Reise um die Welt

Hans Keller | Ausgabe 12 - 2008

Georg Forsters Bericht über Captain Cooks Expedition erschien 1778 als «Reise um die Welt» erstmals auf Deutsch. Jetzt ist er mit vielen von Forsters Zeichnungen und Aquarellen neu erschienen. Ein Lese- und Schauvergnügen erster Güte.

«Alles sah er voraus, als rasch die Liebe der Freiheit, Als ihn die Lust, im neuen veränderten Wesen zu wirken, Trieb nach Paris zu gehen, dahin, wo er Kerker und Tod fand. Lebe glücklich, sagt’ er. Ich gehe: denn alles bewegt sich Jetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen. Grundgesetze lösen sich auf der festesten Staaten, und es löst der Besitz sich los vom alten Besitzer, Freund sich los von Freund: so löst sich Liebe von Liebe.»

Diese Passage findet sich in Goethes Epos «Hermann und Dorothea» aus dem Jahre 1798. Das Flüchtlingsmädchen Dorothea gedenkt vor der Vermählung mit dem Bauernsohn Hermann ihres ehemaligen Verlobten, der als Revolutionär nach Paris ging und dort umkam. Der Revolutionskritiker Goethe hat hier dem von ihm menschlich und wissenschaftlich-künstlerisch hoch geschätzten Georg Forster ein literarisches Denkmal gesetzt. Was die Art des Todes anbelangt, bediente sich Goethe künstlerischer Freiheit, denn der entkräftete Forster starb 1794 in einer Dachstube vermutlich an Lungenentzündung.

 Auf Weltreise mit Captain Cook

Wer war dieser lange Zeit in Vergessenheit geratene, bedeutende und vielseitige Georg Forster? Zunächst einmal ein echter Europäer, der 1754 im Kaff Nassenhuben bei Danzig geboren wurde und in Polen, Russland, Deutschland, England und Frankreich lebte und wirkte. Forsters Vater Johann Reinhold amtierte als reformierter Pastor im moorigen Weiler. In Georg Forsters Geburtsjahr erblickte auch Ludwig XVI. das Licht der Welt und Rousseau schrieb seinen Essay «Über die Ungleichheit».

Pastor Forster war ein reger Geist, der mit vielen Koryphäen korrespondierte und das Pfarramt vorwiegend aus pekuniären Gründen versah. 1765 reiste er mit seinem Sohn Georg im Auftrag der Zarin Katharina nach Russland, um die Bedingungen für eine Ansiedlung deutscher Bauern an der Wolga zu prüfen. Forster senior dachte nach der Russland-Mission nicht daran, zu seiner darbenden Familie in Nassenhuben zurückzukehren, sondern segelte mit dem Filius per Frachtschiff nach England, wo er familiäre Wurzeln besass. In Russland besuchte Georg das einzige Mal in seinem Leben eine reguläre Schule und lernte dort Russisch, Französisch und Lateinisch. Der Wunderknabe sprach bald auch perfekt Englisch und übersetzte mit zwölf Jahren Lomonossows «Kleine Geschichte Russlands» ins Englische. In England lebte man mittellos, bis Johann Reibhold schliesslich zum Professor an die aufgeklärte Dissidenten-Akademie in Warrington berufen wurde.

Forster senior hatte als Querulant stets Mühe, Arbeit zu finden. Da kam aus heiterem Himmel die Anfrage, ob er bereit wäre, Captain James Cook auf dessen zweiter Weltreise zu begleiten. Forster sagte ohne zu zögern zu, heuerte mit seinem Sohn auf der Resolution an. Am 13. Juli 1772 segelte man von Plymouth ab, eine Reise, die ganze drei Jahre dauern sollte.

Die Forsters waren als Lückenbüsser für Joseph Banks, einen Teilnehmer an Cooks erster Reise, engagiert worden, da Banks zu hohe Anforderungen an den Komfort des Schiffes stellte. Aufgabe der Forsters war die schriftliche und optische Dokumentation der Fahrt, wobei der begabte Sohn das zeichnerische Festhalten der Fauna und Flora übernahm. Die Tätigkeitsbereiche waren klar aufgeteilt, denn für Menschendarstellungen war der Maler William Hodges zuständig.

Begründer der Reiseliteratur

Forster seniors Proben wurden von offizieller Stelle abgelehnt, nicht zuletzt wegen seines haarsträubend schlechten Englisch. Schliesslich übernahm der Sohn die Niederschrift. Und was dabei herauskam, gilt als Begründung der modernen Reiseliteratur. Georg Forsters lebendige, detaillierte und stets spannende Schilderungen sind in einer klassischen Sprache abgefasst.

Die englische Ausgabe der «Reise um die Welt» erschien im März 1777 ohne die Aquarelle und Zeichnungen, einen Monat vor Cooks eigenem Buch, das vorteilhaft mit dreiundsechzig Kupferstichen nach Hodges Malereien bebildert war. Georgs Bildwerk erstand – man war wieder einmal in Geldnot – kurioserweise der auf der vorhergehenden Seite erwähnte Joseph Banks.

Die Reise führte von Plymouth zum Kap der Guten Hoffnung; zweimal näherte man sich der Antarktis, kehrte aber infolge widrigster Wetterlagen nach Neuseeland und den Gesellschaftsinseln zurück. Forster schildert eindrücklich ungeheure Stürme, aber auch das Alltagsleben auf dem Schiff, das oft vom Kampf gegen Krankheiten wie Skorbut geprägt war, dem man mit Sauerkraut beizukommen versuchte.

Die hübschen Tahitianerinnen

Da es eines von Cooks Vorhaben war,
so nah wie möglich an den Südpol heranzusegeln, um dort vermutetes Festland zu entdecken, geriet man in eisigste Gewässer. Man drehte nach Norden ab und erreichte Dusky Bay am südlichen Ende von Neuseeland. In dieser romantischen Landschaft mit ihren von Wäldern gekrönten Felsen und den Wasserfällen ergaben sich erste Kontakte zu Südsee-Eingeborenen. Forster beschreibt diese «Wilden» genau, er studiert ihr Verhalten und zieht Vergleiche mit der zivilisierten Welt. So schildert er die Oberkörper der Eingeborenen von Dusky Bay als «wohl gebildet», deren Beine aber als dünn und krumm. Im Gegensatz dazu erscheinen Forster etwas später die mahagonifarbenen Tahitianer als anmutig und die Frauen als «hübsch genug, um Europäern in die Augen zu fallen».

Bei den Kontakten und Tauschgeschäften kam es natürlich auch zu Berührungen zwischen den Geschlechtern, wobei sich etliche Matrosen einschlägige Krankheiten holten. Für Forster Anlass zu Reflexionen: «Die jüngste Frauensperson (...) fing nunmehr an zu tanzen. Unsere Seeleute erlaubten sich dieses Umstandes halber einige grobe Einfälle auf Kosten des weiblichen Geschlechts, wir aber fanden durch dieses Betragen die Bemerkung bestätigt, dass die Natur dem Manne nicht nur eine Gespielin gegeben, seine Sorgen und Mühseligkeiten zu erleichtern, sondern dass sie dieser auch, durchgehends, die Begierde eingepflanzt habe, vermittelst eines höheren Grads von Lebhaftigkeit und Gesprächigkeit zu gefallen.»

Die Gedanken, die sich der spätere Revolutionsanhänger in diesen Umfeldern zu Gesellschaftlichem macht, sind stets interessant. Als er etwa einen Eingeborenen beobachtet, der die beiden ihn begleitenden Frauen schlägt, worauf die jüngere subito zurückgibt, sinniert Forster: Diese Leute folgten vielleicht «in allen Stücken geradezu der Stimme der Natur, die sich empört gegen jede Art von Unterdrückung». Solche Stellen, die oft in das Resumé münden, man müsse die Südsee-Insulaner vor der westlichen Zivilisation schützen, kommen häufig vor.

Schwieriges Aquarellieren

Eine Besonderheit bilden die Eingeborenen von Neu-Kaledonien. Im Gegensatz zu den anderen Insulanern waren diese eher mit den Aborigines des nahen Neu-Holland – dem heutigen Australien – verwandt. Auf den Neuen Hebriden und in Neu-Kaledonien wurde auch eine Menge bisher unbekannter Pflanzen und Tiere entdeckt. Zu den prominentesten Novitäten insgesamt gehört zum Beispiel Baringtonia asiatica, ein tahitischer «Baum, der das prächtigste Ansehen von der Welt hatte» und dessen weiss-rosafarbenen Blüten die Eingeborenen mit Muschelfleisch vermischten. Den so entstandenen Brei warfen sie ins Meer und betäubten damit die Fische.

Das Zeichnen und Aquarellieren der Pflanzen und Tiere war mit Schwierigkeiten verbunden. Oft musste schnell skizziert werden, da die an Bord geholten Pflanzen rasch verwelkten und die Fische ihre Farbe verloren. Forsters zügiges Arbeiten verleiht nicht wenigen Blättern die Qualität hingeworfener japanischer Pinselbilder. So ist etwa der locker aquarellierte Kuhkopf-Doktorfisch aus tahitischen Gewässern unvollständig eingefärbt, in der Mitte des Körpers notierte Forster «Black». Einige Blätter halten heute ausgestorbene Spezies fest, zum Beispiel den lustigen, grün bemantelten Waldschlüpfer, einen Vogel aus Dusky Bay, oder den knallbunten Tahiti-Laufsittich. Die insgesamt 572 Forster-Bilder gingen nach James Banks Tod zunächst komplett ans British Museum und von dort ebenso vollständig ans 1881 gegründete Londoner Natural History Museum.

Revolutionär

Georg Forster trennte sich später von seinem Vater und reiste erst nach Paris und dann nach Deutschland, wo ihm in Kassel eine Professur angeboten wurde. Er schätzte die Nähe zum lebendigen Göttingen und lernte dort sowohl seine Frau Therese als auch die spätere Frühromantikerin Caroline Michaelis, besser bekannt unter dem Namen Schlegel, kennen. Wien, Polen und Russland waren weitere Stationen.

Und dann kam das Jahr 1789. Forster begeisterte sich für die Ideale der Französischen Revolution und wurde zu einer zentralen Figur in der Mainzer Republik, der spektakulärsten Auswirkung, welche die Revolution in Deutschland gezeitigt hatte. Konsequent, wie er war, begab sich Georg Forster nach dem Scheitern des Mainzer Experimentes und nach zahlreichen Umwegen ins kochende Paris, wo er, noch keine 40 Jahre alt, 1794 starb.

Literatur
Georg Forster: «Reise um die Welt», 648 S., Leinenausgabe
viele vierfarbige Illustrationen, Eichborn Verlag 2007, Fr. 175.–

Bilder: © National History Museum, London


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