Rampensau
Simon Libsig führt eine Rangliste seiner Horrorauftritte. Bei einem der drei Anwärter auf die Nummer eins mutierte der Poet zum Marktschreier auf Elefantenfuss.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich liebe meinen Job. In meinen Ohren klingt es schon komisch, von Job zu reden, denn Geschichten zu schreiben und zu erzählen macht mich glücklich, dafür bin ich hier. Es kommt mir manchmal so vor, als wohne in mir drin ein Vielfrass, ein hungriges Ding, das gefüttert werden muss. Und dieses Ding frisst Textseiten.
Das, was ich tue, tue ich gern. Und trotzdem gab es über die letzten paar Jahre einzelne, na ja, Dämpfer zu verzeichnen. Ich führe eine entsprechende Liste. Sie heisst: Horrorauftritte! Es sind gleich drei Auftritte, die sich auf dieser Liste die Nummer eins streitig machen. Einen möchte ich Ihnen hier erzählen – auch in der Hoffnung, das Erlebte möge dadurch etwas an traumatischem Gewicht verlieren.
Also: Eine grosse Handelskette, die sich auf den Vertrieb von Büchern, Tonträgern und Unterhaltungselektronik spezialisiert hat, war auf eine meiner CDs aufmerksam geworden. Sie würden diese CD gerne «promoten» hiess es, und ich solle doch in einer ihrer Filialen als «special guest» einzelne Texte «performen». Ein kurzer «showcase» sozusagen.
Der Auftritt wurde auf einen Samstagnachmittag gelegt, «primetime», und sollte auf einer eigens dafür errichteten Bühne im obersten Stock stattfinden, in der «Entertainment Lounge». Eine Gage gäbe es nicht, hiess es, dafür «much publicity» und natürlich würden meine CDs direkt verkauft, und ich könne sie dann auch gleich für die Fans signieren. Nun gut.
Bei meiner Ankunft rollte die zuständige Eventleiterin kurz mit den Augen, dann schlug sie sich mit der rechten Hand unsanft auf die Stirn und meinte: «Ah, stimmt, heute ist ja Samstag.» Die «Entertainment Lounge» sei nun halt schon anderweitig vergeben, meinte sie weiter, aber mein Auftritt würde unten, direkt beim Haupteingang, sowieso viel mehr Sinn machen. Dort gäbe es zwar keine Bühne, aber ich solle mich doch einfach auf dieses Ding hier stellen, und dann rollte sie mir einen dieser rollbaren Steighilfen zu, auf die man sich stellt, um einen Gegenstand in einem hohen Regal zu erreichen, einen «Elefantenfuss», wie dieser Teufelshocker im Fachjargon heisst. «Das ist doch lustig», meinte sie, «und sie singen ja auch lustige Lieder, oder?»
Natürlich, spätestens hier hätte ich die Übung abbrechen und verschwinden sollen, aber man möchte ja auch nicht gleich den Miesepeter raushängen, und überhaupt, wer schon bei der geringsten Schwierigkeit den Schwanz einzieht, der hat in diesem Business sowieso nichts verloren. Ich hätte besser auf mein Bauchgefühl gehört, als mir zur Beruhigung solchen Quatsch einzureden.
Schliesslich fand ich mich auf diesem Elefantenfuss wieder, direkt neben der Rolltreppe am Haupteingang, ohne Mikrofon. Und ich versuchte, mir irgendwie Gehör zu verschaffen. In diesem Moment war ich kein Poet mehr, der seine Gedichte und Geschichten vorträgt, ich war ein Marktschreier inmitten des sich im Kaufrausch befindenden Samstagnachmittag-Mobs. Alle paar Sekunden ging die grosse Eingangstüre auf und eine neuerliche Woge potenzieller Kunden wurde in den Laden gespült. Die grosse Masse zog direkt zur Rolltreppe und an mir vorbei. Einige liefen auch um mich herum und versammelten sich in meinem Rücken, denn dort befand sich das grosse Regal mit den DVD-Neuerscheinungen.
Einzig ein kleiner Junge richtete für einen kurzen Moment seine Aufmerksamkeit auf mich. Er stand mit seinen drei Kumpels etwas rechts von mir und spielte an der dort aufgestellten Game-Konsole das neuste Autorennen. Als sein Auto von der Fahrbahn abkam und gegen einen Baum knallte, drehte er sich für ein paar Sekunden zu mir um, schüttelte den Kopf und machte: «Pssst!»
Zur Person
Simon Libsig (1977) kann lesen und schreiben. Mit dieser Fähigkeit gewann der Badener bereits mehrere Poetry Slams und den Publikumspreis Swiss Comedy Award 2009. Zurzeit ist er mit seinem neuen Solo-Programm «Sprechstunde» auf Tournee. Mehr Info dazu auf www.simon-libsig.ch
Foto: muhawi001 / flickr / cc
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