Projekt Arche
Die landwirtschaftliche Tierhaltung ist auf einige wenige Hochleistungsrassen spezialisiert. Viele einheimische Rassen drohen deshalb auszusterben. Das alte Erbgut könnte jedoch helfen, die Probleme der Zukunft zu lösen.
Er ist wie ein kleines Paradies für Tiere, der Arche-Hof Mühlstatt in Urnäsch im Appenzellerland. Im Schutz eines Weidenhauses machen die Appenzeller Spitzhauben gerade ihren Mittagsschlaf. Sandra Weber und Hans Neff versuchen, sie mit etwas Futter hervorzulocken. Scheia ist das schwarze Huhn, Zora das rote oder wie Züchter sagen das chamoisfarbige. Scheia ist vorsichtiger und lässt sich nicht so leicht fotografieren. Die lebhafte Zora und die jungen Hähne sind dagegen weniger scheu und immer ganz vorne, wenn es Futter gibt. «Bei uns ist jedes Tier eine Persönlichkeit für sich», erklärt Sandra Weber. Neben den vielfältigen Charakteren gefällt ihr vor allem die Farbenvielfalt der Tiere, welche sie als Kunstmalerin zu immer neuen Bildern inspirier
Arche ist kein Zoo
Doch die Tiere sind nicht einfach nur zum Spass da. Der Arche-Hof ist auch kein Zoo, sondern ein Bauernhof, der biologisch bewirtschaftet wird und zu dem die Tiere passen müssen. Auf der steilen Weide grasen drei Kühe: Elke, Gina und Gribel. Sie gehören zum Rätischen Grauvieh, eine etwas dunklere und kleinere Rasse als das Braunvieh.
Gina ist schon über 17 Jahre alt, eine würdige alte Dame in einer Zeit, in der die meisten Kühe nicht älter als fünf bis sechs Jahre werden. Hans Neff melkt sie von Hand, und die Kälber dürfen sich ihren Teil der Milch selbst abholen. Leben kann man von einem Hof mit sechs Hektaren nicht mehr, aber, wie der Landwirt sagt, ist der Hof ein Teil des Lebens der beiden Naturfreunde.
Der Arche-Hof will alte Nutztierrassen erhalten. Diese erbringen zwar nicht dieselbe Leistung mwie die modernen Hochleistungsrassen, aber sie haben andere Vorteile, die sonst verloren gehen könnten. Oft sind alte Rassen langlebiger, widerstandsfähiger und vitaler. Das leichte Rätische Grauvieh eignet sich vor allem zum Beweiden von Hängen, wo grosse Tiere bei Nässe leicht Trittschäden machen.
In einem Gehege um das Gewächshaus tummeln sich Enten mit einem «Latz» auf der Brust: Pommernenten. Benannt sinsd sie nach ihrem Hauptzuchtgebiet in Pommern. Ihre Aufgabe ist nebst dem Eierlegen auch die Schnecken aus dem Garten fernzuhalten. «Wir behalten nur die Enten zur Zucht, die einen schön abgegrenzten Latz haben», sagt die Tierhalterin und verrät dabei, dass sie auf die Zuchtziele der Rasse Wert legt.
Was der Bauer nicht kennt…
Doch mehr noch als Zuchtziele liegt den beiden Tierhaltern die Vielfalt der Rassen am Herzen. Beim Wirtschaftsgeflügel gäbe es kaum noch farbige Tiere, erklärt Hans Neff, denn das erleichtere die Verarbeitung des geschlachteten Tieres. Bleibt nämlich beim Rupfen der Rest eines schwarzen Federkiels im Körper stecken, falle das viel mehr auf als bei einem weissen – und das werde vom Konsumenten gar nicht geschätzt. Doch ist das ein Grund, auf die grosse, in der Natur vorkommende Rassenvielfalt zu verzichten? »Nein», steht für Neff und seine Partnerin fest.
Tiere halten ist die eine Strategie von Sandra Weber und Hans Neff, um alte Rassen zu erhalten. Den Leuten die Tiere zeigen und von ihnen erzählen, ist die andere. Denn so lange man die Tiere nicht kenne, schätze man sie auch nicht. Dasselbe gilt auch für alte Pflanzensorten, zum Beispiel die Chriecheli, die gelben Wildpflaumen mit dem Aprikosengeschmack, die weissen Küttiger Rüebli oder der grünlich-pinkige Baumspinat, bei dessen Ernte man sich nicht bücken muss: Der Arche-Hof Mühlstatt ist ein Lehrpfad in die Vielfalt der Natur.
Ein hartes Stück Arbeit
Insgesamt gibt es in der Schweiz neun Arche-Höfe. Es sind Begegnungszentren, die zeigen, wie die «Saat» der Schweizerischen Stiftung für die kulturhistorische und genetische Vielfalt von Pflanzen und Tieren, ProSpecieRara, aufgeht. Sie vergibt das Label Arche an Landwirtschaftsbetriebe, welche Tiere alter Rassen halten und auch nutzen. Das zentrale Anliegen der Stiftung ist, die Tiere «on farm» zu halten, wie sich Béla Bartha, Geschäftsführer von ProSpecieRara, im Fachjargon ausdrückt. Gemeint ist, die Tiere in ihrem natürlichen und kulturellen Umfeld zu halten.
Um die Auszeichnung Arche tragen zu dürfen, müssen die Bauernhöfe Qualitätskriterien erfüllen. Der Eintrag in ein anerkanntes Herdebuch und die artgemässe Haltung sind Voraussetzungen. Die Bauernhöfe müssen nicht unbedingt die Richtlinien von Bio-Suisse erfüllen, aber es ist wünschenswert. ProSpecieRara begleitet und unterstützt die Arche-Höfe sowohl bei der Erhaltung der alten Rassen als auch bei der Öffentlichkeitsarbeit.
Vor 27 Jahren gründete Hans-Peter Grünenfelder die Stiftung unter Mithilfe des WWF, des ehemaligen Schweizerischen Bundes für Naturschutz (heute Pro Natura) und privater Idealisten und Gönnern. Unterstützung zu finden war nicht einfach. «Am Anfang hatte die offizielle Landwirtschaft Mühe mit Leuten, die gerade jene Rassen schützen wollten, die man über Jahre hinweg als minderwertig auszumerzen versuchte», schreibt Grünenfelder im Buch «Tschüpperli, Stiefelgeiss und andere Raritäten». Erst mit der zunehmenden Anerkennung in der breiten Öffentlichkeit, insbesondere nach dem Inkrafttreten der «Konvention über biologische Vielfalt» (Rio-Deklaration), wurde die Stiftung für voll genommen.

Auf den Spuren seltener Rassen
Durch ihren Einsatz hat ProSpecieRara vielen in der Schweiz vom Aussterben bedrohten Rassen das Überleben ermöglicht. Zurzeit sind es deren 26, welche der Verein fördert, unter anderen das Freiberger Pferd, das Evolèner Rind, das Engadinerschaf, die Stiefelgeiss (Bild oben), die Diepholzer Gans, das Wollschwein, der Appenzeller Sennenhund und die dunkle Landrassebiene.
Während ProSpecieRara zu Beginn ihres Bestehens selbst Tiere kaufte und sie an Züchter auslieh, sieht sie ihre Arbeit heute darin, Züchtervereine zu gründen und sie bei ihren Erhaltungsstrategien zu unterstützen. Auch bei der Vermarktung der Produkte, sei es Milch, Eier, Fleisch oder Wolle, nimmt die Stiftung eine immer wichtigere Rolle ein. Mit ihrem Label garantiert sie, dass diese Produkte von erhaltenswerten Tierrassen stammen.
1993 gründeten verschiedene europäische Organisationen die Save-Foundation (Sicherung der landwirtschaftlichen Arten-Vielfalt in Europa), als ihre Dachorganisation. Sie umfasst heute 18 Organisationen in 14 europäischen Ländern. Dies erleichtert den Erfahrungsaustausch und gemeinsame Projekte.
Mit dem Fall des eisernen Vorhanges öffnete sich ein neues, fruchtbares Gebiet in Ost- und Südosteuropa, namentlich in der Slowakei, Tschechien, Rumänien, Bulgarien und Griechenland. So hat die Organisation Amalfia (übersetzt: Füllhorn) in Griechenland 180 verschiedene Varietäten von Nutztierrassen gefunden, die vom Aussterben bedroht sind. Laut Hans-Peter Grünenfelder sind diese Rassen oft akut gefährdet, da die kleinen Bauernhöfe verschwinden und industrieartige Betriebe entstehen. Man müsse deswegen schnell handeln.
«Wir gehen dorthin, wo sonst niemand mehr hingeht», erklärt Grünenfelder. Manchmal geben ihnen die ein-heimischen Bauern oder Tierärzte einen Hinweis, dass es da noch so einen «Spinner» gäbe, der Tiere einer alten Rasse halte. Doch diese Leute seien keine Spinner, im Gegenteil. Es handle sich oft um ethnische Minderheiten. Komme man zu ihnen und interessiere sich für ihre Tiere, dann leuchteten ihre Augen auf. Denn ihre Tiere seien ihr Reichtum und ihre Freude, auch wenn es keine Hochleistungstiere seien.
Bei dieser Suche wurde beispielsweise das Prespa-Zwergrind im Dreiländereck von Griechenland, Mazedonien und Albanien wiederentdeckt. Die Kleinrinder werden nur knapp einen Meter gross, während unsere Braunviehkühe oft eine Schulterhöhe von mehr als 140 Zentimeter erreichen. Die kleinen zähen Rinder mit den harten Klauen können sich im steinigen Gelände ebenso behände bewegen wie im Sumpf, wo auch der stärkste Allradantrieb versagt. Sie ähneln sehr stark dem steinzeitlichen Torfrind, das bis zum 19. Jahrhundert noch in den Alpen anzutreffen war.
Als zoologische Sensation bezeichnet Grünenfelder das Siska-Schwein, das man in Albanien gefunden hat. Es sei ein Ur- oder Laufschwein mit langen Beinen, wenig Speck und Schinken. Sein Kennzeichen ist der lange «Torpedorüssel», mit dem es den Bauern den Boden für ihre Kulturen auflockert.
Ein globaler Rettungsplan
Im September organisierte die FAO, die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft, eine viel beachtete Tagung zum Thema Nutztiere in Interlaken. «Es war das erste Mal, dass die Weltgemeinschaft mit dem Ziel zusammenkam, der Erhaltung der Vielfalt der weltweit noch vorhandenen Nutztierrassen Gewicht zu geben», sagt Philippe Ammann von ProSpecieRara. Laut FAO stirbt weltweit monatlich eine Rasse aus, 20 Prozent der Nutztierrassen sind bedroht. Immer mehr Bauern züchten mit importierten anstatt mit einheimischen Tieren und bevorzugen damit nicht einheimische Rassen, obwohl Letztere oft wenig widerstandsfähig gegen örtliche Klimabedingungen und Krankheiten sind. Doch die moderne Technik und die Fütterung mit Kraftfutter machen es möglich.
Heute machen nur 15 Rassen ganze 90 Prozent aller Nutztiere aus. Um dieser Konzentration auf einige wenige Rassen Gegensteuer zu geben, verabschiedeten in Interlaken Delegierte aus 108 Ländern einen globalen Aktionsplan. Dieser sieht vor, alte Tierrassen zu registrieren und sie nachhaltig zu nutzen. Allerdings hat die FAO keinerlei Durchsetzungs- oder Sanktionsmöglichkeiten und kann nur durch Öffentlichkeitsarbeit Druck machen.
In Österreich fördert der Staat derzeit 31 vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen. Als wissenschaftliche Plattform setzt sich Öngene, die österreichische Nationalvereinigung für Genreserven, für deren Erhaltung ein. Arche Austria, eine unabhängige, private Initiative, engagiert sich schon seit über 20 Jahren für diese und für weitere alte Rassen.
Gegen die Vereinheitlichung
Der Verein kämpft für jedes einzelne vom Aussterben bedrohte Tier und versucht, die Bevölkerung auf die drohende Vereinheitlichung der landwirtschaftlichen Nutztiere aufmerksam zu machen. Wie für ProSpecieRara ist es auch für Arche Austria besonders wichtig, dass gefährdete Rassen in ihrer natürlichen Umgebung als lebende Genreserven und nicht als eingefrorene «Spermadepots» gehalten werden.
Wie Arche-Austria-Geschäftsführer Andreas Maurhart sagt, ist in Österreich seit der Gründung des Vereins keine alte Haustierrasse mehr ausgestorben. Waldschafe, Steinschafe, Brillenschafe, Pinzgauer- und Tauernscheckenziegen wurden aus der unmittelbaren Gefährdung herausgeführt; aber andere Schützlinge wie die Steirischen Scheckenziegen, das Montafoner Steinschaf oder der Österreichisch-Ungarische Weisse Esel sowie fast alle alten Geflügelrassen sind in ihrem Bestand noch immer akut gefährdet.
Der Autor
Der Autor Michael Götz ist promovierter Agrar-ingenieur und freier Agrarjournalist. Er arbeitet und wohnt im Kanton St. Gallen, wo er auch sein Beratungsbüro für tiergerechte Haltung (www.goetz-beratungen.ch) betreibt.
Links
• ProSpecieRara
• Save Foundation
• Arche Austria
Literatur
Das Buch «Tschüpperli, Stiefelgeiss und andere Raritäten» sowie der ProSpecieRara-Tierposter (50x100 cm) mit allen 26 gefährdeten Nutztierrassen in der Schweiz sind erhältlich bei der Stiftung ProSpecieRara, Pfrundweg 14, 5000 Aarau, Telefon 062 832 08 20. Das Buch kostet Fr. 15.–, das Poster 6.–.
Bilder: © FOTOLIA
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