Schlafes Bruder und seine Geschwister

Wolfgang Nauer und Herbert Sauerbier | Ausgabe 6 - 2008

Der Schlafmohn ist als Rohstofflieferant von Opium, Morphium und Heroin berühmt-berüchtigt geworden. Daneben gibt es eine Vielzahl harmloser Mohnarten – etwa die Alpenmohne, die widrigsten Bedingungen trotzen.

Bild: © Angelika Lutz / PIXELIO

Mohngewächse blühen in lebhaften Farben in Rot, Gelb, Lila bis Weiss. Sie enthalten Milchsaft. Die Blütenknospen stehen einzeln unverzweigt und nickend. Nach dem Öffnen der Blüte fallen beide Kelchblätter ab. Die Kronblätter sind zu diesem Zeitpunkt noch stark zerknittert, glätten sich aber bald und erstrahlen dann oft in leuchtenden Farben. Staubblätter sind zahlreich vorhanden. Der Fruchtknoten ist aus mehreren Fruchtblättern zu einer Kapsel verwachsen. Bei der Reife öffnet sich diese mit Poren und streut die zahlreichen Mohnkörner wie ein Salzstreuer aus. Innerhalb der Familie der Mohngewächse umfasst die Gattung Papaver weltweit ungefähr 100 verschiedene Arten, die ursprünglich vor allem in Kleinasien und Zentralasien beheimatet waren. In der Schweiz kommen acht Mohnarten vor.

Opium fürs Volk

Der Schlafmohn (Papaver somniferum), auch Magsamen genannt, blüht lila bis weiss und ist eine uralte Kultur- und Heilpflanze, die im asiatischen Raum zur Gewinnung von Opium angebaut wird. Das Opium war schon vor 5000 Jahren im Zweistromland bekannt und wurde «Pflanze zur Freude und Schmerzlinderung» genannt.

Die Anwendung von Pflanzen und ihren Extrakten aufgrund ihrer euphorischen und stimulierenden Wirkung ist seit Jahrtausenden bei nahezu allen Völkern bekannt. So kauen die Indios in Südamerika die Blätter vom Kokastrauch, die Bewohner der südlichen arabischen Halbinsel und des östlichen Afrikas verwenden die frischen, unverwelkten Blätter des Katstrauches. In Asien hilft das Opiumpfeifchen, die Mühe des Alltags zu überwinden und ein paar schöne Stunden am Tag zu verbringen. Im Mittelalter beschrieb Leonhart Fuchs in seinem Kräuterbuch folgende Anwendung des Schlafmohns: «Der safft aus dem Magsamen genossen, legt den schmerzen, bringt widerumb den schlaff, ist nützlich dem husten und dem bauchfluss. Doch wo er nit in gebürlicher mass würdt gebraucht und ingenommen, bringt er mercklich schaden, ja tödet auch.»

Im europäischen Raum wird Schlafmohn zur Gewinnung von Mohnsamen und Öl angepflanzt. Eine Wildform ist nicht bekannt. Es ist anzunehmen, dass sie ausgestorben ist. Auch in der Schweiz wurde Schlafmohn kultiviert und kommt heute verwildert vor.

Medizin mit Abhängigkeitspotenzial

Zur Gewinnung von Opium werden unreife Mohnkapseln angeritzt. Den austretenden Milchsaft lässt man antrocknen und sammelt ihn ein. Das Opium enthält verschiedene stark wirksame Alkaloide, die vor allem beruhigend und schmerzstillend wirken. Dem deutschen Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner gelang es 1803 als erstem Wissenschaftler, das Alkaloid Morphin aus Opium zu isolieren. Er begründete damit die medizinisch so wichtige Alkaloidchemie. Im Milchsaft des Schlafmohns sind mehr als 40 Alkaloide enthalten, darunter die Hauptwirkstoffe Morphin und Codein.

Heute hat Opium in der Medizin keine grosse Bedeutung mehr. Opiumtinkturen werden sehr selten bei starken Durchfällen zur Ruhigstellung des Darmes eingesetzt. Opium dient heute vor allem zur Herstellung von Reinalkaloiden. Morphin, das dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt, hat schmerzstillende Eigenschaften, allerdings mit einem hohen Abhängigkeitspotenzial. Ausserdem verzögert es die Magenentleerung und kann zu Verstopfung führen. Codein wird als hustenreizstillendes Mittel und in Schmerzmitteln zur Verstärkung anderer schmerzwirksamer Substanzen eingesetzt.

Keltischer Babybrei

Kornfelder mit leuchtend roten Klatschmohnblüten (Papaver rhoeas) sind selten geworden. Die Chemie zur Unkrautvertilgung und die Saatgutreinigungen haben die Pflanzen zurückgedrängt. Mit etwas Glück finden wir sie noch an Weg- und Kornfeldrändern, auf Schutthalden und auch neben Bahngeleisen. Im Rahmen von ökologischen Ausgleichsflächen begegnet man der Pflanze in der Schweiz zum Beispiel auf Buntbrachen in letzter Zeit wieder öfters. Die einjährige Pflanze erreicht eine durchschnittliche Höhe von 60 bis 80 Zentimetern und ist oft schon im unteren Bereich verzweigt. Die ganze Pflanze ist steif abstehend behaart, die Blätter sind fiederteilig. Die lebhaft rot gefärbten Kronblätter tragen mitunter am Grund ein schwarzblaues Mal. Wird die reife Kapsel geschüttelt, klappern die trockenen Samenkörner, was der Pflanze auch den Namen Klapperrose gegeben hat.

Etymologisch leitet sich der Name Papaver von dem keltischen Wort «papa» ab, was so viel wie Pappe oder Brei bedeutet und sich auf die keltische Sitte bezieht, Klatschmohnsaft in einen Brei zu mischen, um schreiende Babys zum Schlafen zu bringen. Die heilkräftige Anwendung der Kronblätter bei Schmerzen und bei Bronchitis ist nicht zu empfehlen, da die Pflanzenteile schwach giftig sind. Die Homöopathie verwendet verdünnte Zubereitungen aus den Kronblättern bei Unruhe- und Erregungszuständen und bei Krämpfen innerer Organe.

Weiss wie der Schnee

Unter dem Sammelbegriff Alpenmohn findet man in den Hochlagen der Alpen sechs weitere Mohnarten. Im Gegensatz zum roten Klatschmohn sind all diese Hochgebirgsmohnarten ausdauernd. Sie besitzen einen nur etwa 20 Zentimeter hohen, sehr zart wirkenden, unverzweigten Stängel, an dessen Ende sich eine gelbe oder weisse Blüte befindet. Die alpinen Mohnpflanzen unterscheiden sich untereinander vor allem durch abweichende Blattformen. Die ausserordentlich widerstandsfähigen Alpenmohne wachsen in Geröllhalden, wo sie sich mit ihren grossen, prächtigen Blüten aus dem grauen Gestein hervorheben. Oft treten sie in grösseren Gruppen auf. So sind sie in der Lage, mit ihrem kräftigen, weitverzweigten Wurzelsystem eine starke Stauwirkung auf das Geröll auszuüben und so rutschende Gesteinsflure zu festigen.

Mohnarten der Alpen
Die Alpenmohne sind schwer zu unterscheiden. Sie lassen sich am besten anhand ihrer Blattformen bestimmen. Das grösste Verbreitungsgebiet besitzt der Rhätische Alpenmohn (Papaver rhaeticum). Es erstreckt sich von den Pyrenäen über die Alpen und den Apennin bis in die östlichen Karpaten. Seine blaugrünen Blätter sind breit gelappt und borstig behaart. Der ähnliche Kerner-Alpenmohn (Papaver kerneri) besitzt dagegen hellgrüne, kahle Blätter mit schmalen Blattfiedern. Er ist nur in den südöstlichen Kalkalpen anzutreffen. Hier wächst er auf Kalkgeröll in den Karawanken, den Julischen und Steiner Alpen.

Gelegentlich findet man in den Alpen eine dem gelb blühenden Rhätischen Alpenmohn nahe verwandte Art, die im zentralasiati-chen Raum ihre Heimat hat. Es handelt sich dabei um Papaver croceum, den Altaischen Mohn, der in den letzten Jahren aus Steingärten verwildert ist. Er kann doppelt so hoch werden wie die gelben Alpenmohne, besitzt breit lappige Blätter und weisse, gelbe oder orangerote Blütenblätter.

Die übrigen Alpenmohne tragen weisse Blüten. Der Westliche Alpenmohn (Papaver occidentale) wächst auf Kalkschotter in den Westalpen. Sein Verbreitungsgebiet reicht von den Savoyer Alpen bis in die Westschweiz. In der Zentralschweiz ist der Sendtners Alpenmohn (Papaver sendtneri) (Bild) anzutreffen. Der Westliche Alpenmohn besitzt kahle, schmale Blattfiedern, Sendt-ners Alpenmohn breite und behaarte Blattfiedern. Die übrigen Alpenmohne treten in den Ostalpen auf. Nur in den nordöstlichen Kalkalpen vom Toten Ge-birge bis zum Wiener Schneeberg wächst der Burser-Alpenmohn (Papaver burseri), in den südöstlichen Kalkalpen, in den Julischen Alpen, finden wir den Julischen Alpenmohn (Papaver ernestimayeri), der zusätzlich noch ein kleines Vorkommen in den Abruzzen hat. Der Burser-Alpenmohn besitzt schmale Blätter mit drei bis vier entfernt stehenden Fiederpaaren, der Julische Alpenmohn trägt breitere Blätter mit meist drei genäherten Fiederpaaren. Beide Arten wie auch der Kerner-Alpenmohn kommen in der Schweiz nicht vor.

Früher besassen die Vorgänger der heutigen Alpenmohne ein grosses zusammenhängendes Verbreitungsgebiet. Durch die Eiszeiten starben viele Pflanzen aus oder wurden auf kleine, iso-lierte Gebiete zurückgedrängt. So konnte ein genetischer Austausch nicht mehr stattfinden. Die Folge davon war, dass die versprengten Vorkommen sich nach und nach zu eigenen Arten weiterentwickelten – ein grundlegender Prozess zur Entstehung von Artenvielfalt.

Bilder: © Wolfgang Nauer, Herbert Sauerbier, Martin Bolliger 

Tags (Stichworte): ArtenvielfaltBlumenBotanikDrogenHomöopathieMohnNaturheilkunde

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