Passion Pilz
Im Reich der Pilze gibt es noch viele Geheimnisse zu lüften und beim Artenschutz grossen Nachholbedarf. Das treibt die Schweizer Wissenschaftlerin Beatrice Senn-Irlet an.

Frau Senn-Irlet, wann kamen Sie das erste Mal mit Pilzen in Kontakt?
Beatrice Senn-Irlet: Bewusst war das in meiner Kindheit. Damals gingen wir einmal mit dem Onkel im Gurnigel Pilze sammeln.
Und wann erwachte Ihr wissenschaftliches Interesse für Pilze?
Während des Botanikstudiums an der Universität Bern. Pilzkunde oder Mykologie ist kein eigenes Studienfach. Der Weg zu ihr führt über das Biologiestudium. Die Vielfalt dieser Organismengruppe faszinierte mich sofort.
Ist das nicht ein etwas exotisches Spezialgebiet der Biologie?
Spezialisiert schon, aber nicht exotisch. Pilze gehören zu den ältesten Lebensformen unserer Erde überhaupt und kommen in fast allen Natur- und Lebensbereichen vor. Ohne die Wurzelpilze unserer Bäume gäbe es beispielsweise keine Wälder. Ohne Hefepilze gäbe es weder Wein noch Brot und ohne Schimmelpilze weder Salami noch Penicillin.
Wenn man schon so viel über Pilze weiss, wofür braucht es dann noch die Mykologie?
Die Mykologie ist ein breites, aktuelles Teilgebiet der Biologie und entsprechend vielfältig sind ihre Aufgaben. Die Erfassung und Beschreibung aller existierenden Arten ist nur eine davon. Dazu kommen etwa die Untersuchung ihrer speziellen und zuweilen höchst seltsamen Lebensweisen, Funktionen und Erscheinungsformen.
Welche Rolle spielt die Pilzforschung in der Schweiz?
Auf vielen Teilgebieten der Mykologie hat die Schweizer Forschung schon bedeutende Beiträge geleistet. In der Forschungslandschaft gibt es jedoch ähnliche Trends wie in der Mode. Die genaue Einteilung und Benennung der unterschiedlichen Arten und die Erfassung ihrer Verwandtschaften untereinander, wir nennen das Taxonomie, und die ökologische Pilzforschung, gehörten da in den letzten Jahren eher zu den Verlierern.
Apropos Umweltschutz und Arterhaltung: Braucht es wirklich drei Arten tödlich giftiger Knollenblätterpilze?
Wir betreiben Naturschutz aus unterschiedlichen Gründen und Haltungen der Natur gegenüber. Vor einem religiösen, ethischen Hintergrund etwa gilt es alle Geschöpfe zu erhalten, unabhängig davon, ob deren Sinn für uns nun direkt einsehbar ist, ob sie nützlich oder gar schädlich sind.
Die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) befasst sich mit der Nutzung und dem Schutz von Landschaften und Lebensräumen. Welche Rolle spielen Pilze dabei?
Gegenwärtig befassen sich drei Forschungseinheiten der WSL mit Pilzen. Im Bereich der Biodiversitätsforschung, einer Art Bestandsaufnahme aller lebenden Arten, wird das nationale Datenzentrum für Pilze unterhalten. Zu unseren aktuellen Aufgaben gehört die Erstellung Roter Listen, in denen die bedrohten Arten aufgeführt sind.
Forschungsanstalt für Wald, Wiesen und Landschaft
Die WSL gehört zum ETH-Bereich. Rund 500 Mitarbeitende, aufgeteilt in 16 Forschungseinheiten, sind an der WSL tätig. Zu den Schwerpunkten in der Forschung gehören die Nutzung und der Schutz von Landschaften und Lebensräumen sowie die Erarbeitung von Entscheidungsgrundlagen und Modellen für eine nachhaltige und ökologische Umweltpolitik in der Schweiz.
Mehr Informationen unter www.wsl.ch oder www.swissfungi.ch
Sind Pilze auch beim Waldschutz ein Thema?
Ja, selbstverständlich. Im Bereich des Waldschutzes befasst sich eine Forschungsgruppe mit Pilzkrankheiten an einheimischen Baum arten.
Gibt es konkrete Schutzmassnahmen für einzelne Pilzarten?
Nein. Der Artenschutz von Pilzen hinkt jenem anderer Organismengruppen stark hinterher. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass vermehrt Versuche gemacht werden, seltene Arten zu kultivieren und zu züchten.

Muss man unsere Speisepilze schützen? Schliesslich findet sich ja keiner von ihnen auf der aktuellen Roten Liste für die Pilze der Schweiz.
Das ist eher eine politische als eine wissenschaftliche Frage. Sagen wir es so: Pilzsammler dürften sich freuen, dass keine Speisepilze zu den bedrohten Arten gehören.
Warum gibt es dennoch Beschränkungen?
Die Mengenbegrenzungen für das Pilzsammeln, etwa im Kanton Bern pro Person und Tag zwei Kilogramm, zielen mehr auf eine gerechtere Verteilung eines begehrten Waldproduktes als
auf den Pilzschutz.
Sie haben tagaus tagein beruflich mit Pilzen zu tun, können Sie da privat ein Pilzgericht überhaupt noch geniessen?
Aber sicher! Auf ein Gericht mit selbst gesammelten Steinpilzen, die zu meinen Lieblingspilzen gehören, möchte ich deswegen gewiss nicht verzichten.
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«Einem Giftpilz auf der Spur»: «natürlich leben»-Redakteur Hans-Peter Neukomm schreibt über das Rätsel um die Vergiftungen durch den Grünling in Europa, welches durch japanische Forscher endlich gelöst sein könnte.
Zur Person: Beatrice Senn-Irlet
Die Pilzforscherin wurde 1954 in Aarau geboren, wuchs in Bern auf und lebt heute mit ihrem Mann in Bolligen. Sie studierte Botanik an der Universität Bern und doktorierte 1986 mit einer Arbeit über hochalpine Pilze. 1996 habilitierte sie sich auf dem Gebiet der Systematik der Pilzgattung der Stummelfüsschen und ist seither Lehrbeauftragte an der Universität Bern. Im Jahre 2000 wechselte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf, wo sie unter andrem die nationale Pilzdatenbank betreut.
Bilder: René Berner, foto-net/Kurt Schorrer
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