Sanfte Wege aus dem Schmerz

Anja Speitel | Ausgabe_06/2017

Fast jeder sechste Schweizer leidet unter chronischen Schmerzen. Ihnen hilft nur eine ganzheitliche Behandlung, sind sich Experten einig.

@ istockphoto.com

Bewegung war Ruth Huber* stets ein Genuss. «Die Berge waren schon immer meine Leidenschaft – ob Skihochtouren oder Bergsteigen», erzählt die heute 72-Jährige aus Adligenswil. «Mit dem Älterwerden verlegte ich mich dann mehr und mehr aufs Wandern.» Doch zunehmend quälten sie dabei Schmerzen im Knie. «Ich konnte irgendwann kaum mehr rausgehen. » Das Haus liegt am Hang, und den konnte Huber wegen der Knieschmerzen immer schlechter bewältigen. Dann tat es auch in Ruhe weh: «Die Schmerzen wurden so schlimm, dass ich einige Monate grosse Mühe mit dem Einschlafen hatte. An Bewegung war kaum noch zu denken. Ich fühlte mich eingesperrt», erinnert sich die Rentnerin. «Es musste etwas geschehen.»

Gemeinsam mit ihrer Hausärztin und einem Orthopäden entschied sich Huber im Juni 2016 für eine Knie-OP: Der Meniskus war geschädigt. Auch leichte Arthrose hatte sie schon. «Die Schmerzen wurden durch die OP gelindert», berichtet die rüstige Dame, «doch dann kamen sie wieder, diesmal im Rücken! Ich habe vielleicht zu früh zu viel gemacht. Aber nach der OP dachte ich, dass mir Bewegung guttut.» Da sie kurz nach der OP jedoch noch nicht wieder geschmeidig gehen konnte, hatte sich durch die Fehlhaltung eine chronische Schmerzsymptomatik des Ischiasnervs ergeben. Auch frühere Bandscheibenschäden machten sich wieder bemerkbar.

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• Patienten-Selbsthilfe-Organisation Schmerzliga Schweiz
Rheumaliga Schweiz
Deutsche Schmerzliga e.V.
European League Against Pain (EULAP)
Schweizer Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (SGSS)
Schweizerische Kopfwehgesellschaft (SKG)

Auf der Suche nach Alternativen. Nach der OP hatte Huber ihre Medikamente brav genommen. «Ich mag eigentlich keine Chemie. Aber nach der OP vertraute ich auf die Schmerzmittel. Längerfristig wollte ich sie jedoch nicht einnehmen.» Die Hausärztin gab ihr homöopathische Globuli. Doch Huber suchte nach weiteren Methoden, mit denen sie ihrem Leiden begegnen konnte.

Und so traf die Rentnerin – mittlerweile rund ein Jahr von Schmerzen geplagt – auf Hans Peter Ogal, Facharzt für Anästhesiologie und Spezialist für Schmerztherapie und Akupunktur. «Während akute Schmerzen lebenswichtige Warnsignale darstellen, können sich Schmerzen, die nicht rechtzeitig oder nur ungenügend behandelt werden, zu einer Schmerzkrankheit entwickeln», warnt der Experte aus dem komplementärmedizinischen Zentrum Paramed. «Bereits leichte Reize, die normalerweise nicht als Schmerz gewertet werden, lösen dann starke Schmerzempfindungen aus oder leicht schmerzhafte Reize werden als ungewöhnlich intensiv empfunden.»

Um dem Teufelskreis aus Schmerzen zu entkommen, sei es neben der akuten Linderung wichtig, die tiefer liegenden Ursachen des Schmerzes gleichermassen einzubeziehen und zu behandeln. «Traumata, ungünstige Ernährungsgewohnheiten, Stoffwechselprobleme, Umwelteinflüsse, körperliche Fehlbelastungen, Verletzungen, Störungen des Immunsystems sowie erbliche Veranlagung zählen zu den wichtigsten Faktoren, die in ihrer Summe an der Krankheitsentwicklung beteiligt sein können.» Und so vielfältig Schmerzen in ihrer Entstehung und Ausprägung sein könnten, so vielfältig seien auch die Verfahren, um Schmerzen zu behandeln. «Gerade bei Schmerzerkrankungen reicht ein pauschales Herangehen meistens nicht aus», weiss Ogal. «Jeder Patient braucht eine individuelle Behandlung.»

Die Patienten werden vergessen. Bei der Schweizerischen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (SGSS) heisst es: «Chronische Schmerzpatienten müssen immer ganzheitlich betreut werden unter Berücksichtigung ihrer Persönlichkeit und ihres Umfeldes. Auch Psychotherapie und nicht medikamentöse Therapien sind ein Bestandteil davon.» Aus der Vielzahl der möglichen Verfahren die individuell wirkungsvollsten herauszufinden und sie bestmöglich zu kombinieren, ist für den Behandlungserfolg entscheidend. Doch hierin liegt die Krux: Zwar gibt es immer mehr spezialisierte Ärzte und Schmerzzentren. Ideal ist die Versorgungsstruktur für die geschätzten 16 Prozent der Schweizer Bevölkerung, die an chronischen Schmerzen leiden, aber bei Weitem nicht.

Chronischer Schmerz ist in der Schweiz und in ganz Europa ein erhebliches gesundheitspolitisches Problem: Die Gesamtkosten, die dem Schweizer Staat aufgrund von Chronischem Schmerz entstehen, belaufen sich nach Experten auf eine Höhe, die den Kosten für Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen entspricht!

«Primär aus Kostengründen hat der Chronische Schmerz in der Schweiz noch nicht den gesetzlichen Stellenwert bei den Leistungsträgern, den er nach WHO Vorgaben eigentlich haben müsste, und wie er in der restlichen EU bereits anerkannt ist», meint die Schweizer Schmerzliga. «Unser Ziel ist es, dass die Diagnose «Chronischer Schmerz» vom Gesetzgeber und von den Krankenkassen als eine eigenständige Diagnose offiziell akzeptiert wird. Und dass die Therapie – nicht nur die medikamentöse, sondern auch andere Therapieformen gemäss multimodalem Therapieansatz nach SGSS – in der Grundversorgung durch die Leistungsträger übernommen wird.»

Komplementärmedizin bei Schmerzen. «80 Prozent der Schmerzpatienten favorisieren den Einbezug komplementärmedizinischer Massnahmen», sagt Ogal aufgrund seiner Erfahrung aus der täglichen Praxis. Es habe sich gezeigt, dass komplementäre Therapien gerade bei Schmerzerkrankungen von grosser Wirksamkeit sind: «Zu den bekanntesten Therapieverfahren zählen Homöopathie, Neural- und Phytotherapie. Vielen meiner Patienten hilft auch die Einnahme von Enzymen», sagt Ogal. Zudem kommen Sauerstoff, Ozon- und Eigenbluttherapien, Darmsanierung, Medical Taping, pflanzliche Mittel oder Mikronährstoffe zum Einsatz: «Infusionen mit hoch dosiertem Vitamin C können bei Knochenschmerzen helfen. Vitamin E lindert Gelenkschmerzen und Omega3Fettsäuren wirken rheumatischen Schmerzen entgegen», führt Ogal als Beispiele an.

Hohen Stellenwert besitzen aus- und ableitende Verfahren wie Aderlass, Schröpfen und der Einsatz von Blutegeln. «Solche Verfahren stellen die Grundlage unserer alten Schulmedizin und unserer klassischen Schmerztherapie dar», sagt Ogal. Besonders gerne und mit guten Erfolgen werden Schmerzpatienten mit Akupunktur behandelt, sowohl mit klassischer als auch mit Sonderformen wie Ohrakupunktur oder Schädelakupunktur nach Yamamoto. Dass die Nadeltherapie wirkt, belegen mittlerweile viele klinische Studien.

Neu gewonnene Freiheit. Auch Ruth Huber hilft Akupunktur. «Einmal pro Woche fahre ich dafür nach Baar zu Dr. Ogal. Ein langer Weg, doch es tut mir so gut.» Auch Vitamine, Ananasenzyme und pfl anzliche Auszüge der Teufelskralle helfen ihr mehr und mehr aus dem Schmerz. «Ich bewege mich gerne», sagt die Rentnerin. «Dass ich wieder zu Fuss ins Dorf gehen und Velo fahren kann, bedeutet für mich Freiheit. Ich erwarte nicht, dass ich auf Viertausender steigen kann. Aber im Sommer wieder auf die Rigi zu wandern – ach, das wäre wunderbar!»

Fotos: istockphoto.com

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