Raus aus dem Haus

Isabelle Meier | Ausgabe 12 - 2011

Dauernebel drückt aufs Gemüt. Wenn sich die Sonne tagelang nicht zeigt, leidet gemäss Studien jeder zehnte Erwachsene am Winterblues. Das beste Gegenmittel: Täglich eine halbe Stunde raus ans Licht – auch bei schlechtem Wetter.

Der Himmel ist blau, die Sonne scheint hell, weit unten liegt die Nebelsuppe: Wer bei Hochnebel auf einem Berggipfel steht und auf das dichte Wolkenmeer hinunterblickt, fühlt sich glücklich – auch wenn er sich den Platz an der Sonne eventuell mit zahlreichen anderen teilen muss. Dauernebel treibt die Menschen in die Höhe. Ist der Himmel tagelang bedeckt, lechzt man nach Licht. In diesem Punkt unterscheiden wir uns kaum von Pflanzen: Auch sie drehen sich zur Sonne und beziehen lebenswichtige Stoffe aus dem Licht. Ein Bedürfnis nach Licht kennen sogar bereits Einzeller. Sie wenden sich automatisch einer Lichtquelle zu.

«Licht hat eine stimmungshebende und wachhaltende Wirkung», weiss Anna Wirz- Justice, Professorin für Chronobiologie an der psychiatrischen Klinik der Uni Basel. Die Neurobiologin beschäftigt sich seit Jahren mit der Wirkung von Licht auf das  menschliche Gehirn. Dass Helligkeit das Gemüt erhellt, hat folgenden Grund: Trifft Licht auf das Auge, wird die Produktion des Glückshormons Serotonin angekurbelt. Gleichzeitig wird die Ausschüttung von Melatonin – dem Hormon, das uns schläfrig macht – gedrosselt. Das erklärt, warum wir in den dunklen Wintermonaten häufig müde, lustlos und schlecht gelaunt sind. Fehlt die Lichtquelle und somit das Serotonin, kann die Stimmung schnell in den Keller fallen. Hinzu kommt, dass fehlendes Tageslicht und zu viel Kunstlicht auch den Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander bringt und somit Schlafstörungen auslösen kann. Lichtmangel kann bis zu einer Depression führen: Man spricht in diesem Fall von einer saisonal abhängigen Depression oder einer Winterdepression.

Sich regen bringt Segen

«Studien haben gezeigt: Zehn Prozent der Erwachsenen leiden im Winter an Stimmungstiefs und Schläfrigkeit», sagt Anna Wirz-Justice. Bei zwei Prozent der Betroffenen spreche man gar von einer Winterdepression, die eine Behandlung erfordere. Christine Heim, Präsidentin des Vereins zur Bewältigung von Depressionen Equilibrium kann das bestätigen: «Zwischen Oktober und März suchen unsere Mitglieder deutlich mehr das Gespräch», sagt sie.

Wenn einen der Winterblues trifft, hilft nur eines: Raus aus dem Haus! Und zwar auch dann, wenn es regnet und düster ist. «Auch bei schlechtem Wetter ist es draussen um ein Vielfaches heller als drinnen», sagt Anna Wirz-Justice. Auch Christine Heim rät zu Aktivitäten ausserhalb der eigenen vier Wände: «Bewegung an der frischen Luft aktiviert auch den Kreislauf und den Hirnstoffwechsel. In der Kälte spürt man zudem den Körper. Viele Depressive haben ein schlechtes Körpergefühl.» Anna Wirz-Justice empiehlt täglich eine halbe Stunde Fahrrad fahren, joggen oder spazieren gehen. «Am besten am Morgen früh, dann ist die stimmungshebende Wirkung am stärksten», sagt sie. Der Grund: Das Schlafhormon Melatonin wird besonders in der zweiten Nachthälfte produziert. Wird das Gehirn unmittelbar nach dem morgendlichen Aufwachen mit Licht geflutet, wird die Produktion von Melatonin abrupt beendet – es kommt zu einem positiven Stimmungsumschwung. Doch auch wer tagsüber joggen geht, profitiert.

Wir sitzen jobbedingt und aus Bequemlichkeit grundsätzlich zu viel in geschlossenen Räumen. Das entspricht eigentlich nicht unserer Natur: «Evolutionsbiologisch gesehen, sitzen wir erst seit kurzer Zeit den ganzen Tag im Büro», sagte der Berliner Schlafmediziner Dieter Kunz gegenüber dem Magazin «Bild der Wissenschaft». «Unser Körper hinkt noch hinterher. Für ihn wäre es normal, wenn wir tagsüber draussen im Hellen wären.»

Licht macht intelligent

Auch am Arbeitsplatz gibt es Möglichkeiten, die tägliche Lichtdosis zu erhöhen. Studien des Berliner Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung belegen, dass Mitarbeiter, die am Arbeitsplatz viel Tageslicht ausgesetzt sind, zufriedener und gesundheitlich stabiler sind als jene, die wenig Tageslicht abbekommen. Jedoch macht selbst eine gute künstliche Beleuchtung wach und steigert die Leistungsfähigkeit. Wichtig ist dabei offenbar, dass der Blauanteil im Licht hoch ist. Der Psychologe Siegfried Lehrl von der Universität Erlangen, Deutschland, konnte zeigen, dass bläuliches Licht in Schulzimmern das Lernvermögen fördert. Er rechnete aus, dass die Verbesserung beim Lernen etwa einem um fünf Punkte höheren Intelligenzquotienten entspricht.

Jedes sichtbare Licht besteht aus einer Mischung von farbigem Licht, ähnlich dem Spektrum eines Regenbogens. Im Tageslicht sind alle Farben etwa gleich stark vertreten, während bei typischen Glühlampen die rötliche Komponente überwiegt. Im Gegensatz zum warmen Licht der Glühlampe erscheint das Tageslicht daher bläulich-kalt – und wegen seiner höheren Farbtemperatur viel heller.

Den Blaueffekt nutzt auch die Lichttherapie, die bei Stimmungstiefs eingesetzt wird: Dabei setzt man sich während einer halben Stunde vor eine spezielle Lampe und verpasst sich eine Extradosis Licht. Die Lampe strahlt etwa mit 10 000 Lux. Das ist rund hundert Mal so hell wie eine normale Raumbeleuchtung. Ein strahlend sonniger Sommertag kommt etwa auf 100 000 Lux.

Achtung Vitaminmangel

Licht wirke klar als Antidepressivum, stellt Anna Wirz-Justice fest. Es wirke zwar langsamer als ein Medikament, sei dafür jedoch gegen alle Formen von Depressionen nützlich. Licht kann aber noch mehr: Es bildet im Körper Vitamin D. Dieses Vitamin hält die Knochen stabil und schützt die Zähne. Da dieses Vitamin nur mit Sonnenlicht gebildet wird, droht ohne Licht also sogar ein Vitaminmangel. Ausserdem sorgt viel Licht während des Tages für einen gesunden Schlaf, da es den Schlaf-wach-Rhythmus reguliert.

Dafür ist es aber auch wichtig, am Abend die Lichtmenge zu reduzieren. Die meisten machen das automatisch, indem sie am Abend das Licht dimmen. Gedämpftes Licht stört die Melatoninproduktion nicht und macht schläfrig. So ist für eine ruhige Nacht gesorgt – bevor es bei Tagesanbruch raus zum Joggen geht.

Fotos: fotolia.com, glasseyes view / flickr cc


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