Pflanzengeflüster

Damian Bugmann | Ausgabe 02 - 2010

Pflanzen kommunizieren untereinander und mit ihrer Umwelt. Sie warnen Artgenossen vor Frassfeinden, rufen Nützlinge herbei und vertreiben Schädlinge. Landwirte und Hobbygärtner können sich dies zunutze machen.

Pflanzen benützten ein vielfältiges Repertoire an Düften, um mit ihrer Umwelt zu kommunizieren, sagt der Chemiker Wilhelm Boland vom Max-Planck-Institut für chemische Ökologie in Jena, der das olfaktorische Pflanzengeflüster experimentell erforscht. Wenn Raupen oder Blattläuse zum Beispiel bei Limabohnen ein Blatt anfrässen, setze dieses aufgrund der mechanischen Beschädigung sofort eine Duftstoffwolke frei. «Das warnt die ganze Pflanze vor der drohenden Gefahr und löst in allen Blättern die Produktion von Abwehrstoffen aus», erklärt Boland.

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Lässt sich ein Schmarotzer von diesem Abwehrverhalten nicht beeindrucken, produzieren Limabohnen ein neues Duftbouquet, mit dem sie gezielt einen geeigneten Nützling zu Hilfe rufen. «Die Pflanzen erkennen ihre verschiedenen Frassfeinde am Speichel», so Boland, «und bitten jeweils die zur Abwehr geeigneten Raubmilben, Schlupfwespen oder Ameisen zu Tisch.»

In ihrem Buch «Pflanzen-Palaver» zeigt Florianne Koechlin, Basler Biologin und Mitglied der Eidgenössischen Ethikkommission für Biotechnologie im Ausserhumanbereich, eindrückliche Beispiele dafür, dass viele Pflanzen nicht nur oberirdisch mittels chemischer Botenstoffe zum Teil weiträumig kommunizieren und zusammenarbeiten, sondern auch unterirdisch über ihre Wurzeln miteinander und mit Pilzen, Bakterien und Würmern in einem Austausch stehen. Die Biologin ist sogar davon überzeugt, dass Pflanzen eine Art Nervensystem besitzen.

Altes Gärtnerwissen

Die Kommunikationsfähigkeit von Pflanzen und deren Reaktionen auf Artgenossinnen oder Frassfeinde lässt sich auch bei der natürlichen Schädlingsvorbeugung im Garten nutzen. «In der gärtnerischen und landwirtschaftlichen Praxis werden diese Phänomene unbewusst schon lange ausgenutzt, auch wenn die Forscher die genauen wissenschaftlichen Grundlagen und Begründungen dazu erst allmählich erarbeiten », sagt Lucius Tamm, Leiter der Fachgruppe Pflanzenschutz und Biodiversität des Forschungsinstituts für biologischen Landbau in Frick.

Ein Klassiker der natürlichen Schädlingsbekämpfung etwa ist Knoblauch. Bekannt als Vampirvertreiber in der christlichen und als Schutzpflanze in der vorchristlichen Welt wird er oft als natürliches Antibiotikum geschätzt und gegessen. Die im Knoblauch enthaltene Schwefelverbindung Alliin tötet Bakterien und Pilze und seine Präsenz im Garten bewahrt Gurken vor Mehltau, Beeren vor Grauschimmel oder der Rutenkrankheit und hält mit seinem strengen Geruch Möhrenfliegen, Erdbeermilben und Erdbeerälchen fern. Hülsenfrüchte hingegen lieben Knoblauch nicht.

Samen pilzanfälliger Pflanzen können laut Richberg vorbeugend mit Knoblauchbeize behandelt werden, Knoblauchjauche hält die Möhrenfliege fern und ein Knoblauchaufguss den Echten Mehltau. Knoblauchpflanzen zwischen den Obstspalierwurzeln wirken Schorf und dem Obstbaumkrebs entgegen.

Pflanzenbotschaften

«Jedem, was er verdient» Eine Raupe kraxelt auf ein Blatt der Limabohne und beginnt davon zu fressen. Die Pflanze stösst nach der obligaten Duftwarnung einen flüchtigen Stoff aus, der Schlupfwespen, die natürlichen Feinde der Raupe, aus grossen Distanzen anlockt.
«Biete Nektar und Wohnraum»
Viele Akazienarten produzieren an den Rändern ihrer Blätter unterschiedlich zusammengesetzten Nektar und locken damit verschiedene Ameisenarten an. Ihre bis fingerlangen Dornen sind eine visuelle und schmerzhafte Abschreckung gegen grosse Frassfeinde. Bei bestimm- ten Akazien sind die Dornen hohl und bieten Platz für Ameisen, die sich darin verstecken und auf Insekten oder Raupen warten und diese angreifen, wenn sie die Pflanze anknabbern.
«Schon besetzt»
Die Larven der Nachtschmetterlinge lassen sich gerne auf Blättern von Tabakpflanzen nieder, um sich von ihnen zu ernähren. Nachts kann die Tabakpflanze allerdings gasförmige Duftsignale ausstossen, Pflanzen benützten ein vielfältiges Repertoire an Düften, um mit ihrer Umwelt zu kommunizieren.

Mit Tomaten gegen Schädlinge

Tulpen, Lilien und Rosen werden in Gemeinschaft mit der Schwefelwurzel deutlich weniger von Pilzen und Blattläusen befallen. Im Blumenbeet macht sich der Schnittlauch mit seinen hell-lila Blüten sehr gut, aber Tomaten, Spargeln, Kohl, Buschbohnen und Erbsen vertragen ihn nicht. Zwiebel und Lauch können ähnliche Schutzfunktionen im Gartenbeet wahrnehmen wie die eng verwandten Schnitt- und Knoblauch.

Viele Gemüsepflanzen fühlen sich wohl in der Nachbarschaft von Tomaten: Salat, Spinat, Lauch, Bohne, Spargel und Kohl sowie Wurzelgemüse wie Rübe, Radieschen, Rettich oder Sellerie. Die Kartoffel – wie die Tomate ein Nachtschattengewächs – ebenso wie Rande, Erbse und Fenchel lieben sie dagegen nicht.

Basilikum wirkt gegen Blattläuse an Blumen, Gemüse und Obst und gegen Lilienhähnchen an Lilien und Kaiserkronen. Dill, Salbei und Beifuss schützen den Kohl vor Weisslingen, Kerbel am Rand des Salatbeetes bewahrt vor Läusen, Schnecken, Ameisen und Echtem Mehltau. Kapuzinerkresse, Anis, Koriander und Katzenminze schrecken Blattläuse ab.

Literatur
• Florianne Koechlin: «Pflanzen-Palaver – Belauschte Geheimnisse der botanischen Welt», Lenos Verlag 2009, Fr. 24.80
• Inga-Maria Richberg: «Altes Gärtnerwissen wieder entdeckt», BLV-Verlag 2007, Fr. 31.-

Fotos: okapia, fotolia.com


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