Reisen mit gutem Gewissen

Eva Rosenfelder | Ausgabe_09/17

Kaum sind die Sommerferien vorbei, planen viele schon die nächste Reise. Der Tourismus floriert. Gleichzeitig heizt er dem globalen Klima ein.

@ fotolia.com, zvg

Wie gut es doch tut, ab und zu seine gängigen Muster über den Haufen zu werfen, unbekannte Menschen, nie gesehene Landschaften und spannende Kulturen kennenzulernen. Mehr als 1,2 Milliarden grenzüberschreitende Reisen werden jährlich unternommen. Ja, Reisen entstaubt die Seele, belebt den Alltag, tut einfach gut. Kaum jemand möchte verzichten darauf, obwohl Ferien auf «Balkonien» sicher eine günstige, umweltschonende Ferienvariante wäre. Man darf aber auch nicht vergessen, dass Reisen und Tourismus die global gesehen wichtigsten «Arbeitgeber» sind: Jeder zehnte Job weltweit hängt am Tourismus.

Wer mit gutem Gewissen die Welt erkunden möchte, startet seine Ferienplanung am besten im Kopf, denn egal ob Fernreise, Bergwanderung oder Velotrip: Nachhaltiges Reisen braucht gute Vorbereitung. Es geht ja nicht nur darum, wie ich meine Traumdestination erreiche. Für die Umwelt zählt auch, wie ich meine Ferientage vor Ort verbringe, wo immer das sein mag.

Bedürfnis nach Genuss und Erholung
. In einer Zeit voller Leistungsdruck und Hektik lechzen immer mehr Menschen nach Erholung. Der Anspruch steigt, wenigstens in den Ferien abzuschalten und die Batterien aufzuladen. Doch die globale Vielfalt und die zahllosen Reiseangebote werden fast schon zur Überforderung – kaum ein Ort auf dieser Welt, der nicht innerhalb nützlicher Frist erreicht werden kann. Doch für konsumbewusste Erholungssuchende gewinnen Entschleunigung, Geschmack, Gesundheit und Regionalität wieder an Bedeutung. Und das finden ausgebrannte Zeitgenossen vor allem in der Natur. So sehnen sie sich nach einzigartigen Landschaften oder möchten regionale Spezialitäten geniessen, wenn möglich in Bio- oder Slowfood-Qualität. Wer dabei den Einheimischen offen begegnet, erfährt authentische Kultur. So bekommt die Ferienreise eine hohe und nachhaltig wirkende Qualität.

Flug kompensiert – Gewissen beruhigt. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Wo immer wir uns bewegen, hinterlassen wir Spuren. Es ist ein Fakt, dass der Tourismus beträchtliche Emissionen verursacht, besonders durch Flugreisen. Obwohl nur zwei Prozent der Weltbevölkerung aktiv am Flugverkehr teilnehmen, trägt er mit zwei bis vier Prozent zur «menschgemachten» Klimaerwärmung bei. Der Klimawandel ist bei uns zunehmend spürbar. In Entwicklungsländern wirkt er sich schon heute verheerend aus, zum Beispiel durch Naturkatastrophen, Nahrungsknappheit oder Landverlust.

Die Idee von Klimaabgaben für Flugreisen machen Sinn, sofern sie nicht als «Ablasshandel» verstanden werden, im Sinne von: «Solange ich alle Emissionen kompensiere, kann ich so viel fliegen, wie ich will.» Natürlich ändert die CO2-Kompensation nichts daran, dass viel zu viele Treibhausgase in die Luft gelangen (Flug gebucht, Klima geschädigt!). Sie sind also keine Lösung. Denn wenn sich die Erde laut klimapolitischem Ziel der UN nur um zwei Grad erwärmen soll, dann dürften wir noch 20 Prozent der restlichen fossilen Brennstoffe verbrauchen. Die Emissionen sollten also nicht konstant gehalten, sondern drastisch gesenkt werden. Das bedeutet: Sie müssen nicht kompensiert, sondern verhindert werden.

Soziale Auswirkungen. Wer nun aber das Klima wenigstens anderweitig durch gute Projekte schonen will, kann nach der Buchung eines Fluges bei Kompensationsanbietern wie myclimate oder Atmosfair einen Kompensationsbeitrag entrichten, der nach Kriterien wie Flugdistanz, Verbrauch oder Sitzklasse berechnet wird. «Diese ‹Verursachergebühr› garantiert, dass die Emissionen an anderer Stelle mindestens im gleichen Masse ausgeglichen werden», so Kai Landerer von myclimate.

Mittlerweile können Kunden den CO2- Ausstoss ihres Fluges auch direkt auf den Seiten einiger Fluggesellschaften ausgleichen, die dafür oftmals mit den bekannten Anbietern kooperieren. Es gibt zudem eine ganze Auswahl an Produktangeboten, die sich «kompensieren» lassen, etwa Busreisen oder Hotelaufenthalte, aber auch Fernseher, Notebooks etc. Konsumenten sollten dabei darauf achten, dass die Projekte, die ein Anbieter unterstützt, mit dem sogenannten Goldstandard ausgezeichnet sind. Der weltweit führende Zertifizierer für Klimaschutzprojekte prüft nicht nur die Reduktion der Emissionen, sondern garantiert auch weitere positive Auswirkungen für die Umwelt und die lokale Bevölkerung, die sich an Global Sustainability Goals orientieren. Denn jede Reise hat nicht nur Auswirkungen auf die Natur, sondern auch auf die Menschen vor Ort.

Fair reisen. Es ist deshalb wesentlich, sich schon bei der Planung der Reise auch diesbezüglich Gedanken zu machen: Bezahlt das ausgewählte Reiseunternehmen den einheimischen Angestellten Löhne, mit denen sie ihre Familien ernähren können? Was bleibt Land und Leuten, wenn die Feriensaison vorbei ist? Und wie sieht es aus in der Traumdestination mit der Rücksichtnahme auf natürliche Ressourcen, wie etwa die Wasser- und Energieversorgung oder den Artenschutz? Bedenklich ist zum Beispiel, wenn Hotels das Trinkwasser der Einheimischen abpumpen, um den Touristen zu jeder Tageszeit ausgiebiges Duschen zu ermöglichen oder um Golfplätze zu bewässern und Pools zu füllen. Und woher kommen eigentlich die Lebensmittel? Werden im «landestypischen Restaurant» tatsächlich einheimische Produkte serviert? Die Ernährung ist ein wichtiger Faktor beim Klimaschutz, hier könnte nicht nur die Gastronomie, sondern jeder Einzelne sehr viel mehr tun, etwa durch den Konsum regionaler Produkte und den Verzicht auf Fleisch.

Faire Tourismusangebote ermöglichen nicht nur der lokalen Bevölkerung echte wirtschaftliche Chancen, sie berücksichtigen auch die kulturelle Identität und schützen die Umwelt. Erfreulicherweise gibt es weltweit schon viele Ansätze in diese Richtung und meist sind die Einheimischen sehr motiviert, den Gästen die Schätze ihrer Kultur und Natur nahezubringen. Einen wertvollen Überblick, wie viele gute Projekte bereits realisiert werden konnten, bieten zum Beispiel mit Gütesiegeln ausgezeichnete Labels für nachhaltiges Reisen. So vorbereitet, können Sie sich schon jetzt auf Ihre nächste Reise freuen. 

Buchtipps
• Frank Herrmann «FAIRreisen. Ein Handbuch für alle, die umweltbewusst unterwegs sein wollen», oekom Verlag, 2016, Fr. 28.90
• Broschüre «Wegweiser durch den Labeldschungel», erhältlich beim arbeitskreis tourismus & entwicklung, info@akte.ch

Fotos: fotolia.com, zvg

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