieses Argument ein Wissen voraus, das früher kaum vorhanden war. Zudem kann es nicht erklären, warum Kulturen trotz gleicher Umweltbedingungen nicht den gleichen Speiseplan haben.

Für andere Wissenschaftler spielen soziale Faktoren eine entscheidende Rolle. Das Bedürfnis des Menschen nach Identität und Zugehörigkeit etwa. Speiseverbote sollen früher deshalb dazu gedient haben, sich von benachbarten völkern abzugrenzen und so Gemeinschaften zu stärken.

Auch das menschliche Bedürfnis, die chaotische Realität zu ordnen, kann ein Grund für Essenstabus sein. So wird hinter den komplexen jüdischen Speisegesetzen eine Einteilung der Tiere in Allegorien für Tugenden und Laster vermutet, die zum Nachdenken über Gott anregen sollen. Der Ethnologin Mary Douglas ist aufgefallen, dass für die Juden jene Tiere tabu sind, die sich nicht klar einem Element wie Himmel, Erde oder Wasser zuordnen lassen und daher als unvollkommen gelten: Tiere etwa, die im Meer schwimmen, aber keine Schuppen und Flossen haben oder «alles, was auf dem Bauche kriecht, und alles, was auf vier oder mehr Füssen geht, unter all den kleinen Tieren, die auf der Erde wimmeln», wie die Tora und das Alte Testament im dritten Buch Moses verkünden.

Darüber hinaus haben Menschen eine subjektive und emotionale Beziehung zu ihrer Nahrung. Untersuchungen belegen, dass es sich dabei nicht um angeborene Instinkte handelt, sondern um die Folgen frühkindlicher Prägung und Sozialisation. Auch wenn der Einfluss der Umwelt unbestritten ist, haben Tabus viel mit Kultur zu tun. Gerade der Vegetarismus zeigt auch, dass sie eng mit Werten verknüpft sind und nicht bloss reinem Kosten-Nutzen-Denken entspringen können. Ein Blick auf die Nahrungstabus von heute macht dies deutlich: Ihren religiösen Charakter haben sie meist eingebüsst, dafür drücken sie persönliche Moralvorstellungen aus. Stopfleber und Froschschenkel sind für viele heute aus Tierschutzgründen tabu. Und gar eine Tomate kann tabu sein, wenn sie genverändert ist. Das sind neue Formen der «Unreinheit» von Lebensmitteln, die ethische Kernthemen einer Gesellschaft spiegeln.

Insekten gegen den Welthunger

Ohne jegliche Tabus sieht der französische Ernährungsforscher Bruno Comby gerade in der Insektenküche einen Weg zu globalem Heil. In seinem Buch «Köstliche Insekten – Die Proteine der Zukunft» pries er Anfang der 1990er-Jahre Insekten als wohlschmeckende Antwort auf den Welthunger an. Mit ihrem hervorragenden sogenannten Protein-Effektivitätskoeffizienten gelten sie ihm als Nahrung der Hoffnung.

Das Insektenessen ist im Norden allen Bemühungen zum Trotz bis heute ein Kuriosum geblieben. Sein Potenzial für die Länder des Südens bleibt aber ein Thema. Im Februar 2008 hat die FAO in Thailand einen Workshop zur Zukunft der Insektenkost durchgeführt. Man ist sich allerdings bewusst, dass Menschen selbst in Not nur schwer Nahrungsmittel zu sich nehmen, die sie abstossend finden. Daher möchte man Insektennahrung dort fördern, wo sie bereits Tradition hat und ein wichtiger Proteinlieferant ist. Insbesondere will man den Handel mit Insekten fördern, was für Kleinproduzenten neue Einkommensquellen verspricht. Dazu sollen Hygienestandards, Verpackungsmöglichkeiten und Vermarktungsketten geschaffen werden.

Denn es ist unbestritten, dass der Nährstoffgehalt von Insekten hervorragend ist und diese, massvoll genossen, gesund sind. Sie verfügen über mehr lebensnotwendige Proteine als eine vergleichbare Menge Rindfleisch. Ebenso enthalten sie Mineralstoffe und Vitamine. Termiten zum Beispiel liefern 12-mal mehr Eisen als Rindfleisch und sind in Afrika gerade für Schwangere eine wichtige Ergänzungskost.

Für die Chinesen vereinen sich in Insekten von alters her medizinische und kulinarische Vorzüge. Stinkkäfer sind Snacks und sollen aphrodisische Qualitäten haben sowie gegen Asthma und Nierenversagen wirken. Getrocknete, mit Pilzen infizierte Schmetterlinge sind eine erlesene Spezialität und werden zudem als teure Medizin gegen Gelbsucht und Tuberkulose gehandelt.

Das gesundheitsfördernde Potenzial von Insekten wird aber auch in Europa wissenschaftlich untersucht: Ein Forscherteam an der Mendel-Universität Brünn in Tschechien glaubt, dass Insekten die ideale Ergänzungsnahrung für Senioren und Kranke sind, da diese oft nicht in der Lage sind, alle notwendigen Stoffe als Mischkost zu sich zu nehmen. Da kaum jemand im Alter noch zum Insektenesser wird, sollen die Tiere in verarbeiteter Form als Zusatzpräparate verabreicht werden und könnten so essenzielle Fettsäuren, Mineralstoffe und Spurenelemente liefern. Gleichzeitig sind sie cholesterin- und kalorienarm und enthalten wenig Kohlehydrate, was sie geeignet für Diabetiker macht.

Wenn der Konsum von Insekten anstiege und sie im grossen Stil gezüchtet werden müssten, wären Probleme jedoch absehbar. «Auf Insektenfarmen wäre es wohl unvermeidlich, dass Tiere entweichen und auswildern würden», meint der Biologe und Spezialist für wirbellose Tiere, Mark Benecke. Das würde die örtliche Fauna und Flora verändern, so Benecke. «Zudem wird man schnell zu Antibiotika greifen, wenn Krankheiten auftreten – und hat so bald dieselben Probleme wie bei herkömmlicher Tierhaltung. Letztlich ist jede Massentierhaltung problematisch.»

Als Croutons und in Zucker glaciert

Der Forensiker Mark Benecke hat sich aus beruflichem Interesse mit der Insektenküche auseinandergesetzt. «In Europa sind Insekten als Schädlinge emotional stark negativ besetzt, die Assoziation mit Verwesung und Kot lässt sie unsauber erscheinen», erklärt er. Objektiv sei das unhaltbar. Benecke ist selbst überzeugter Vegetarier. Ausnahmen macht er nur bei der Insektenküche. «Mit Insekten kochen ist nicht schwierig. Man braucht keine exotischen Zutaten und die Tiere bekommt man im Zoogeschäft.» Insektenkost fange bei der Alltagsküche an. «Man kann Insekten gebraten als Croutons auf Tomatensalat streuen, als Knusperstückchen auf die Pizza legen oder in Zucker glaciert einem Pudding beimischen. Man kann sie behandeln wie ein anderes Fleisch und braten, backen, kochen, einlegen, dämpfen oder als Füllung verwenden», so Benecke.

Allerdings müssen die Tiere dazu stets selber getötet werden. Eine gängige Art ist, sie in den Tiefkühler zu legen, aus Geschmacksgründen aber nur über Nacht. Danach sollen sie gewaschen und sofort verwendet werden. Der Biologe rät zur Vorsicht, wenn Tiere in der Natur gesammelt werden: «Viele Insekten stehen unter Artenschutz. Zudem können sie mit Pestiziden und Insektiziden belastet sein. Und es gibt auch giftige Insekten.» Wer sich auch auf die Standards von Tierfuttergeschäften nicht verlassen will, kann essbare Arten zuhause in einem Terrarium züchten.

Insekten, die man essen möchte, sollten frisch sein und gut erhitzt werden, dann besteht laut Benecke kaum ein Gesundheitsrisiko. Ohnehin sprängen die meisten Erreger in Insekten nicht so leicht auf Menschen über, wie das bei rohem Rind- oder Schweinefleisch der Fall sei. In Acht nehmen müssen sich aber Allergiker: Wer Crevetten nicht verträgt, kann auf Insekten ähnlich reagieren.

Geröstete Grillen haben ein nussiges Aroma, gebratene Wachsmottenlarven erinnern an Speck und gebackene Grillen mit Schokoladeüberzug schmecken ähnlich wie Krokant. Wer sich dennoch schwertut mit dem Gedanken an Mehlwurmsuppe und Ameisen süss-sauer, sollte sich vor Augen führen, dass wir längst alle Insektenesser sind. Jeder nimmt jährlich rund ein halbes Kilo Insekten zu sich – fein gemahlen in Konfitüren, Spaghettisaucen oder Tiefkühlspinat. Und genau genommen machen diese Beigaben die Speisen sogar nahrhafter.

Links
Homepage von Max Benecke (Mit Rezepten)
Homepage von Bruno Comby

Literatur
• Ingo Fritzsche und Bubpa Gitsaga: «Das Insektenkochbuch – der etwas andere Geschmack», NTV Verlag 2002, Fr. 30.90
• Marvin Harris: «Wohlgeschmack und Widerwillen – Die Rätsel der Nahrungstabus» Klett Cotta Verlag 1988, Fr. 35.50
• Bruno Comby: «Köstliche Insekten – Die Proteine der Zukunft»,
Eichborn Verlag 1993, nur antiquarisch

 Bilder: © Nicholas Thein / PIXELIO, Julien Bastide / FOTALIA

 

Tags (Stichworte): EssenHungerInsektenKochen

Kommentare

  1. Von LA_210 am Montag, 02.08.2010 Das ist gescheit: Weg mit Rindern und Schweinen, dann können wir den Mais und den Klee an Heuschrecken und Maikäfer verfüttern. Damit wir in Europa solche Insekten züchten können, die groß genug sind, dass sie beim Essen etwas hergeben, brauchen wir viel Wärme. Da kommt uns die "globale Erwärmung" grade recht. Also bitte noch mehr Treibgase und Kohlen-wasserstoffe in die Luft blasen! Ein Ameisennest in der Wohnung wäre auch zu empfehlen: bei Bedarf kann man man Larven abschöpfen, und die Ameisen im Zucker machen den Kaffee zu einem gribbelnden Erlebnis!
    Den Vernichtungsfeldzug gegen Nahrungskonkurenten wie Igel und Maulwürfe haben wir sowieso schon gestartet. Jetzt müssen wir nur noch die Vögel daran hindern, uns die Fliegen und Mücken wegzuessen, dann können wir uns im Sommer am Abend noch eine Suppeneinlage fangen. (Im Winter müssen wir uns halt mit den Ameisen begnügen)
    Leider wird mir gerade schlecht, sonst könnte ich noch ein paar Vorteile anführen.
    Ich glaube, ich benüge mich lieber mit den paar Insekten in der Marmelade und dem Tiefkühlsalat - ein halbes Kilo pro Jahr wirds wohl nicht sein: ich esse höchstens 2 Gläser Marmelade (zu 280g) und vielleicht 1,5 kg Spinat im Jahr, und ich glaube nicht, dass Marmelade und Spinat zu 25 % aus Insekten bestehen.
    Mahlzeit.

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