Schlechte Vorsätze
Öko-Lisa streicht die guten Vorsätze und will im neuen Jahr hemmungslos den Gelüsten frönen – bis zum guten Ende.
Meinetwegen könnte immer Weihnachten sein. Ich unterscheide mich da nicht von diesem Elektriker aus England, der seit sechzehn Jahren täglich seinen persönlichen Heiligabend feiert, weil ihm an einem solchen bewusst geworden ist, dass er da immer so gut drauf ist. Der wiederkehrende Truthahn und die in Endlosschlaufe abgespielte Weihnachtsansprache der Queen seien dem 49-Jährigen gegönnt, können aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der Brite etwas vormacht: Der Lauf der Zeit lässt sich nun mal nicht aufhalten.
Auf den friedvollen vierundzwanzigsten Dezember folgt unweigerlich der Fünfundzwanzigste: die doppelstöckige Marzipantorte bei Tante Rosi, das Flötenduett ihrer beiden Jüngsten, Onkel Guidos Lamentieren über die Linken und Grünen. Knüppelhart kommt es aber sowieso erst am Sechsundzwanzigsten.
Alles ist möglich
Dann, wenn wieder so etwas wie Alltag ins Leben zurückkehrt, einem beim Anblick des sich allmählich lichtenden Tannenbaums schmerzlich bewusst wird, dass die Feiertage endgültig vorüber sind, schlimmer noch, der Jahreswechsel ansteht, es also an der Zeit ist, schonungslos Bilanz zu ziehen. Jede noch so kleine Unart landet nun auf die Anklagebank: das Buttergipfeli zum Znünikaffee genauso wie das unbenutzte Fitnessabo, die gelegentliche Verdauungszigarette und das Glas Rotwein am Abend. Alles Verfehlungen, unduldbare Abweichungen vom angestrebten Ideal, die unisono einer Strafe in Form eines Vorsatzes bedürfen. Vollzugstermin: der Neujahrstag.
Auf diese Weise habe ich in der Zeit zwischen den Jahren bestimmt schon fünfzehn Kilos abgenommen, bin vier Marathons in persönlicher Bestzeit gelaufen, habe zwei Dutzend Mal den Kleiderschrank ausgemistet und den Estrich gefegt – stets erfüllt von prickelnder Euphorie. In meiner blühenden Fantasie konnte ich mich sogar dazu aufraffen, frisch gewaschene Wäsche immer gleich zu bügeln, habe keine Zahnarztkontrolltermine mehr auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben, mich rechtzeitig an den Geburtstag meines Patenkindes erinnert und mindestens einmal im Monat mein Auto rausgeputzt. Alles ist möglich, solange die Kirchturmuhr am 31. Dezember noch nicht zum zwölften Mal geschlagen hat.
Doch wehe, wenn das frisch angebrochene Jahr den luftigen Gedankenkonstrukten dann plötzlich die ersten Entbehrungen und Strapazen abverlangen will. Unter der Last alter Gewohnheiten mutieren die besten Vorsätze zu bohrenden Vorwürfen. Der positive Ansatz schmilzt schneller dahin als ein Eiszapfen in der Mikrowelle. Was bleibt, ist ein schlechtes Gewissen und die bedrückende Erkenntnis, dass was im Leben ein Quäntchen Spass macht, entweder verboten ist oder dick macht.
Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich mag mir für 2010 keine guten Vorsätze machen, bin es leid, mich mit zu hochgesteckten Zielen in Miese-Laune- Stimmung zu versetzen. Wenn Vorsätze, dann allerhöchstens schlechte. Soll sich beim exzessiven Frühsport doch die Lunge aus dem Körper kotzen, wer will – ich bleibe demonstrativ bis zur letztmöglichen Minute liegen, räkle mich wohlig unter der warmen Decke, wohl wissend, dass Schlafmangel (wissenschaftlich erwiesen!) dick machen kann.
Bewusst bewusst leben
Wenn schon ein paar Extrapfunde auf den Hüften, dann wenigstens solche, die beim Anfuttern Freude bereitet haben, weswegen die Schokostreusel auf dem Cappuccino im neuen Jahr nicht weniger, sondern ruhig noch etwas mehr werden dürfen. In der Kantine ist das Salatbuffet ab sofort gestrichen, selbst wenn es mich zwischendurch mal anlachen sollte. Schnitzel und Pommes, Bratwurst oder Menu eins sind Trumpf, in jedem Fall ohne Gemüse, dafür mit doppeltem Dessert. Treppen sind fortan nur noch dazu da, mir in Erinnerung zu rufen, dass ich unbedingt den Aufzug nehmen will. Und die sonntäglichen Spaziergänge müssen sich auf den kürzesten Weg vom Parkplatz zum Wirtshaus reduzieren.
Wie das enden soll? Ganz einfach: Ich halte mich so lange strikt an meine schlechten Vorsätze, bis ich mich so richtig schlecht fühle. Elend am besten. Dann ändere ich mein Leben, bewege mich mässig, aber regelmässig, esse bewusster – und das alles aus einem echten inneren Bedürfnis heraus und nicht, weil mal eben wieder ein neues Jahr begonnen hat.
Die Autorin
Geboren 1970 in Bern, arbeitet Nicole Amrein als freie Journalistin und Romanautorin. Nach ihrer Tätigkeit als News-Moderatorin bei einem Schweizer Fernsehsender war sie unter anderem Redaktionsleiterin verschiedener Frauenmagazine sowie Autorin bei einem Gastromagazin. Sie hat mehrere satirische Frauenromane und Romanserien verfasst, darunter einige Bestseller. Mehr unter www.nicoleamrein.ch
Illustration: Manuela Lanfranconi
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